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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 12.10.2015

Meine Sucht ist dort, wo sie keiner vermutet

Immer wieder fragt man mich nach meinen Lastern. Rauche nicht, trinke wenig. Aber was ist es dann?

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Ich oute mich hiermit.


Keine Angst, so schlimm wird es nicht. Keine Leiche im Keller, von der ich wüsste, keine Unanständigkeiten, die ich bereue. Trotzdem ist es nicht einfach, das zu sagen, was ich jetzt verrate. Ich bin ein Fan von … (Trommelwirbel aus dem Off!) … also, von Rabattmarken.
Was heißt Fan. Ein Leben ohne Rabattmarken ist möglich, aber unspannend. Halten Sie mir eine Rabattmarke hin, treu ergeben werde ich Ihnen folgen. Vermutlich war ich in einem früheren Leben eine Rabattmarke. Also ganz am Anfang, noch vor der Ameise. Man entwickelt sich nach spiritueller Lehre ja weiter, insoferne habe ich bereits die höchste aller für mich denkbaren Stufen erreicht. Herrscherin über hunderte, nein, tausende Rabattmarken, ha! Sie müssten mal sehen, wo ich überall Rabattmarken horte.


Auf, unter, in meinem Schreibtisch. Auf, unter, in jedem Schrank. In jeder verfügbaren Handtasche und Geldbörse. In allen Jacken- und Manteltaschen und das sind viele. Eine Zeit lang hing ich der Idee nach, den Kindern zu diversen Anlässen Rabattmarken zu schenken. Mal was anderes. Kam nicht besonders an.
Das alles ist natürlich nicht schlimm. Was schlimm ist, sind die Blicke der anderen, wenn ich versuche, mit meinen Rabattmarken, die ich dann, wenn ich sie brauche, nie zur Hand habe, redlich an meinen Rabatt zu gelangen. Ich beim Bäcker des Vertrauens: „Kann ich die drei Semmeln eigentlich mit meinen Rabattmarken bezahlen?“ Bäcker: „Wie viele haben Sie denn?“ Ich (hektisch kramend, triumphierend mit einer Rabattmarken-Schlange wedelnd): „Sehr viele, sehen Sie!“ Bäcker: „Hm, das sind die Marken von einem anderen Bäcker.“ Ich (hektisch kramend): „Moment, gleich!“
Hinter mir stehen Menschen, die offenbar frei von materieller Gier sind (sonst würden sie auch Rabattmarken sammeln).
Die Kiefer dieser Menschen mahlen. Die Gespräche verstummen. Die Blicke, starr. Nach vorne und auf meine Rabattmarken gerichtet. Eingefrorene Gesichter. Säuerlich verzogene Mundregionen.


Moment, Leute, Ruhe bewahren! Ich hatte doch die Marken vorhin noch in der Hand … Ich: „Das ist jetzt blöd, ich hab offenbar die falschen Marken eingesteckt. Kann ich die Marken nachbringen?“ ­Bäcker: „Sicher. Aber die Semmeln müssen Sie bezahlen.“ Ich: „Aber wenn ich verspreche, die Marken zu bringen? Und die anderen als Pfand bei Ihnen lasse?“
Alles blickt, blickt, blickt. Den Bäcker an. Mich an. Bei einem klingelt das Handy. Er drückt die Nummer weg. Hätte ich auch getan, jetzt, wo die Spannung steigt. Vor der Bäckerei hat sich eine Traube von Menschen gebildet. Geraune im Hintergrund. Ich könnte jetzt schnell meine Semmeln zahlen und gehen. Oder die Sache ausdiskutieren. Geh mit den falschen Rabattmarken in eine Bäckerei und du weißt, warum die Leute so wenig Humor haben, morgens früh um acht.

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