Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 16.09.2016

Ich liebe es zu gestalten

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid hat einen arbeitsreichen Sommer hinter sich. Im Interview erklärt die 48-Jährige unter anderem, warum Österreich reif für die Ganztagsschule ist.

Bild schedl_01_hammerschmid_021.JPG

Wenn die neue Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) von ihrer Pflichtschulzeit im oberösterreichischen Mühlviertel redet, kommt sie aus dem Schwärmen nicht heraus. Geprägt haben sie vor allem ihre Lehrer, die Begeisterung und Neugierde für Neues in ihr weckten und ihre Talente förderten. Nach dem Studium der Molekularbiologie kam Sonja Hammerschmid über Forschung und Forschungsmanagement an die Spitze der Veterinärmedizinischen Uni Wien und wurde als erste Frau des Landes Rektorenchefin. Nur vier Stunden, nachdem sie im Mai von Bundeskanzler Christian Kern gefragt wurde, ob sie Bildungsministerin werden möchte, entschied sie sich für den Dienst an der Republik. In ihrer raren Freizeit geht die Hobbysportlerin gerne laufen, biken oder tauchen. Auch Treffen mit Familie und Freunden sind unverzichtbar. Sonja Hammerschmid lebt in Wien und ist verheiratet.

look: Frau Bundesminister, wie war Ihr Sommer?
Sonja Hammerschmid: Sehr arbeitsintensiv (lacht). Ich war eine Woche lang auf Korsika, den Rest habe ich mit Arbeiten zugebracht. Das Bildungsministerium ist ein großes Ressort und es gibt viele Themen zu bearbeiten, die unter den Nägeln brennen.

Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit in Oberösterreich in Erinnerung?
Extrem positiv, weil ich von der Volksschule bis hin zur Matura immer Pädagogen hatte, die es verstanden haben, uns Kinder zu begeistern, Talente zu erkennen und diese ganz besonders zu fördern.

Sie wurden als erste Frau Österreichs Rektorenchefin und sind seit Mai Bildungsministerin. Wie sehr hat Ihre Schulzeit Ihre Karriere beeinflusst?
Meine Schulzeit hat den Karriereweg dahingehend beeinflusst, dass ich immer neugierig war und diese Neugierde in der Schule unterstützt wurde. Mein großes Interesse galt einerseits dem naturwissenschaftlichen Bereich, andererseits dem Kreativbereich und hier vor allem dem Modedesign. Diese beiden Themenfelder haben meine Pädagogen durchaus erkannt und unterstützt.

Sie haben sich für Molekularbiologie entschieden. Warum ist es nicht Design geworden?
Ganz einfach, weil mich die Universität für angewandte Kunst nicht genommen hat (lacht). Das war auch die richtige Entscheidung. Ich wäre zwar im Handwerklichen sehr gut gewesen, aber der kreative Geist, den man als Designerin braucht, hätte mir gefehlt. Somit blieb das naturwissenschaftliche Fenster offen. Und das war dann meine Chance.

Im Rahmen der Bildungsoffensive hat die Regierung 750 Millionen Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen beschlossen. Wie werden diese investiert– und werden sie ausreichen?
Dieser Rahmen bringt uns ein gutes Stück weiter. Wir wissen, dass wir damit die Zahl der ganztägig betreuten Schüler von 20 auf 40 Prozent verdoppeln können. In einem Radius von 20 Kilometern Umfeld sollte für jedes Kind eine ganztägige Schule möglich sein. Was die Infrastruktur in den
Schulen betrifft, wird sehr viel zu tun sein, weil es auch um Räumlichkeiten geht, und um Möglichkeiten, den Unterricht ansprechend zu gestalten. Schüler und Pädagogen müssen sich
wohlfühlen.


Warum ist Ihnen die ganztägige Schule so wichtig?
Weil diese Schulform es schafft, Unterricht und Lernen mit Spiel, Spaß und Verpflegung zu vereinen. Die Kinder können die Hausaufgaben in der Schule machen und dort auch lernen. Damit hilft man besonders jenen Kindern, die aus Verhältnissen kommen, in denen sich die Eltern keine Nachhilfe leisten oder selbst mit den Kindern lernen können. Das Ziel ist Chancengleichheit, und diese wird von der ganztägigen Schulform unterstützt. Aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen funktioniert nur über gute Rahmenbedingungen im Sinne von ganztägigen Schulformen.

 

Bild schedl_01_hammerschmid_018.JPG
„Wir können auf das potenzial der Frauen im Arbeitsalltag nicht verzichten.“, so Sonja Hammerschmid.

Aber ist das Land schon reif dafür?
Man hat oft das Gefühl, je weiter man Richtung Westen vordringt, desto verhärteter sind die Fronten. Ich bin überzeugt davon, dass gerade Frauen diese Angebote sehr gerne annehmen werden. Wir wissen aus der Wirtschaft, wie wichtig es ist, die Erwerbstätigkeit der Frauen wesentlich zu steigern. Wir können auf das Potenzial der Frauen im Arbeitsalltag nicht verzichten.
Und das funktioniert nur, wenn Frauen Beruf und Familie vereinbaren können. Von den Alleinerzieherinnen will ich gar nicht reden, denn sie haben sowieso keine andere Chance.


Seit 100 Jahren fordert die SPÖ die Gesamtschule, für die ÖVP ist die AHS unverzichtbar. Wird man diesbezüglich künftig auf einen gemeinsamen Nenner kommen?
Den gemeinsamen Nenner gibt es im Zuge der Bildungsreform, bei der das Modell-Region-Paket verhandelt und als gemeinsamer Nenner definiert worden ist. Dass die Gesamtschule das sozialdemokratische Bildungsziel ist, ist selbstverständlich, und das wird auch so bleiben. Aber
wir befinden uns in einer Koalition, und ich glaube, dieses Modell-Region-Paket kann ein erster Schritt sein, das Thema Gesamtschule zu stärken und umzusetzen.


Inwieweit sollen Direktoren bei der Bestellung ihrer Pädagogen Mitspracherecht haben?
Die Schulautonomie ist mir ein substanzielles Anliegen, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Nicht nur pädagogisch, sondern auch personell. Weil es total wichtig ist, dass das Lehrerteam zusammenpasst. Wir arbeiten sehr intensiv daran, um hier auch die rechtlichen Möglichkeiten zu
schaffen, damit das gelebte Praxis werden kann. Das beginnt bei den Öffnungszeiten und geht bis zur Definition einer Schulstunde.

Bild schedl_01_hammerschmid_010.JPG
im Talk. V.l.n.r.: Ulli Wright, Chefredakteurin Oberösterreicherin, Uschi Pöttler-Fellner, Chefredakteurin look! und Herausgeberin der Bundesländerinnen im Gespräch mit der Bildungsministerin Sonja Hammerschmid.

Immer, wenn im schulischen Bereich eine Änderung ansteht, gibt es eine Gewerkschaft, die das wieder zunichtemacht. Ist das nicht unglaublich schwierig?
Wir haben eine Vielzahl an Partnern aus den unterschiedlichsten Richtungen, und hier gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten. Gerade das Thema Autonomie ist vielen Seiten ein großes Anliegen. Solange wir uns das Ziel vor Augen halten, die beste Bildung fü unsere Kinder zu gewährleisten,
solange werden wir auch in der Lage sein, Lösungen zu finden. Davon bin ich zutiefst überzeugt.


Geht es nach Familienministerin Sophie Karmasin, sollen die Sommerferien um zwei Wochen verkürzt werden, dafür soll es längere Herbstferien geben. Wie sehen Sie das?
Wenn man dieses Thema anreißt, dann muss man es in der Breite diskutieren. Es muss auch ein interner Kommunikationsprozess stattfinden. Die Urlaubsansprüche der Eltern sind, wie sie sind. Bevor man die Ferien verschiebt, sollte man eher über ganzjährige Betreuungsmöglichkeiten nachdenken. Ich habe das Thema Ferien nicht vorrangig auf meiner Agenda, weil wir genug andere Probleme zu schultern haben.


Sie sind noch keine 100 Tage im Amt. Haben Sie schon eine erste Bilanz für sich gezogen?
Das ist schwer zu beantworten. Bildung ist eines der zentralen Themen unserer Gesellschaft, und ich nehme die gestalterische Rolle als Bildungsministerin sehr gerne ein. Ich habe sehr oft in meinem Leben neu angefangen und bin häufig vor riesengroßen Herausforderungen gestanden, die ich immer positiv wahrgenommen habe.

Es ist ja in der Politik bekannt, dass man immer einen halben Schritt vor und einen zurück macht ...
Man hat mir auch bei meinem Wechsel von der Wirtschaft in das universitäre Umfeld im Jahr 2010 prognostiziert, dass sich hier alles zu langsam bewegt. Das war falsch. Es geht darum, die Menschen mitzunehmen, sie hinter eine Strategie zu bringen und sich auch auf einen gemeinsamen Weg einzuschwören. Es ist am Anfang vielleicht eine Spur mehr Überzeugungsarbeit nötig. Aber wenn dieser Schritt mal getan ist, geht es eigentlich recht schön und effizient. Ich habe jetzt
einen neuen Weg begonnen. Wir sind neu aufgestellt, wir sind ein neues Team. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich nichts bewegen kann, dann hätte ich das auch nicht gemacht.


Ein weiteres großes Thema ist die Integration von Flüchtlingskindern in den Schulen. Was muss passieren, um diese Kinder so schnell wie möglich zu integrieren?

Im Wesentlichen geht Integration nur über Sprache. Deshalb sind die Anstrengungen sehr hoch, zusätzliche Sprachkurse zu erarbeiten, um die Kinder best- und schnellstmöglich in die Klassen überführen zu können, damit sie dem Unterricht auch folgen können. Hier müssen wir bei den
Jüngsten ansetzen, denn je früher sie die Sprachkompetenz erwerben, desto leichter tun sie sich.


Was sagen Sie zum Burka-Verbot?
Ich bin jemand, der für kulturelle Vielfalt steht. Im Zuge der Herausforderungen, vor denen Europa steht, kann man das Burka-Verbot natürlich nicht eindimensional sehen. Das ist ein vielschichtiges Thema. Ich kann und will Ihnen dazu kein Ja und kein Nein geben, aber wir müssen darüber nachdenken. Wir müssen ein friedliches Zusammenleben suchen. Integration ist mir ein zentrales Anliegen.

Es gibt also viel zu tun. Und was machen Sie gerne in der Freizeit?
Freizeit, was ist das? (lacht) Also wenn, dann treffe ich gerne Familie und Freunde, aber auch  Sport ist für mich sehr wichtig. Ich laufe gerne, liebe Tauchurlaube und fahre gern mit dem Rad. Ich reise aber auch unheimlich gerne und versuche, auf unterschiedlichen Ebenen zu entspannen.

Diskutiere mit uns und deinen Freundinnen diesen Beitrag:
powered by Disqus