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Lifestyle | 14.09.2017

Der Krebs ist mein Begleiter

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Bloggerin und Brustkrebsaktivistin.

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Mir ist lieber, man fragt mir Löcher in den Bauch, als es wird hinter mir getuschelt. © Recover your smile, Tom Haider

Keine Tabus, keine Scham. Sie wollte von Beginn an offen mit ihrer Krankheit umgehen. Vor mehr als einem Jahr startete Claudia Altmann-Pospischek mit ihrem Facebook-Blog. Mit 50, 60 Interessierten hatte sie gerechnet, heute zählt „Claudia’s Cancer Challenge“ mehr als 2.600 Abonnenten. Die Organisation „Dancer against Cancer“ zeichnete sie im Vorjahr für ihr Engagement mit dem myAid Award aus. Das Interview mit Claudia ist kaum ein paar Stunden her, da postet sie schon das Selfie von uns beiden: Sie ist gespannt auf den Artikel, der nun über sie entsteht, schreibt sie. Welche Worte aber können jener Frau gerecht werden, die 2013 damit konfrontiert wurde, dass sie keine Chance auf Heilung hat – und mich nun strahlend in ihrem Haus in Wiener Neustadt empfängt? Jener Frau, die Tiefs hinter sich hat, in denen ein Gang durch den Supermarkt ihr solch höllische Schmerzen bereitete, dass sie sich „zwischendurch an den Regalen festhalten und ausruhen musste“. Claudias Krankengeschichte begann mit einem seltsamen Stechen in der Brust und einer spürbaren Unebenheit. Sie, die keine Gynäkologen- Kontrolle je verpasst hatte, erblich nicht vorbelastet war, ging sofort zum Arzt. Die Diagnose: metastasierter Brustkrebs.

 

look: Der Moment der Diagnose: Wie hast du ihn erlebt?

Claudia: Das war ein fürchterlicher Schock. Du hast das Gefühl, es zieht dir jemand den Boden unter den Füßen weg, du fällst in ein tiefes schwarzes Loch. Du hast schreckliche Angst, bist überfordert mit der Situation. Ich war gerade 38 und es stand schnell fest, dass ich unheilbar bin. Nach der Trauerphase fragst du dich: Wie kann es weitergehen?  Es gibt nur zwei Alternativen: zu Hause sitzen und aufs Sterben warten oder alle Therapien durchziehen und den Lebensmut nicht verlieren. Für mich kam nur die zweite Variante infrage.

 

Wie ist es für dich, über deine Krankheit zu sprechen?

Ich habe mich entschieden, dass ich das öffentlich mache: mit meinem Blog und meinem Buch, das ich gerade schreibe. Somit können mir die Leute Löcher in den Bauch fragen, das macht mir nichts; das ist mir lieber, als es wird hinter meinem Rücken getuschelt. Ich bin für meinen offenen Umgang nur belohnt worden. Und es bringt auch etwas: Man kann Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen regelmäßig zur Mammografie gehen, und zeigen, dass man selbst mit einer metastasierten Erkrankung leben kann. Mein Blog ist außerdem Teil meines Verarbeitungsprozesses.

 

 

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Bloggerin und Brustkrebsaktivistin Claudia Altmann-Pospischek mit Ehemann Peter. © Fotomanufaktur Grünwald

Wie geht es dir heute?

Meine Diagnose lautete 2013: fortgeschrittener Brustkrebs mit Leber- und Knochenmetastasen. Damals hat man mir gesagt, dass die durchschnittliche Überlebenszeit zwei Jahre betragen würde. Das ist grausam; ich wusste nicht, ob ich meinen 40er erlebe. Deswegen habe ich ihn auch ganz groß gefeiert – mit einer 80er-Jahre-Party (lacht)! Mein behandelnder Arzt formuliert das heute so: Wir legen die Strategie auf zehn Jahre aus und sehen dann, wie es weitergeht. Aber ich muss realistisch sein, nächstes Jahr sind es fünf Jahre – damit gehöre ich zu den Langzeitüberlebenden. Dass ich im Moment tumorfrei bin, hätten mir die Ärzte nicht zugetraut.

 

Welche Therapien, welche Untersuchungen musst du jetzt machen?

Ich habe meinen TÜV quasi alle drei Monate, die Stunden des Wartens auf den Befund sind schrecklich. Aber wenn es positive Nachrichten gibt, habe ich wieder für drei Monate Narrenfreiheit (lacht). Ich bekomme alle drei Wochen meine Antikörpertherapie mittels Infusion, schlucke Antihormon-Tabletten, brauche regelmäßig Knochenaufbauspritzen. Ich habe therapiebedingt hohen Blutdruck, hohes Cholesterin, werde schnell müde, habe Schlafstörungen, Wechselbeschwerden, bin am Morgen ganz steif beim Aufstehen, habe oft Kopfweh, geschwollene Beine, trockene Haut … Das sind Dinge, die einzeln nicht schlimm erscheinen, das ganze Paket wiegt dennoch schwer. Aber: Damit lässt es sich trotzdem ganz gut leben.

 

Glaubst du, dass deine positive Einstellung die Krankheit beeinflussen kann?


Ich glaube, dass eine positive Grundeinstellung etwas sehr Wertvolles im Umgang mit Krebs ist. Was aber nicht heißt, dass man die Angst und die grauen Tage völlig verbannen soll. Man muss sich dann immer wieder selbst am Schopf aus dem Elend herausziehen. Ich sehe mein Leben als Lichterkette, an der ich mich entlanghantle und an der immer wieder helle Lichter leuchten: Reisen, Konzerte, Treffen mit lieben Menschen. Das sind meine kleinen Ziele.

 

 

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© Fotomanufaktur Grünwald

Wie sehr bestimmt der Krebs deinen Alltag?

Die Krankheit ist mein Beifahrer; ich werde sie nicht mehr los – aber ich lasse mir von ihr nicht ins Steuer greifen. Außer ich fliege weg, dann lasse ich den Krebs zu Hause und bin frei und unbeschwert. Daheim aber braucht die Krankheit Platz; ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn man sie totschweigt. Man muss damit umgehen lernen.

 

Deine Kraftquelle sind deine Eltern, deine Freunde – und dein Ehemann Peter. Wie hat sich eure Beziehung verändert?

Unsere Beziehung ist enger geworden. Wir sehen den Krebs als Krankheit, die unser beider Aufgabe ist. Wir können sehr gut reden, sind nach wie vor die besten Freunde und teilen dieselben Interessen. Und wir lachen viel. Es ist wichtig, dass man auch über den Krebs lachen kann.

 

Das könnt ihr?

Jetzt zeige ich dir, was ich mir gestern gekauft habe – Peter war dabei! (Claudia holt ein Kleid aus einem Sackerl) Ich musste das haben: ein blaues Sommerkleid mit aufgedruckten roten Krebsen! So seltsam das klingt, selbst über eine todbringende Krankheit muss man ab und zu lachen können, das nimmt ein bisserl den Schrecken!

 

Was magst du Betroffenen weitergeben?

Ich empfehle, den Weg der Schulmedizin nicht zu verlassen. Aber ebenso, alternativ alles dazu zu machen, was einem guttut, einen stärkt: Ob das nun Reiki, Shiatsu, TCM oder etwas anderes ist. Und auf jeden Fall zur Österreichischen Krebshilfe zu gehen, weil es da ein breites Serviceangebot gibt: von der psychoonkologischen Beratung bis hin zu praktischen Infos. Das war auch mein Rettungsring. Nicht den Lebensmut verlieren! Und generell: Bitte regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Früh erkannt, hat man mit Brustkrebs die besten Heilungschancen!

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