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Lifestyle | 12.09.2016

Leben nach der Flucht

FRAUEN, DIE BEWEGEN. Rehab, Wafaa und Rahaf sind Frauen, die ihr Land verlassen haben. In look! erzählen sie ihre ganz persönliche Geschichte, sprechen über den Stellenwert von Religion und über die Burka-Diskussion.

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Seit 2011 tobt in Syrien ein unerbittlicher Bürgerkrieg,der über die Landesgrenzen hinaus seine schrecklichen Kreise zieht. Gut gegen böse? So einfach ist das nicht. In diesem Spiel um Macht gibt es eigentlich nur „die Bösen“. Zentrale Figur ist Syriens Präsident Baschar al-Assad, dessen Familie seit 40 Jahren an der Macht ist. Trotz zahlreicher Friedensbemühungen zeigt sich der „Diktator“ kompromisslos, was wohl ein Ende des Krieges in weitere Ferne rücken lässt.

Ein Land in Auflösung.

12 Millionen Syrer haben seit Beginn des Konflikts ihr Zuhause verloren, viele verließen auch schon Jahre davor ihre Heimat. 2015 erreichte der Flüchtlingsstrom einen traurigen Höhepunkt. Rund eine Million Flüchtlinge hatten bereits Europa als Ziel. Darunter auch Rahaf, die junge Mutter dreier
Kinder, die beim look!-Round-Table von ihrer dramatischen Flucht erzählte. Rehab und Wafaa sind bereits vor dem Krieg nach Österreich gekommen.

Rahaf, Hausfrau & Mutter. Rahaf aus Damaskus, 31, überlebte 2015 gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern (6, 12 und 15) die Flucht mit Schleppern. Die Familie verlor im Krieg alles.

look: Wann und aus welchen Gründen mussten Sie Ihr Land verlassen?
Wafaa: Ich kam vor 26 Jahren mit meinem Mann und meinen drei Kindern (damals 8, 6 und 4). Wir stammen von der Golanhöhe, aber wir lebten in Damaskus. Wien war Zufall. Mein Mann (er ist Tierarzt und arbeitet auch im medizinisch-technischen Bereich) hatte die Chance, in Wien zu arbeiten. Er war ein Jahr hier, wir besuchten ihn auf Urlaub – und als er die Kinder fragte, ob sie gerne in Wien bleiben würden, sagten sie Ja. Er hat sich hier selbstständig gemacht und nach vier Jahren haben wir die Staatsbürgerschaft bekommen, das war ganz einfach.

Was waren damals die Gründe, die Heimat zu verlassen?

Wafaa: Wirtschaftliche Gründe. Mein Mann hat in Deutschland studiert, wir kannten also Europa schon und wollten da leben, weil es hier ein freieres Leben ist, weil wir unseren Kindern hier eine bessere Zukunft bieten konnten.


Rehab, wie kamen Sie nach Wien?
Ich war Witwe und über Bekannte und Familie lernte ich 2005 meinen heutigen Mann kennen, einen Österreicher, der auch Witwer war. Er stammt aus Homs und hat auch noch Familie in Damaskus. „Heiratsvermittlung“ ist in unserer Kultur durchaus üblich. Mein Mann hat in den 1960er Jahren hier in Wien Veterinärmedizin studiert, musste dann 1970 nach Syrien zurückkehren (weil der Staat das
Studium finanzierte), aber sobald es ging, kam er wieder nach Wien. Am Anfang war alles neu für mich, aber ich habe sozusagen eine ganze Familie geheiratet, mein Mann brachte zwei Söhne und eine Tochter in die Ehe mit – das hat mich sehr beruhigt. Ich habe zwei Söhne aus erster Ehe, die beide in Saudi-Arabien arbeiten und leben. Seit ein paar Monaten habe ich jetzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Rehab, Hausfrau. Rehab, 62, kam 2005 als Witwe aus Damaskus nach Wien, weil sie einen Wiener syrischer Herkunft heiratete. Sie hat zwei Söhne, 40 und 44, aus erster Ehe, die in Saudi-Arabien leben.

Wie war 2005 die Stimmung in Syrien? Krieg gab es ja noch keinen.

Rehab: Die Wirtschaft war seit den 1980ern am Boden, viele Männer mussten zwei Jobs machen, um halbwegs gut ihre Familien erhalten zu können. Ich war zuvor noch nie außerhalb von Syrien, aber meine Verwandten rieten mir dazu, mir mit meinem Mann ein neues Leben aufzubauen. Er ist auch Veterinärmediziner, jetzt ist er schon in Pension.

Rahaf: Ich kam genau vor einem Jahr mit dem großen Flüchtlingsstrom. Es war unerträglich in Damaskus. Um uns herum fielen die Bomben, zerstörten unsere Firma – wir hatten eine Granit-Manufaktur – und unsere Wohnung, überall lagen die Toten, wir selbst haben jeden Augenblick mit
dem Tod gerechnet. Es ging uns eigentlich gut – und von einem auf den anderen Tag war alles weg.

Wie ist Ihnen die Flucht gelungen?

Rahaf: Natürlich mit Hilfe von Schleppern, keiner kann mehr offiziell raus. Die Flucht dauerte
insgesamt 15 Tage – per Flugzeug, viel zu Fuß, auf einem Boot –, wir haben direkt vor uns Flüchtlinge ertrinken gesehen – und die letzten Kilometer bis nach Wien waren wir eingepfercht in
einem Bus. Erst heute kann ich halbwegs darüber reden, ohne in Tränenauszubrechen. Es ist ein Wunder, dass wir – mein Mann, meine drei Kinder und ich – überlebt haben.

Wie leben Sie hier?


Wafaa: Meine Kinder haben alle drei studiert und sind heute alle erfolgreich in ihren Jobs. Ich fühlte mich hier von Anfang an sehr wohl, ich habe auch sofort einen Deutschkurs gemacht, um arbeiten zu können. Viele Jobs, aber mein Wunsch war, Stylistin, Make-up-Artistin und Farbberaterin zu werden. Das habe ich geschafft. Ich war auch in Syrien nicht nur Hausfrau.

Rehab: Ich lebe eigentlich sehr traditionell und zurückgezogen mit meinem Mann und wenigen Freunden. Ich bin Hausfrau, kümmere mich um den Haushalt. Mein Mann und ich beten fünf Mal täglich und lesen aus dem Koran. Ich halte auch streng den Ramadan ein. Sonntags versammeln wir
immer die Familie um uns.                              

                                                                             
Rahaf: Ich sorge für meine Familie, die Kinder sind in der Schule oder im Kindergarten, und ich lerne gerade Deutsch. Als ich 2015 kam, landete meine Familie in einem Flüchtlingslager in Erdberg. Dort lernte ich eine sehr liebe Frau kennen, die uns gratis eine Wohnung anbot, in der wir immer noch leben. Mein Mann lernt auch gerade Deutsch und wir hoffen, dass er bald einen Job bekommt. Für ihn ist die Situation, nichts zu tun, unerträglich, denn er hat täglich in seiner Fabrik gearbeitet und war ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Inwieweit verfolgen Sie das aktuelle politische Geschehen in Ihrer alten Heimat?

Wafaa: Meine Familie lebt noch in Syrien – wir telefonieren viel. Meine Schwester schaffte es nach Norwegen, mein Bruder ist hier. Mein Mann ist natürlich sehr am Geschehen interessiert, aber ich kann nur einmal täglich Nachrichten schauen, mehr schaffe ich nicht. Wenn ich an die vielen unschuldigen Todesopfer denke, geht es mir sehr schlecht und ich habe täglich Angst um meine Familie. Meine Eltern wollten nicht weg. Ich habe sie zwar eine Zeit lang in der Türkei einquartiert,
wollte sie nach Österreich holen, aber der Antrag wurde abgelehnt, sie mussten nach Syrien zurück. Als meine Mutter letztes Jahr verstarb, konnte ich nicht einmal zur Beerdigung einreisen.


Rehab: Bei mir ist es auch so. Ich ertrage die Nachrichten nicht, mein Mann schaut dafür dauernd.


Rahaf: Ich telefoniere viel mit meinen Verwandten, somit bekomme ich alles hautnah mit. Aber ich kann mir die Nachrichten nicht ansehen. Das ist alles noch so frisch. Ich habe fast fünf Jahre mitten im Krieg gelebt, mein Jüngster ist schwer traumatisiert und in psychologischer Behandlung.

 

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Gibt es ein zurück nach dem Krieg? Wafaa, Rehab und Rahaf haben in Wien ihre neue Heimat gefunden. Alle drei hoffen auf ein baldiges Kriegs-Ende, aber nur Rahaf träumt von einer Rückkehr nach Syrien. © Ludwig Schedl

Welche Rolle spielen Religion und Tradition in Ihrem Leben?

Wafaa: Keine sehr große Rolle. Ich akzeptiere jede Religion. Ab und zu gehe ich auch in eine Kirche, zünde im Stephansdom eine Kerze an, weil es ein spiritueller Ort ist. Es gibt nur einen Gott und wir sind alle Menschen. Meine ganze Familie denkt so.


Rehab: Wie gesagt, ich praktiziere den muslimischen Glauben sehr streng. Ich bin so erzogen worden.
Daraus schöpfe ich Kraft. Ich glaube an Gott und das, was im Koran steht. Islam heißt übersetzt Friede. Wenn Menschen im Namen des Islam morden, dann sind sie einfach nur Verbrecher und Terroristen. Diese Leute haben mit Religion nichts zu tun.

Rahaf: Es gibt nur einen Gott und ich unterteile in gute und in schlechte Menschen. Ich bete fünf Mal am Tag und halte den Ramadan ein – heuer sogar mit meiner neuen Nachbarin. Ich trage zum Beispiel das Kopftuch aus Überzeugung, und nicht weil es jemand von mir verlangt. Meine Schwester trägt es nicht. Meine Kinder erziehe ich jetzt traditionell, aber sie werden einmal die Wahl haben.

Rehab: Meine Schwestern tragen auch kein Kopftuch, aber für mich kommt das nicht in Frage.


Wafaa: Ich habe nie Kopftuch getragen und mich schon in Syrien so gekleidet wie heute hier.

Wie stehen Sie zum derzeit von Frankreich bis Österreich heiß diskutierten Burka-Verbot?


Wafaa: Ich bin absolut dafür. Wenn ich mit jemandem rede, möchte ich ihm in die Augen schauen. Wieso darf ich die Frau nicht sehen? Ich weiß nicht, wie die Frauen, die Burka tragen, denken, vielleicht denken sie von mir, ich sei ungläubig und sie sind die Heiligen. Für mich ist die Burka ein
Zeichen der Unterdrückung.

Rehab: Die Burka ist nicht im Sinne des Islam, im Koran steht, dass Gesicht und Hände frei sein sollen. In Syrien gibt es keinen Burkazwang, ich bin auch strikt gegen die Burka.


Rahaf: Früher wurde nicht so viel darüber geredet, aber die Burka bietet auch Platz für Terroristen, um sich darunter zu verstecken. Ich bin auch für das Burka-Verbot.

Wafaa, Make-up-Artist. Die 56-jährige Powerfrau kam vor 26 Jahren nach Wien, weil ihr Mann einen Job bekam und sie ihren drei Kindern (30, 33 und 35) eine bessere Zukunft bieten konnten.

 

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