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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 06.11.2017

look into my life by Uschi Fellner

Weihnachten ist nicht mehr weit. Ich habe jedenfalls meine Vorkehrungen getroffen.

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© iStock by Getty Images

Da stehe ich nun in meinem Garten, mit einem leisen Lächeln. Es ist Sonntag, früh am Morgen. Nebelschwaden im Apfelbaum. Nacktschnecken ziehen ihre Bahnen durch das feuchte Gras. Bin extra früh auf, damit mich keiner sieht. Denn das, was jetzt gleich kommt, mache ich am liebsten mit mir alleine aus. Nur ich, der Garten, das Laub. Und ein gezücktes Maßband in meiner Hand.


Oha, was ist das? Verdächtiges ­Rascheln im Nachbargarten. Spähe durch den Kirschlorbeer. Mein Nachbar zur Rechten streift durch sein Gemüse­beet. Dachte ich’s mir doch! In seinen Händen ein Maßband. Er hat den Gesichtsausdruck, den er immer hat um diese Jahreszeit, wenn er sich mit ­gezücktem Maßband Sonntagfrüh herumtreibt. Jetzt hat er mich gesehen. Wir nicken einander freundlich zu. Ohne Worte. So wie jedes Jahr um ­diese Zeit.

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Weihnachten naht. © iStock by Getty Images

Hoppla, jetzt komm ich! Denkt sich offenbar der Nachbar zur Linken, der jetzt ebenfalls in seinem Garten ­auftaucht. Vermutlich aufgescheucht durch das verräterische Vorgehen meinerseits und des Nachbarn zur Rechten. Nicht weiter erwähnenswert, dass der Linke ebenfalls ein Maßband in der Hand hält.
Spion, Spion. Jeder von uns dreien schlendert wie zufällig mit seinem Messgerät herum, die beiden anderen scharf im Blick. Drei Täter auf der ­Suche. Wir stecken das jeweilige Revier ab für die jährliche Gartenparade unserer, äh, Leucht-Rentiere.


Vielleicht sollte ich einmal mit ­einem Kriminalpsychologen darüber reden, wie sich Lämmer fühlen, kurz bevor sie selbst zu Wölfen werden. Vielleicht fühlen die sich ähnlich wie wir. Meine Nachbarn und ich, wir wollen es tun, wir MÜSSEN es tun. Unsere weihnachtlichen Leucht-Rentiere genau so platzieren, dass sie DEN ­ANDEREN NACHBARN UNBEDINGT DIE SHOW STEHLEN!

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© iStock by Getty Images

In jedem Täter wohnt auch ein Poet (umgekehrt natürlich auch). Der Poet in mir genießt noch ein Minütchen die Idylle eines nebelschweren Gartens. So still. So friedlich. So schön. Vorübergehend hat es sich allerdings aus­poetisiert. Sie sollten mich jetzt sehen! Nicht nur aus Kälteschutzgründen ­trage ich zu diesem Zweck gerne meine Bankräuberhaube, schwarz, mit Mund- und Sehschlitzen. Während meine nichts ahnenden Nachbarn noch immer harmlos vor sich hin messen, habe ich schweres Gerät in Kraft gesetzt. Laubsauger mit Elektromotor, Viertakt-Gebläse und integriertem Häcksler. Nothing’s gonna stop us now!

 

"In jedem Täter wohnt auch ein Poet. Umgekehrt natürlich auch."

 

Ich sauge den Garten frei für meine Rentier-Herde, was heißt den Garten! Ich sauge die ganze Stadt frei, wenn es sein muss, das Land, die Welt! Tonnenweise zersauge und zerhäcksle ich das Laub, das meinen Rentieren den Weg versperrt. Volle Pulle!

Die Nachbarn spähen irritiert über den Zaun. Ich kenne keine Gnade. Es lebe das leuchtende Rentier und seine Familie! Und zwar ab sofort! Der rechte und der linke Nachbar rechnen mit meiner Leuchtorgie nicht vor dem nächsten Wochenende, sie werden sich wundern, har-har. Ab ­sofort in meinem Vorgarten, weithin sichtbar über die Gasse, wenn nicht über den ganzen Bezirk: Rentierpapa, Rentiermama und sechs Rentierkinder. Und als Trumpf: heuer erstmals auch Rentieropa! Plus extra blinkendem ­Geweih-Aufsatz in der Weihnachts-Modefarbe Kristall! Ich bin die ungekrönte Königin der Leucht-­Rentiere! Und sonst, nein, hab ich derzeit ­eigentlich keine anderen Sorgen.

 

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