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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 15.07.2016

Kindheitserinnerungen

Eigentlich sind meine Eltern daran schuld, dass mich meine Kinder peinlich finden.

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Gerne hätte ich Ihnen meine prägenden Kindheitserinnerungen erspart, das geht nur leider nicht. Sie verstehen sonst nicht, warum ich echt peinlich bin. Ich darf Sie also um kurze Aufmerksamkeit bitten: 

Wir schreiben die frühen Siebziger. Ein Mann und eine Frau tanzen durch ein Wohnzimmer, in dem ein Plattenspieler steht. Ein kleines Kind schaut ihnen zu. Das bin ich. Die Tanzenden sind meine Eltern. Sie wiegen sich im Rhythmus von Barry Whites „Can’t Get Enough“. Ich, das Kind, bin fasziniert. Nicht von meinen Eltern, sondern davon, dass Barry, immer wenn mein Vater diese Platte auf den Plattenspieler legt, tatsächlich zu singen beginnt. Ich glaube, dass Barry White dann – quasi im wirklichen Leben – einen Impuls oder Schlag oder sonst was erhält, und daraufhin singen MUSS.

Barry White tut mir aufrichtig leid. Etwa abends, wenn er sicher müde ist, und schon wieder von meinen Eltern zum Singen gezwungen wird. Armes Schwein. So nannte mein Vater einen Kollegen, der gekündigt wurde. Barry White ist auch ein armes Schwein, finde ich. Und überlege, wann der eigentlich aufs Klo geht, wenn doch jederzeit Gefahr besteht, dass er für meine Eltern wieder singen muss. (Sie sehen, ich war ein ziemlich soziales Kind.) Einmal schleiche ich nach Mitternacht ins Wohnzimmer und lege besagte Platte auf, nur um zu testen, ob Barry auch nach Mitternacht noch singt. Ich bin beeindruckt! Und er klingt gar nicht müde!

 

"Barry White und ich ziehen uns neuerdings gerne ins Auto zurück.
Kleine Schweinereien, Sie verstehen … "

Jahrzehnte später, wir schreiben einen lauen Juni-Abend, 2016. Ich fummle auf meinem Smartphone, stöbere auf YouTube zufällig Barry White auf, der inbrünstig „Can’t Get Enough From Your Love“ schmettert. „Jö!“, rufe ich erfreut in Richtung der geliebten Brut, „ich spiel’ euch jetzt mal richtig gute Musik vor!“ Barry gibt auf YouTube sein Äußerstes. (Noch immer! Echt ein armes Schwein.) Die Brut schweigt düster und fummelt auf ihren Smartphones herum. Ich, gut in Fahrt, steppe singend auf den Kühl-schrank zu, da perlen dem weisen 12-Jährigen, der mich eiskalt beobachtet, die Worte über die Lippen: „Boah, Mama, bist du peinlich!“ Dann nickt er seiner Schwester zu, beide verlassen erschüttert den Saal. 

An seinen Kindern erkennt man, wie alt man ist. Später versuchte ich den Kindern zu erklären, was eine Schallplatte ist. Achtung! Sollten Sie dergleichen planen, achten Sie bei der Beschreibung darauf, die Wörter „damals“ oder „früher“ zu vermeiden. Sagen Sie nichts in der Art von „Liebes Kind, damals, als dein Vater noch langes Haar hatte und beglückt die neue Led-Zeppelin-LP aus der Hülle zog …“, sondern sagen Sie knapp: „Eine Schallplatte ist der Vorläufer der CD.“ Aus Selbstschutzgründen zu vermeiden sind auch Sätze, die mit „in meiner Jugend …“ beginnen. Die signalisieren, dass Sie in der Gegenwart nur noch zu Gast sind. 

Barry White und ich ziehen uns neuerdings gerne ins Auto zurück, um unseren kleinen Schweinereien nachzugehen. Vielleicht braucht mich Barry mittlerweile ja auch, damit er öfter singen kann. Vielleicht hat er niemanden mehr sonst auf der Welt …

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