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Lifestyle | 07.04.2017

Friede sei mit eurer Vulva!

Warum uns „Fifty Shades of Grey“ sehr reizt und trotzdem zurückwirft: die Analyse der Sexualpädagogin Sabine Fallmann- Hauser. Plus: ein leidenschaftliches Plädoyer.

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Fifty Shades of Grey läuft derzeit im Kino und ist ab 8. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich. © Universal Pictures

Er fordert sie auf, ihr Höschen auszuziehen. Im Lokal, umgeben von anderen Gästen. Anschließend steigen sie in den Lift, er beugt sich hinunter, um sich die Schuhe zu binden. Dann berührt er sie intim. „Sie stöhnt, hat offenbar einen Orgasmus. Umgeben von vielen anderen Menschen, Gerüchen, Geräuschen. Ganz ehrlich, liebe Frauen: Das geht sich doch nicht aus“, lacht Sabine Fallmann-Hauser. Auch die Sexualpädagogin hat sich den erotischen Aufreger „Fifty Shades of Grey“ angesehen und Pärchen und Frauen beobachtet. Der Film reizt – gewissermaßen ein Frauenporno. Aber er macht ihr auch Kopfzerbrechen. Der Streifen vermag sowohl Frauen als auch Männer unter Leistungs- und Erfolgsdruck zu setzen. Und: Er spreche den Frauen die (sexuelle) Selbstkompetenz ab. Im Klartext: Wieder mal entscheidet der Mann, was uns gut tut. Gegen die Fantasie vom Prinzen auf dem weißen Schimmel sei nichts einzuwenden, findet die Expertin. Man müsste eben nur stets mit dem Abspann in die Realität zurückkehren und reflektieren.


look: Was stört Sie an Filmen wie „Fifty Shades of Grey“ (Teil I & II, Anm.)?

Sabine Fallmann-Hauser: Gegenfrage: Was sagen Frauen, wenn man sie fragt, wer für den weiblichen Orgasmus zuständig ist? Die Antwort lautet meistens: der Mann. Da kriegen die Burschen natürlich Stress: Sie übernehmen die Rollenbilder aus Filmen und Pornos, haben ja keine Vulva und bräuchten eine Gebrauchsanleitung. Und den Mädels und Frauen fehlen bis heute leider Sprachmodelle. Und dann sieht ein Bursch oder ein Mann die Lift-Szene im Film … Frauen haben noch immer die große Sehnsucht zu genügen, fragen sich ständig, ob sie schön, dünn, geil genug sind, ob sie seinen sexuellen Ansprüchen genügen … Die Schlüsselwörter aber lauten: Selbstverantwortung und Selbstkompetenz. Wir dürfen unseren Partnern sagen, was wir uns wünschen. Und wenn es das ist, dass er im Lokal darum bittet, dass wir den Slip ausziehen (lacht).

 

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HEISSE LIEBE. Der Streifen soll anregen – aber uns nicht unsere Selbstkompetenz abluchsen, findet die Expertin. © Universal Pictures

Also an- und erregen darf der Film?

Natürlich. Sorgen bereitet mir, wenn mich ein 15-jähriges Mädchen fragt, wo sie Handschellen bekommt, weil sie glaubt, dass das zwingend zum Liebesleben dazugehören muss.

 

Wird mit dem Film Sadomasochismus „salonfähig“?

Wie es vor Jahrzehnten mit dem Oralsex war, so bricht der Film nun mit dem Tabu um Sadomaso. Die Bedingungen sind unbedingt beiderseitiges Einverständnis und Freiwilligkeit, denn sonst handelt es sich um strafbare Gewalt. Aus Erfahrung sage ich: Wenn diese sexuelle Neigung wirklich ausgelebt werden will, wenn die Lust ausschließlich über den Schmerz kommt, müssen viele in ein entsprechendes Studio gehen und dafür bezahlen.

 

Sie halten Ihre Vorträge für Erwachsene. Sind die noch nicht aufgeklärt?

Ich habe regelmäßig Aha-Erlebnisse! Schon, wenn es um den Umgang von uns Frauen mit der Scheide geht. Ich sage: Schließen wir doch endlich Frieden mit unserem Geschlechtsteil. Wenn wir unsere Vulva als Freundin annehmen, bekommen wir sehr viel zurück. Männer haben ihren besten Freund tagtäglich in der Hand.


Wie stehen Sie zu Pornofilmen?

Das ist eine Industrie, eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. In der Erwachsenenwelt können sie Anstöße geben,die Fantasie anregen. Wichtig ist immer, sich bewusst zu machen, dass es Sex- Science-Fiction ist, Gespieltes mit geschminkten, gebleichten Körperteilen.

 

Wie wichtig ist Sexualität in einer Beziehung?

Ultrawichtig. Aber: Wenn wir unsere Sexualität als eine Torte darstellen, dann beinhaltet sie viele Zutaten, wie liebe Worte, Küsse, Streicheln, Liebesbriefe – die Sache mit dem Penis in die Scheide ist ein ganz schmales, kleines Stück von dieser Torte. Wir neigen nur dazu, Sexualität auf eben das zu reduzieren.

 

… und ein Orgasmus?

Ein Orgasmus tut gut und lässt jede Menge Antistresshormone ausschütten. Die weibliche und männliche Erregungskurve sind aber komplett verschieden. Die männliche geht steil bergauf, die weibliche ist wellenförmig. Das kennen wir: Während er schon kommen könnte, kommt sie erst in die Erregung. Mit gutem Beckenbodentraining für ihn (!) kann man aber gut timen – und das kann auch Spaß machen, wenn man darüber redet. Immer daran denken:  Lust kommt von dem Wort lustig.


Wer kommt in Ihre Praxis?

Zunächst oft die Frau, weil sie keine Lust mehr empfindet. Leider lassen viele den Sex nur noch über sich ergehen, weil sie damit verhindern wollen, dass ihr Mann fremdgeht. Meine Frage an die Frauen: Haben Sie sich je Gedanken darüber gemacht, was Sie brauchen, um richtig guten Sex zu haben? Die meisten sagen sofort nein. Oft entwickeln wir dann – teilweise gemeinsam mit den Partnern – zunächst über Zeichnen und Fantasiereisen Sprachmodelle. Und meistens höre ich dann von beiden Seiten: Wieso hast du mir das nur nie gesagt? Das Wichtigste bleibt also: das Gespräch. Übrigens: Als Intervention für ein Pärchen, das sein Sexualleben beleben will, kann man durchaus empfehlen: Seht euch gemeinsam „Fifty Shades of Grey“ an (lacht).

 

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© Viktória Kery-Erdélyi

BEOBACHTERIN IM KINO

Sexualpädagogin Sabine Fallmann- Hauser ist diplomierte Sexualpädagogin, psychologische Beraterin und Begleiterin für Sexualität, Gewaltprävention, Stressmanagement und Burnout- Prophylaxe. Die dreifache Mutter lebt in Lunz am See und ist glücklich verheiratet. Sie arbeitet sowohl mit Jugendlichen in Schulen als auch mit Erwachsenen in ihrer Praxis. Vorträge hält sie in ganz Österreich unter anderem für Eltern, Hebammen und viele weitere Berufssparten aus dem Gesundheits- und Bildungsbereich.

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