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Lifestyle | 07.07.2016

In-Accessoire Handtaschenhund

Trendy oder Tierquälerei?

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Erst schön shoppen und anschließend ins Wiener Kaffeehaus – immer mit dabei: Der Hund in der Designerhandtasche. Was viele Damen für den Trend schlechthin halten, ist nicht ganz so eindeutig positiv. fotolia.com © Christian Müller

An den Füßen Manolos, in der Armbeuge Gucci und darin Wuffi. Nicht nur bei vielen Promi-Damen gehört der Handtaschenhund nach wie vor zum Must-have-Accessoire. Doch wie stylisch und vor allem tierlieb ist eigentlich noch der Trend, den Wauwau zwischen Portemonnaie und Lippenstift herumzutragen?

Wer mit dem Trend angefangen hat, Hunde in der Handtasche durch die Gegend zu tragen, lässt sich heute gar nicht mehr so einfach nachvollziehen: Taucht man jedoch ein wenig ab in die Tiefen des Web, spuckt Google immer wieder die zwei gleichen Namen aus: Britney und Paris. Klar, wer eigentlich sonst außer den notorischsten aller It-Girls, Britney Spears und Paris Hilton, konnte auf eine solche Idee kommen? Angefangen hat das Ganze um 2008 – und schon damals liefen die Tierschutzverbände Sturm dagegen.

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Gerade Städte mit ihren Menschenmassen ängstigen kleine Hunde oft sehr, weil sie alles aus der Knöchelperspektive sehen. Wird das Risiko addiert, dass schlicht jemand auf die kleinen Kerle treten könnte, ist die Handtasche oftmals der sicherste Platz für Mini-Vierbeiner. fotolia.com © Naila Schwarz

Wirklich gewirkt haben diese Proteste nicht – der Mini-Wauwau ist nach wie vor Trend-Accessoire. Bloß dass er jetzt auch in den Taschen von weit weniger prominenten Damen zu finden ist. Paris Hilton indes zieht den Trend ebenfalls weiter gnadenlos durch: Erst vor zwei Jahren gab die Hotelerbin satte 13000 Dollar für ihre neue Taschenfüllung, einen Micro Pomeranian namens Mr. Amazing aus.

Grund genug, einmal einen distanzierten Blick auf den Langzeit-Trend zu werfen und zu fragen:

  • Was bringt der Hund in der Handtasche?
  • Welche Rassen eignen sich besonders?
  • Ist es tierlieb, einen Hund auf diese Weise Gassi zu führen?

Und natürlich auch:

  • Welche Nachteile hat der Trend für Frauchen und Tiere?
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Yorkies sind extrem süß. Ihr langes Fell benötigt jedoch oft noch mehr Pflege, als die Mähne ihrer Besitzerinnen. fotolia.com © Alexey Kuznetsov

Was bringt der Hund in der Handtasche?

Tja, im Prinzip bringt Wuffi in Gucci eigentlich nichts. Aber zugegeben: Es sieht mega-süß aus, wenn bei einer Frau, die in einem ansonsten perfekt stimmigen Outfit durch die Innenstadt läuft, auch ein ebenso gestylter Mini-Hund frech aus der Handtasche herausschaut.

Das degradiert die Tiere zwar ein bisschen zum Accessoire und damit in die gleiche Ebene wie Sonnenbrille oder Handy. Aber immerhin einen Vorteil hat die Sache auch fürs Tier: Zum Einsatz kommen ja meist extrem kleine und leichte Rassen. Und mit ihren kurzen Beinchen hätten diese Hunde mächtige Probleme, laufend die gleichen Strecken zu überbrücken, wie Frauchen mit ihren Traumbeinen. Und zudem kann es für so kleine Tiere in Menschenmassen nicht nur einschüchternd sein, weil wirklich jeder groß und bedrohlich wirkt, sondern auch tatsächlich gefährlich: Mit einem Malteser im Gedränge der Wiener Innenstadt zu Stoßzeiten? Das will niemand dem Tier antun.

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Möpse sind keine Sportskanonen aber futtern dafür sehr gern. Besitzerinnen müssen höllisch aufpassen, dass die Kleinen deshalb nicht zum Bleigewicht in der Tasche werden. fotolia.com © aseph

Sitzt Kamerad Hund jedoch in der Handtasche, kann er aus einem anderen Level heraus die Welt beobachten. Weite Distanzen sind ebenso wenig ein Problem, wie ständige Stopps, um an den Hinterlassenschaften anderer Vierbeiner zu schnüffeln und die die Besitzerin aufhalten. Zudem sind die Wuschels, so klein sie auch sind, die perfekte Alarmanlage: Langfinger, die befürchten müssen, dass sich scharfe Zähne in ihre Diebesfinger graben, überlegen sich den unbemerkten Griff nach dem gefüllten Portemonnaie eher zweimal.

Zudem gilt: Kleine Hunde frieren tatsächlich schneller als große – und damit hat Frauchen die perfekte Ausrede, um ihrem Liebling ein paar wärmende und natürlich stylische Modestücke zu kaufen.

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Sinn und Zweck des Gassigehens ist nicht nur, dass der Hund sein Geschäft erledigen kann, sondern auch, durch Dufmarken mit anderen Hunden kommunizieren und sich auspowern kann. Wird das vernachlässigt, langweilen sich die Tiere und werden mitunter zum Kläffer in der Handtasche. fotolia.com © javier brosch

Welche Rassen eignen sich besonders?

Im Prinzip natürlich jede, die ausgewachsen nur auf ein Gewicht im einstelligen Kilogramm-Bereich kommt. Ein Tipp für alle, bevor sie sich zum Züchter aufmachen, lautet deshalb: Informiert euch, wie schwer die gewählte Rasse werden kann. Im nächsten Schritt packt Ihr dann ein passendes Gewicht (Ein-Liter-PET-Wasserflaschen wiegen ziemlich genau ein Kilo) in die Handtasche und tragt es für mehrere Tage durch die Stadt. Erst wenn das auf die Dauer keine „langen Arme“ hervorruft, sollte die Kaufentscheidung fallen.

Besonders geeignet sind folgende Hunderassen:

  • Der Yorkshire Terrier ist ein Fliegengewicht, denn er kommt auf gerade mal 3,2 Kilogramm und sieht dabei wegen seiner Wuschelmähne auch noch mega-putzig aus. Die ist allerdings auch sein großer Nachteil: Denn die Haare sind äußerst pflegeintensiv und benötigen tägliches Bürsten. Kommt noch hinzu, dass die Rasse als etwas sturköpfig gilt, ist die Eignung als Handtaschen-Hund eher mittelmäßig. Zumindest benötigen Yorkies aber konsequente Erziehung.
  • Chihuahuas sind sehr stark auf eine Bezugsperson fixiert. Das macht sie anhänglich. Und weil die Kerlchen auch nur zwischen 1,5 und drei Kilo schwer werden, stellen sie in der Tasche auch keine große Last dar. Das Fell ist deutlich kürzer als beim Yorkshire Terrier und etwas weniger pflegeintensiv. Als „bellende Alarmanlage“ kommt dem Chihuahua zupass, dass er für die Größe erstaunlichen Mut besitzt.
  • Der Shih Tzu ist kein Freund der Einsamkeit, auch er ist ein sehr anhängliches Tier. Kommt dann noch hinzu, dass diese Rasse nur wenig Bewegung benötigt und als sehr sanft gilt, könnte man glauben, er wäre der ideale Handtaschenhund. Allerdings hat die Medaille auch Kehrseiten: Shih Tzus wiegen zwischen 4,5 und 7,5 Kilogramm und das kann ebenso für lange Arme sorgen, wie das pflegeintensive Fell.
  • Wer Paris Hilton imitieren will, kommt nicht um den Pomeranian herum. Die nur knapp drei Kilo schweren Tiere gehören zur Familie der Zwergspitze und eignen sich von der Größe her sehr gut für die Tasche. Nachteilig ist jedoch, das auch hier pflegeintensive Fell und die Tatsache, dass es ihnen schnell zu warm wird.
  • Träge, anhänglich und dank des kurzen Fells relativ pflegeleicht: Der Mops hat auf den ersten Blick viele Attribute, die ihn zum sehr guten Handtaschenhund machen. Allerdings verliert er viele Haare. Außerdem wiegt die Rasse gern auch mal acht Kilo, nicht zuletzt, weil Möpse als verfressen gelten. Das flache, faltige Gesicht entstand durch Überzüchtung, weshalb die Tiere mitunter schlecht Luft bekommen.
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o süß das Gesicht von Möpsen auch ist: Es ist Ergebnis konsequenter Zucht. Wird diese nicht sauber ausgeführt, bekommen die Hunde schwere Atemprobleme und zwischen den Hautfalten entstehen Entzündungen. fotolia.com © javier brosch

Grundsätzlich eignen sich natürlich auch Mischlinge, vor allem weil diese oft eine bessere Gesundheit haben, als konsequent gezüchtete Rassehunde. Allerdings ist hier Vorsicht angebracht: Denn vor allem, wenn die Blutlinie nicht nachverfolgt werden kann, kann es durchaus passieren, dass der als klein beworbene Shih-Tzu-Mix im ausgewachsenen Zustand so gar nicht mehr handtaschenfreundlich ist, weil sich in der Elternlinie ein größerer Hund befand, der nun durchschlägt.

 

Ist es tierlieb, einen Hund auf diese Weise Gassi zu führen?

Nun ja, wirklich von Gassigehen lässt sich bei dieser Form des Hundetransports ja nicht sprechen: Dazu müsste der Wauwau ja seine Umgebung mehr oder weniger frei erkunden und sich auch erleichtern können, was ihm in der Handtasche ja nur schwer möglich ist. Allerdings kann der Transport durchaus angebracht sein, wenn die kleinen Fellnasen nach einem echten Spaziergang müde sind oder durch Sommerhitze und Winterkälte überanstrengt. Zudem machen auch viele Geschäfte eine Ausnahme, wenn die Besitzerin nicht mit einer angeleinten Dogge, sondern einem kleinen Yorkie in der Tasche ihre Gemächer aufsuchen will.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Kein Hund braucht einen Transport in der Handtasche. Wenn sich der Aufenthalt jedoch nicht zum Dauerzustand entwickelt, sich mit echten Spaziergängen regelmäßig abwechselt und zudem in Menschenmassen der Sicherheit des Tieres dient, ist dagegen per se nichts einzuwenden, solange sich der Hund nicht dagegen sträubt – er hat immer das letzte Wort.

Welche Nachteile hat der Trend für Frauchen und Tiere?

Der Trend zu Minihunden hat vor allem für die Tiere selbst gesundheitliche Nachteile: Durch das, was Britney und Paris vormachten, stieg die Nachfrage weltweit sprunghaft an. Und das wiederum nutzten viele skrupellose Züchter aus: Sie züchteten die Tiere fernab von jeglichen Leitlinien der FCI, der internationalen Dachorganisation der Hundezüchter, nur des Profits wegen. Und das wiederum sorgte dafür, dass Krankheiten weitervererbt oder verschlimmert wurden.

Gleichsam verstärkte der Trend das, was oft nach Feiertagen wie Weihnachten beobachtet wird: Viele Damen kauften sich einen süßen Minihund, nur um festzustellen, dass der, auch wenn er viel Zeit in der Handtasche verbringt, auch ebenso viel Arbeit bedeutet. Im Nachgang füllten sich die Tierheime mit den Wauwaus, die schnell wieder abgestoßen wurden.

Apropos Arbeit: Ein Handtaschenhund bedeutet natürlich auch, dass sich einer mit ihm beschäftigen muss. Oft haben die kleinen Rassen sogar mehr Bewegungsdrang als die großen. Zudem gilt: Ein schlecht erzogener Vierbeiner oder einer, dessen Frauchen die Signale nicht richtig erkennen kann, macht sein Geschäft auch unnachgiebig in die teuerste Handtasche – von den ewig vorhandenen Haaren zwischen Puderdose, Handy und Deo ganz zu schweigen.

Das alles sollte genauestens durchdacht sein, bevor der Entschluss zum Handtaschenhund fällt. Und wer einfach nur mal ausprobieren will, wie es sich anfühlt, oder einfach nur etwas süßes haben will, das frech aus der Handtasche lugt, kann natürlich auch das nächste Spielwarengeschäft ansteuern und sich dort ein plüschiges Äquivalent zum echten Hund zulegen. Die haben zudem den Vorteil, dass sie garantiert nie die Tasche verschmutzen und immer gleich putzig aussehen.

 

Fazit

Der Trend, Bello in die Tasche zu packen, ist längst nicht mehr nur It-Girl-Terrain. Allerdings müssen diverse Dinge schon im Voraus bedacht werden, damit sich die Kerlchen wirklich wohlfühlen und die ganze Sache nicht nur zum Ego-Push der Besitzerin verkommt. Ein Tier bedeutet immer Verantwortung, auch wenn es zugleich ein zuckersüsses Mode-Accessoire neben Schuhen, Sonnenbrille, Halskette und Armreif sein kann.

 

"Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit dem freien Autor Sven Schulte“

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