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Lifestyle | 17.03.2015

Seitensprung

Wenn der Kuss des eigenen Partners zu sehr nach Gewohnheit schmeckt, lockt oft der Reiz des Unbekannten: Im Frühling haben Affären Hochsaison. Wir haben mit drei Experten in Sachen Seitensprung gesprochen.

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Auf der Höhenstraße kurz vor Klosterneuburg gibt es eine Nische, die sehr beliebt ist bei Pärchen: uneinsichtig, schöner Ausblick. Hier treffen sich die Verliebten Wiens, wenn es romantisch zugehen soll. Im Frühling, wenn das zarte Blätterdach der umliegenden Laubwälder wieder dichter wird und der harte Winter den Reiz aus den verruchten Matratzen des Hotel Orient getrieben hat, kommen die Affären her. Schneeglöckchen und Primeln, die im März hier wachsen, bevor sie den ungeschickten Parkmanövern der häufig wechselnden Besucher zum Opfer fallen, könnten Geschichten erzählen. Die vielen Spanner, die hier in Tarnkleidung ihren Stammplatz haben, auch: von Ministern und Maurern, die allabendlich ihren Kampf zwischen Trieben und Treue ausleben.

Viele, die den Frühling mit Erotik am Beifahrersitz hinterm Kahlenberg beginnen, sitzen später vor Gericht. Auf dem Richterpult ein Stapel eindeutiger Fotos, aufgenommen mit starken Tele-Objek­tiven, umrahmt vom – trügerischen, noch zu wenig dichten – Blätterwald. Manchmal nutzen Detektive die "Naturfenster" der Spanner. Romantische Ehebrecher, die es nicht erwarten können, ins Freie zu kommen, machen die Beweisbeschaffung in Scheidungsprozessen einfach. "Das Dümmste, was auch der beste Verteidiger nicht mehr argumentieren. Ein Seitensprung bzw. Ehebruch", erläutert Wiens prominenteste Scheidungsanwältin Helene Klaar, "ist laut Gesetzbuch in Österreich nach wie vor eine schwere Eheverfehlung und berechtigt den Partner zur Scheidung." Auch wenn das in den Augen vieler nicht zeitgemäß ist: "Es gibt Theorien, die besagen, dass die Ehe zu einer Zeit erfunden wurde, als die Menschen mit 30 gestorben sind, und dass der Mensch nicht für die Monogamie geschaffen ist. Sexuelle Treue wird in meinen Augen schon ein bisschen überbewertet. Wesentlich ist in meinen Augen die soziale Treue, aber was das betrifft, hält der Gesetzgeber nicht mit. Wenn man also eine Kurzzeitaffäre hat, sollte man am besten den Mund halten und sich nicht erwischen lassen."

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Im Frühling fallen die Hemmungen. Vorsicht Seitensprung!

Rund 60 % der Männer und Frauen gehen einmal im Leben fremd, schreibt Autorin Gabriele Hasmann in ihrem Buch "Seitensprung. Treuetester decken auf". Auch sie ist der Ansicht, dass das Konzept der Monogamie eine gesellschaftliche Fehlentwicklung ist. "Es ist ziemlicher Schwachsinn!", sagt sie. "Wenn man allerdings einen Partner hat, der Wert auf Treue legt, sollte man es zumindest versuchen." Wenn der Versuch gescheitert ist, kommt für viele überraschend, wer die Menschen sind, mit denen fremdgegangen wird: "Die Optik ist da in den meisten Fällen vollkommen egal", erklärt Hasmann. "Ob derjenige dick ist oder dünn, klein oder groß, kurze, lange, blonde, schwarze Haare hat … im Prinzip ist das nebensächlich. Es geht um den Spaß, um das Charmante, das zu Hause oft auf der Strecke bleibt." Ehepartner, die den Alltag zwischen Job, Kindererziehung, Haushalt und Beziehung gerade so meistern, vergessen oft, wie man "Nimm gefälligst den Mist mit, wenn du runtergehst!" charmant formuliert. Genauso bleiben auch sexuelle Bedürfnisse in Beziehungen oft auf der Strecke: "Wie auch nicht?!", meint Scheidungsanwältin Klaar. "Wenn man um 6 Uhr aufsteht, die Kinder in den Kindergarten bringt, acht Stunden arbeitet, die Kinder wieder abholt, wäscht und putzt … dann sinkt man am Abend ins Bett und ist kein spritziger Sexpartner mehr. Das kann man auch niemandem vorwerfen." Männer wie Frauen würden dann gleichermaßen gern zur Seite springen, um ihr Bedürfnis nach prickelnder Leidenschaft und Erotik zu stillen … Wenn man bei dieser Gelegenheit auf einem Parkplatz auf der Höhenstraße landet, sollte man dennoch auf ausreichend dichtes Blätterwerk in den umliegenden Laubbäumen achten. Der Vorsicht halber.

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Berufsdetektiv Christopher Schätz

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Spurensucher

Christopher Schätz ist seit 1996 Berufsdetektiv. Seitdem hat er in über 1.000 Scheidungsfällen Beweise für Seitensprünge gesammelt: „Es ist schwieriger Frauen zu observieren. Sie machen das intelligenter und weniger emotional; sind sich eher bewusst, dass sie überwacht werden könnten. Männer schauen die ersten 10, 15 Minuten, ob ihnen wer folgt, und dann geben sie sich auch in der Öffentlichkeit der Liebe hin: der größte Fehler, den man beim Seitensprung machen kann.“


Scheidungsanwältin Dr. Helene Klaar

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Trennungsgrund

Wiens prominenteste Scheidungsanwältin ist seit 37 Jahren glücklich verheiratet. Eine Affäre ist ihrer Ansicht nach kein zwingender Trennungsgrund: „Wenn Ihr fescher Mann ein Verhältnis hat, dafür aber Pflegeurlaub nimmt, wenn das gemeinsame Kind krank wird, ist das in meinen Augen ein besserer Ehemann, als ein Fadian, den keine andere anschaut, der aber – wenn das Kind hustet – mit den Koffern zu seiner Mutti zieht, damit er sich nicht ansteckt! Vor Gericht wäre die Affäre des Mannes dennoch eine schwere Eheverfehlung.“


Autorin Gabriele Hasmann

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Lockvogel

Gabriele Hasmann ließ sich für ihr Buchprojekt „Seitensprünge. Treuetester decken auf“ zahlreiche Lockvogel-Anekdoten erzählen und ist überzeugt: „Männer und Frauen betrügen gleichermaßen! Das hält sich die Waage!“ Dass Affären selbst in kaiserlichen Kreisen vorkamen, deckt die Journalistin in ihrem neuesten Werk „Wien zu zweit“ auf, wo sie von Kaiser Franz Josephs Seitensprung mit einem zu Beginn der Liaison erst 15-jährigen Mädchen berichtet, mit dem er Sisi 13 Jahre lang betrog.

 

Text: Verena Randolf
Fotos: Stefan Joham, Shutterstock

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