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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 07.10.2016

Zeit uns wieder einzupacken!

Im Winter sind die Menschen besser angezogen als im Sommer. Was das mit Nudisten in Sylt zu tun hat?

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Eine meiner sinnlosesten Eigen­schaften ist, dass ich mich für andere gründlich schämen kann. © iStock by Getty Images

Gut, dass der Sommer vorbei ist, denn bei fallenden Temperaturen steigt das modische Niveau auf ein erträgliches Maß. Wenn es heiß ist, schmilzt das Stilempfinden. Pobacken, Schenkel, Bäuche, kurz: Körperteile, die normalerweise ungestört vor sich hinwabbern dürfen, werden im Sommer würdelos entblößt. Wäre ich der Bauch eines 60-plus-Wabberpapas im zwei Nummern zu kleinen T-Shirt, oder wäre ich das Kampf-Dekolleté einer „60 ist das neue 30“-Bombe – ich würde gnädige Minusgrade herbeisehnen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Schon allein aus Selbstschutzgründen habe ich gelernt, Problemzonen zu akzeptieren. Warum so viele Menschen in ihren erwachsenen Jahren ausgerechnet ihre größten Schwachstellen zur Schau stellen, führe ich auf den sogenannten Midlife-Trotz zurück. Alle sollen sehen, dass man wie ein trauriger Elefant aussieht, und sich, ätsch!, auch gleich als traurige Elefanten fühlen.

„Ich habe das Grauen gesehen“, war übrigens der Arbeitstitel für eine Deutsch-Schularbeit meines Sohnes. Keine Ahnung, ob das Unterrichtsministerium auf so lustige Idee kommt. Oder das Thema einer Lehrperson einfiel, die den Sommerurlaub im Diät-Challenge-Camp unter Menschen mit zu engen T-Shirts verbrachte. Jedenfalls hatte mein Sohn die Gnade, nicht seine Mutter beim Bikinikauf in der neongrün beleuchteten Umkleidekabine zu beschreiben. Er erzählte vielmehr eine Anekdote von unserem Kurzurlaub vor ein paar Wochen auf der Nordseeinsel Sylt:

„Unser Hotel lag in den Dünen an einem langen Strand“, schrieb mein Sohn. „Dort sahen wir viele alte Leute, die außer einem Sonnenhut kein Gewand trugen. Sie spielten als Nackerte Strandball und freuten sich anscheinend sehr, ihren Körper lüften zu können.“

Tatsächlich lag unser Hotel ausgerechnet im Nudisten-Abschnitt des Strandes und ja, es ist gewöhnungsbedürftig, frohe Greise mit baumelnden Gemächten beim Körper-Auslüften zu sehen. Falls Sie jetzt denken, ich hätte ja einfach nur wegschauen müssen. Hab ich auch. Eine meiner sinnlosesten Eigenschaften ist, dass ich mich für andere gründlich schämen kann. Bevor ich nackt vor Publikum einen öffentlichen Strand besuche, würde ich … naja, vorher zumindest den Bikini anziehen.

Aber halt! Ich muss jetzt meinen Sohn rehabilitieren! Zu seiner Ehre sei gesagt, dass sein Aufsatz in der Beschreibung gipfelte, wie ein Fischotter schmatzend eine verletzte Möwe in ihre blutigen Bestandteile zerlegte. DAS meinte er mit „Ich habe das Grauen gesehen“ (was dachten Sie denn?).

Gut also, dass der Sommer vorbei ist. Zumindest bis Ostern werde ich mich nicht im Bikini fett und hässlich fühlen, was daran liegt, dass ich bis mindestens Ostern keinen Bikini tragen muss. Ein beruhigender Gedanke. Als ich in Sylt, als überzeugte Nicht-Nudistin, im Bikini ein weinerliches „Ich fühl mich heute irgendwie so dick“ in die Runde warf, bemerkte mein Mann großzügig: „Macht doch nichts! Der Trend geht eindeutig zu molligen Frauen.“ Schön, wenn die Umgebung so liebevoll reagiert.

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