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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 02.04.2018

Kolumne: Look into my Life by Uschi Fellner

Heute erzähle ich von meiner versteckten Leidenschaft. Und was für einer!

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look! Herausgeberin Uschi Fellner.

Ich weiß nicht ob es normal ist, auf eine Wurstsemmel neidisch zu sein. Jedenfalls hat mich der Neid auf die Salami-Semmel meiner Schulkollegin Karin Gerlach während der gesamten Volksschulzeit begleitet und – ich fürchte – nachhaltig geprägt. Meine Mutter gab mir immer ein gesundes Jausenbrot mit. Vollkorn, belegt mit Käse und Paprikaringen. Eh gut. Manchmal auch ohne Paprikaringe, wenn sie es eilig hatte. Das waren dann die harten Tage. Denn Karin Gerlach, die wie ein Naturgesetz vier Jahre lang von der Frau Lehrerin genau vor mir platziert wurde, biss in meiner Wahrnehmung dann besonders genüsslich in ihre Salami-Semmel. Erschwerend kam hinzu, dass es sich um eine beim Greißler gekaufte Salami-Semmel handelte, denn Karin Gerlachs Mutter fackelte morgens nicht lange herum. Statt der Tochter das Brot zu schmieren, drückte sie ihr täglich Geld in die Hand, das Karin umgehend in das Objekt meiner Begierde investierte.

Ich bewunderte Mutter und Tochter für diese äußerst coole Vorgehensweise über alle Maßen und während ich lustlos an meinem biederen Vollkorn-Teil kaute und den Duft der Salami-Semmel vor mir inhalierte und fantasierte, später einmal wie Dagobert Duck in einem Geldspeicher zu baden, der statt Goldtalern Salami-Semmeln bunkert, setzte sich ein handfester Salami-Semmel-Komplex in mir fest. Und der ist dramatisch. Ich kann ohne Salami-Semmel praktisch nicht leben. In jedem Supermarkt führt mein erster Gang zur Wursttheke. Fünf Deka Ungarische, hauchdünn, in eine Semmel, bitte! (Es dürfen gern auch sieben oder an hohen Feiertagen, z. B. einem grauen, mühsamen Montag, auch 10 Deka sein). Mit Gurkerl.

Da die Kinder meine Leidenschaft nicht teilen, entgehen sie dem trüben Schicksal, täglich zum Abendbrot ein bis zwei liebevoll zubereitete Salami-Semmeln vorzufinden. Sehr schade. Wir könnten uns alle damit etwas Gutes tun und mir die ewige Kocherei und die lästige Frage ersparen: „Was wollt ihr heute essen?“ Insgeheim hoffe ich noch immer, dass irgendwann mal einer in der Sippe ruft: „Heute hätte ich so richtig Lust auf eine geile Salami-Semmel!“ Aber nein. Sie wollen Nudeln, Nudeln, Nudeln. Oder Huhn mit Reis. Oder sie wollen „Egal!“„Egal!“ ist das beliebteste Gericht bei uns daheim. „Egal“ grenzt Sala­mi-Semmeln eindeutig aus. „Die kannst du gerne selber essen“, ist noch der netteste Kommentar meiner verwöhnten Brut.

Als die Kinder klein, pflegeleicht und hilflos waren, erklärte ich ihnen unter Aufbietung meines beachtlichen Schauspiel-Talents, dass in ganz Österreich alle Lebensmittel außer Semmeln und Salami blöderweise ausverkauft seien und wir deshalb heute leider wieder ... Dieser Schmäh hat gut zehn Mal funktioniert, dann wurde ich der Lüge überführt und mit familiärem Salami-Semmel-Boykott bestraft. Allein schon wegen einer frischen, beim Bäcker gekauften Salami-Semmel gehe ich jeden Montag gerne ins Büro. Vermutlich aufgrund meines selbst geschmierten Vollkorn-Traumas schmecken mir die gekauften Salami-Semmeln deutlich besser.

Ich bin eine ewig Suchende. Seit Jahrzehnten auf der Suche nach der weltbesten Salami-Semmel, aber keine wird jemals an die von Karin Gerlach herankommen. Wenn Sie mir einmal eine kleine Freude machen wollen: Geben Sie mir etwas Geld, lassen Sie mich dann still vor Ihnen Platz nehmen und meine frisch gekaufte Salami-Semmel schnabulieren, während Sie selbst (hinter mir!) an einem Vollkornbrot kauen. Es sind die kleinen Triumphe, die zählen. Denn in Wahrheit will ich doch nur eines: einmal im Leben Karin Gerlach sein und die kleine Vollkorn-Uschi hinter mir so richtig vernichten.

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