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Lifestyle | 30.10.2015

Ego-Shooter

Warum wir immer exzessiver der Selbstdarstellung verfallen und was es mit der „Generation Selfie“ auf sich hat.

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Foto: Shutterstock

Haltet euch fest! Nein, nicht auf dem nächsten Selfie, sondern um das, was ihr bereits geahnt habt, schwarz auf weiß zu lesen: Selfies auf sozialen Netzwerken nerven. Nicht alle und nicht immer, aber laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GfK ist ein Drittel der Österreicher von Fotos, die auf Netzwerken veröffentlicht werden, genervt. Als Hauptaufreger entpuppten sich dabei mit 52 Prozent Selfies.

Bilder von der Stange
Ich knipse, also bin ich: 57 Prozent der 14- bis 29-jährigen Österreicher machen mit der Handykamera laut einer Befragung des Instituts für Jugendkulturforschung Fotos von sich selbst und laden diese dann auf Internet-Plattformen hoch. 59 Prozent eben dieser Nutzer sind weiblich. Ein bisschen befremdlich mutet es schon an, wenn sich Menschen zuhauf vor einer Sehenswürdigkeit versammeln, um ihr dann den Rücken zuzukehren und mit einer langen Stange ausgestattet ein Foto von sich selbst zu machen. Im Idealfall ist im Hintergrund zu erkennen, um welches Gebäude oder Gebilde es sich handelt. Wenn nicht: auch nicht schlimm. Kann man ja beschriften, das Foto. Wichtig ist nur, gut auszusehen. Dafür lohnt es sich schon mal, die Prozedur immer und immer wieder zu wiederholen. Bis der Winkel, der Blick, das Licht und die Frisur dann passen.

Selbstfindung und Stress
„Es ist schon erstaunlich, wie die Urlauber mit ihren Sticks durch die Gegend wandern und sich selbst festhalten“, sagt die Innsbrucker Psychologin Karin Urban. „Dieses dauernde Abbilden von sich selbst hat bis zu einem gewissen Grad auch mit Selbstfindung zu tun. Dazu kommt der große Druck, dazugehören zu wollen. Das ist durchaus eine Art Stress, sich immer wieder in positiven Situationen zu präsentieren“, betont Urban. Man mache dadurch sichtbar, „wie toll man ist, und erhofft sich Aufmerksamkeit“, erklärt die Psychologin.
Es scheint so etwas wie eine zweite Realität zu geben. Eine, die für viele weit wichtiger ist als die eigentliche. Eine, die so ist, wie man will – und in der man ausblendet, was einem nicht passt. Schließlich bestimmt jeder selbst, wer er wann und wo sein will – zumindest scheinbar. Der Selfie-Wahn sei nicht ganz unbedenklich, räumt Urban ein: „Die Frage ist schon, was das noch mit Autonomie zu tun hat und ob man sich dadurch wirklich selber spüren kann. Jeder sollte sich selbst fragen, ob das Bild, das er von sich selbst nach außen gibt, auch wirklich die eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Oder ob es da nicht noch viel mehr Aspekte gibt, die einen ausmachen.“ Auch die Einschätzung vieler, Menschen, die viele Fotos von sich selbst veröffentlichen, seien Narzissten, sei nicht ganz von der Hand zu weisen, sagt Urban: „Natürlich spielt dabei auch der Drang, die eigene Schönheit immer wieder zu präsentieren, eine Rolle. Wie bei allen Dingen ist es wichtig, sich nicht zu abhängig davon zu machen und es einfach nicht zu übertreiben.“

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Foto: Shutterstock

Bewusste Verweigerung
Gerade für Jugendliche sei es darüber hinaus gefährlich, sich zu sehr an den Kommentaren anderer zu orientieren, sagt die Psychologin: „Vor allem in der Pubertät gibt es ein starkes Auf und Ab, was das eigene Selbstwertgefühl betrifft. Wenn man in dieser Phase mit negativen Reaktionen die eigene Person betreffend konfrontiert wird, kann das eine depressive Verstimmung auslösen.“ Wer viel von sich selbst preisgebe, mache sich naturgemäß angreifbar, betont Urban.

Weniger ist mehr
Genau diese Zurschaustellung eigener Befindlichkeiten machen viele Menschen nicht mehr mit. „Es ist ganz interessant, dass es mittlerweile zahlreiche auch junge Menschen gibt, die sich der öffentlichen Selbstdarstellung ganz bewusst entziehen und Plattformen wie Facebook meiden“, erklärt die Psychologin. Eine Einschätzung, die sich durch neue Zahlen untermauern lässt. Laut der aktuellen GfK-Studie nehmen 57 Prozent der Befragten ihr Mobiltelefon manchmal vorsätzlich nicht mit. Für 51 Prozent ist es lästig, ständig erreichbar zu sein.  Noch vor fünf Jahren klagten darüber deutlich weniger Handybesitzer (38 Prozent).
Bei allen Gefahren scheint der Spaßfaktor für die meisten beim Veröffentlichen eigener Fotos aber zu überwiegen. Die Poster wollen laut der Studie vor allem zeigen, „was ihnen Spaß macht“ (61 Prozent). 57 Prozent möchten  „Freunde informieren“, 45 Prozent „Kontakte halten“.

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