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Lifestyle | 08.03.2017

Die Stunde der Frauen!

Zeitenwende. Zum Weltfrauentag am 8. März spricht Soziologin Edit Schlaffer über die aktuelle weibliche Kraft und Macht. Sie sagt: „Es ist das neue Jahrhundert der Frauen. Wir machen einen Quantensprung nach vorn.“

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„Die politische Veränderung kommt aus dem Persönlichen.“ Edit Schlaffner © Getty Images

Ihr ganz persönlicher Wunsch zum Weltfrauentag? „Ein Powerhaus voll Frauen, die von unten hinauf die Welt verändern.“ Und wenn es einer gelingen kann, dann Edit Schlaffer. Sozialwissenschaftlerin, Feministin, Aktivistin und Gründerin von „Frauen ohne Grenzen“ und den „Mütterschulen“ - ein wirklich gelungenes Präventionsprogramm zur Verhinderung potenzieller Nachwuchs-Terroristen.

Historische Chance. Im ausführlichen Interview mit look! erklärt die Soziologin, warum ihrer Meinung nach genau jetzt die „Stunde der Frauen“ ist und die Zukunft weiblich. Sie erläutert, warum der internationale Weltfrauentag so wichtig ist, meint augenzwinkernd: „Es sollte in jeder Saison einen geben“, und ermutigt uns, die aktuelle Zeit des Umbruchs als Herausforderung und große Chance anzusehen. Ihre Vorhersage: „Es ist das neue Jahrhundert der Frauen.“ Starkes Zeichen in diesem Kontext der „Women’s March“ in Washington. Hunderttausende Frauen gingen auf die Straße, um gegen die Politik von Donald Trump zu demonstrieren. Denn: Frauen 2017 sind stark und wehrhaft. Sie fordern ihre Rechte ein. Edit Schlaffer konstatiert: „Die Frauenbewegung war die wichtigste soziale Bewegung des letzten Jahrhunderts.“

 

look: Aktuell scheint die Welt aus den Fugen geraten. Wir erleben eine heftige Zeit des Umbruchs. Warum?

Edit Schlaffer: Es gibt viele Erklärungen dafür: globalisierte soziale Ungerechtigkeit, Terror, Klimakatastrophen und Missachtung von Menschenrechten. Die Situation ist dramatisch, weil die Menschen verunsichert sind. Wir haben nicht das Vertrauen, dass das Schiff der Weltgeschichte und auch die nationalen Fregatten so gelenkt werden, dass wir beruhigt sein können. Die große Herausforderung ist, dass wir nicht zuwarten, sondern Engagement und Einmischung mobilisieren. Dieser Umbruch ist auch eine Chance, längst anstehende Veränderungen voranzutreiben. Spät, aber vielleicht noch nicht zu spät.

 

 

 

 

 

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Weltfrauentag © Michael Leccisane/ Getty Images

Inwiefern?

Der Umbruch muss rational passieren und professionell. Frauen sind in Zeiten der Krise und Veränderung ganz nah am Geschehen. Dort, wo die Konflikte entstehen: in den Familien und in ihren unmittelbaren Gemeinschaften. Frauen haben nicht nur die Expertise, sondern auch die Emotionen, mit Entschlossenheit Krisen zu meistern. Das ist aber auch ein Kampf um die Macht. Diese Macht ist kein Männermonopol mehr. Das müssen Frauen erkennen und entschlossen zugreifen.

 

Wie soll das konkret vor sich gehen?

Frauen haben eine einzigartige Ressource, den Zugang zur jungen Generation. Dadurch sind sie an den Schaltstellen der Zukunftsgestaltung. Vor allem Mütter, politisch bislang nicht unbedingt im Rampenlicht, haben das Potenzial, die Jungen durch äußere und innere Turbulenzen zu navigieren. Männliche Alliierte sind zunehmend auf Stand-by; doch wenn man aus einer Vogelperspektive ihre globale Einsatzbereitschaft evaluiert, sind sie noch immer in „sleeping mode“.

 

 

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Emma Watson am Womensmarch in Washington © Getty Images

Woraus resultiert diese neue Kraft der Frauen – auch die Macht?

Frauen haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte mit zunehmendem Know-how, Kompetenz und neu erarbeitetem Selbstvertrauen durch das unwegsame Terrain des Patriarchats durchgekämpft und sich, jede für sich und zunehmend kollektiv, gegen die Machos im Wohnzimmer, im Büro und im Parlament gerüstet. Die Frauenbewegung ist die wichtigste soziale Bewegung des letzten Jahrhunderts. Warum? Ganz einfach: Sie hat einfach alles, wie wir denken, fühlen und leben, auf den Kopf gestellt.

 

Anlass unseres Gesprächs ist der Weltfrauentag, der kontrovers diskutiert wird. Was sagen Sie?

Ich finde den Weltfrauentag unbedingt gut und wichtig. Es sollte einen in jeder Saison geben (lacht). Er ist ein internationales Signal, ein Weckruf, unsere Verantwortung für die Zukunft ernst zu nehmen, im Hier und Jetzt. Gleichheit und Freiheit sind der Subtext dieses Tages und die Realisierung dieses laufenden Experiments der Freiheit beginnt in der Gestaltung unserer Beziehungen miteinander auf der unmittelbarsten Ebene. Der Friede beginnt zu Hause, nicht immer eine Selbstverständlichkeit, dass dieses „zu Hause“ auch eine gewaltfreie Zone ist. Ich habe einen Traum zum Weltfrauentag: Ich möchte mit unserer Organisation „Frauen ohne Grenzen“ einen „Global Mother’s Summit“ organisieren, Mütter aus aller Welt zusammenbringen. Ein Gipfeltreffen von Strateginnen, die quasi „von unten“ die Welt verändern, indem sie sich ganz aktiv einschalten in alle zwischenmenschlichen Bereiche – von häuslicher Gewaltprävention bis zu gewalttätigem Extremismus. Das ist unser großes Projekt. Aktuell arbeiten wir daran, unser Mothers School-Modell weltweit zu etablieren.

 

 

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Frauen ohne Grenzen. Edit Schlaffer mit ihrem Team: „Frauen ohne Grenzen verändern die Welt.“ © Getty Images

Was ist eine Mütter-Schule und was konkret tun Sie dort?

In den Mothers Schools geht es um das Thema „Parenting for Peace“ – ein völlig neuer Erziehungszugang. Extremismus ist eine sehr konkrete, zentrale Herausforderung unserer Zeit. Der realen Gefährdung der jungen Generation, sich von extremistischen Ideologien und Rekrutierern einfangen zu lassen, muss entschieden entgegengewirkt werden. In den Mothers Schools von Frauen ohne Grenzen durchlaufen die Mütter ein dreimonatiges Programm, in dem sie lernen, offen über das tabuisierte Problem der Radikalisierung zu sprechen. Kommunikation mit Teenagern ist immer unwegsames Gelände; umso mehr, wenn es um das Stigma von Gewalt und Extremismus geht. Die Mütter lernen zuerst untereinander Vertrauen aufzubauen, die häufig verleugneten und verdrängten Probleme ansprechbar zu machen und ihren Kindern mit Empathie entgegenzutreten. Durch neu erworbenes Wissen um Frühwarnsignale haben sie auch eine neue Autorität in der Familie. Dadurch entsteht eine neue Dynamik und ein neues Gesprächsklima. Das verändert alles. Dieser weiche Zugang ist harte Arbeit, aber er ist überzeugend. Mittlerweile arbeiten wir aktiv mit sozialen Einrichtungen und Regierungen weltweit zusammen.

 

Zurück zum Weltfrauentag: Sind Sie für die verpflichtende Quote?

Unbedingt! Wir haben mittlerweile sogar in der arabischen Welt einen quantitativen Vorsprung von qualifizierten Frauen. Der globale Talent-Pool ist weiblich. Wenn Gesellschaften das nicht nützen, blockieren sie notwendige dynamische Veränderungen.

 

Werden wir in Zukunft die Gleichberechtigung in der Entlohnung erreichen?

Optimismus wäre hier blanke Lüge.


Wo sehen Sie Frauen in zehn Jahren?

Wir werden einen Quantensprung nach vorne machen. Frauen sind unruhig geworden, ungeduldiger in ihren unmittelbaren Lebenszusammenhängen. Sie fragen sich auch kollektiv nach dem Sinn des Lebens und was sie eigentlich wollen. Das setzt ungeahnte Energien frei. Die politische Veränderung kommt unmittelbar aus dem Persönlichen, das ist der Motor für den notwendigen Umbruch.

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Edit Schlaffer mit ihrem Team. © Getty Images

Die Kriegs- Reporterin

Petra Ramsauer ist eine von 12 JournalistInnen, die noch nach Syrien einreisen dürfen. In ihrem neuen Buch schildert sie das Leid, das Elend und die Hoffnung anhand von Menschen, denen sie begegnet ist.

 

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Gefährliche Mission. Außenpolitik- Expertin Petra Ramsauer liebt ihren Job als Kriegsreporterin. © Stefan Diesner

Eine junge Mutter aus einem netten Vorort, quasi das Klosterneuburg von Daraya, dort, wo die biblische Verwandlung von Saulus zu Paulus stattgefunden hat, der Wein gedeiht und das Kunsthandwerk blüht. Sie will Genetikerin werden. Als sie 18 ist, beginnt der Krieg. Die Stadt wird belagert, zerbombt. Und ebendiese Frau sagte zu Petra Ramsauer: „Mein Horizont ist darauf zusammengeschmolzen, dass ich morgens esse.“ Sie hat geheiratet, bekam Kinder und lebte sechs Monate von Gras, das sie mit ein bisschen Olivenöl anrichtete. Ramsauer: „Ich spürte aber ihren Stolz, sie sprach nicht von Gras, sondern von Salat. Anhand ihrer Geschichte merkt man, wie schlimm es wirklich ist.“ Eine moderne Frau wurde plötzlich in die Steinzeit zurückkatapultiert. In diesem Krieg geht es vor allem um Menschen, die jahrelang zwischen den Truppen Assads und dem IS zerrieben werden. Es gibt die Syrer und die Kriegspartei und nicht Regimegetreue gegen Terroristen.

 

Bomben. Gut ein Dutzend Mal bereiste die Außenpolitik-Expertin Petra Ramsauer Syrien und die Nachbar- Regionen. Ist sie nicht vor Ort, hält sie via Sozialer Medien Kontakt zu ihren Informanten. „Das Schlimmste, was mir passiert ist, sind die Kontaktpersonen, die gestorben sind, während ich mit ihnen gearbeitet habe. Du checkst in der Früh deine Nachrichten und erfährst, dass einer gestorben ist und nie wieder antworten wird.“ Und doch will die 47-Jährige so schnell wie möglich wieder dorthin, wo das Leid täglich neue Dimensionen erreicht. Ramsauer: „Die Bomben fallen weiter, während ich dort bin. In 10 Sekunden könnte die nächste mich treffen.“ Vor Ort schläft man in Abbruchhäusern. Ohne Tür. Schutzweste und Helm sowie Pass liegen griffbereit. Kein Strom. In einer dieser Wohnungen wurden schon drei Journalisten verhaftet oder verschleppt. Wie hört sich der Krieg an, wenn man versucht, die Nacht zu überleben? Petra Ramsauer: „Je nach Kriegsverlauf. Du hörst sehr viele Maschinengewehre, Granateneinschläge, Helikopter. Arg war einmal das Morgengebet in Aleppo. Da haben sich die Gegner zum Guten- Morgen-Gruß mit Granaten beworfen, so quasi, ist eh nicht ernst. Sie wollten einfach signalisieren, wir sind wach und bereit zu kämpfen.“

 

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Buch-Tipp. In „Siegen heißt, den Tag überleben“ (Kremayr & Scheriau, € 22,50) bringt Petra Ramsauer Nahaufnahmen aus Syrien.

Gefahr. Was viele nicht wissen – 75 Prozent der Kriegsberichterstatter sind weiblich – und das aus einem sehr pragmatischen Grund. „Es ist sicherer, weil du als Frau unsichtbar bist. Wenn du Kopftuch trägst und im Auto neben deinem Fahrer sitzt, siehst du wie ein ganz normales syrisches Paar aus. Ein großer blonder Mann fällt eher als Ausländer auf. Bislang ist auch keine Journalistin entführt worden, sondern nur Männer.“ Sich freiwillig der Gefahr auszusetzen hat nicht nur psychologisch seinen Preis, es kostet tatsächlich eine Lawine, so Ramsauer: „Monatelange Vorbereitung, Lagecheck, Sicherheitsfragen. Pro Tag muss man mit 700 Euro rechnen. Zwei Fahrer, ein Dolmetscher, sie müssen absolut verlässlich sein, denn es gibt auch welche, die einen an die Rebellen verkaufen. Und mindestens zwei bewaffnete Sicherheitskräfte. Ich versuche ständig, meine Spuren zu verwischen.“

Mission. Petra wollte immer schon Kriegsreporterin werden: „Es ist Anarchie, es gibt keine Regeln, ich bin frei.“ Ihre Mission lautet, einen guten Job zu machen. „Ich werde auch sterben, wenn ich nicht nach Syrien fliege, und empfinde es eher als Risiko, bei lebendigem Leib vor dem Fernseher unter Decken begraben zu sein.“

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