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Lifestyle | 08.06.2017

Plötzlich braucht man Plan B

Vorbild. Facebook- Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, 47, hat zwei Jahre nach dem tragischen Tod ihres Mannes ein Buch über ihren Weg zurück ins Leben geschrieben.

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Facebook- Geschäftsführerin Sheryl Sandberg .© picturedesk.com

Dave war mein Fels. Wenn ich aufgeregt war, blieb er ruhig. Wenn ich mir Sorgen machte, sagte er, alles wird gut. Wenn ich mir nicht sicher war, was zu tun ist, half er mir, es herauszufinden. Wie alle Paare hatten auch wir unsere Ups und Downs. Aber Dave gab mir die Gewißheit von tiefem Verständnis, wahrhaftiger Unterstützung und bedingungsloser Liebe“, so beginnt Sheryl Sandberg ihren neuen Bestseller„Option B. Wie wir durch Resilienz Schicksalsschläge überwinden und Freude am Leben finden“, den sie gemeinsam mit dem befreundeten Psychologen Adam Grant schrieb, um Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge erlitten haben, zu helfen – und ihnen zu vermitteln, dass sie nicht allein sind. Und dass selbst eine derart erfolgreiche Spitzenmanagerin, die scheinbar alles im Griff hat, Momente erlebt, in denen sie einfach nur hilflos, ohnmächtig und anlehnungsbedürftig ist.

 

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Die deutschsprachige Ausgabe von „Option B“ erscheint am 16. Juni im Ullstein Verlag, € 20,60,- © picturedesk.com

Tragischer Tod. Am 1. Mai 2015 starb ihr Mann Dave Goldberg mit nur 47 Jahren während eines Kurzurlaubes in Mexiko, wo das Ehepaar den 50. Geburtstag eines Freundes feiern wollte. Auch darüber schreibt die Facebook- COO sehr persönlich, sehr offen und mutig. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Schwager Rob ihren Mann im Gym am Boden liegend fand, in einer Blutlache neben dem Laufband, sie berichtet von Wiederbelebungsversuchen, vom Eintreffen der Rettung und den längsten 30 Minuten ihres Lebens. Der Fahrt nämlich in die Ambulanz, bei der sie vorne sitzen musste, während ihr Mann hinter ihr auf einer Liege von einem Arzt versorgt wurde. Vergeblich, leider. „Irgendjemand fragte mich, ob ich Dave sehen wollte, um mich zu verabschieden… Ich wollte auf keinen Fall gehen. Ich dachte, wenn ich bleibe und ihn halte, dann würde ich von diesem Albtraum aufwachen.…Und so begann der Rest meines Lebens. Ein Leben, auf das ich absolut nicht vorbereitet war. Bei meinem Sohn und meiner Tochter zu sitzen und ihnen zu sagen, dass ihr Vater gestorben war. Ihre Schreie zu hören.“ Alles nur unfassbar schmerzvoll.

Angst um die Kinder. Die größte Sorge galt vor allem ihren zwei Kindern, die nach dem Verlust ihres Vaters vielleicht nie wieder wirkliche Freude empfinden würden. Eingebettet im Kreise der Familie, enger Freunde und Kollegen wie u.a. ihrem Chef Mark Zuckerberg, den sie in Interviews ihren Lebensretter nennt, tapste sich Sandberg in kleinen Schritten zurück in den Alltag bzw. ins Leben. „Mein Vater erinnerte mich, zu essen und dann setzte er sich neben mich, um sicher zu gehen, dass ich es tat”, schreibt sie. Und sie gesteht, sich in den ersten Monaten ständig bei allen entschuldigt zu haben. „Adam hat mich letztendlich davon überzeugt, dass ich das Wort ,sorry‘ verbannen muss. Er erklärte mir, dass Selbstanschuldigungen meine Genesung verzögern, und auch die meiner Kinder.“ Als sie sich dann weniger schuldig fühlte, erkannte sie, dass nicht mehr alles nur schrecklich war. „Meine Kinder haben durchgeschlafen, weniger geweint und mehr gespielt.” Auch zurück ins Büro zu gehen half. Kinderpsychologen und Trauerexperten rieten ihr, ihren Sohn und ihre Tochter so schnell als möglich zurück in ihrem normalen Alltag zu bringen. Was sie auch tat. Ihr Schmerz habe sie zudem gegenüber ihren Mitarbeitern sensibler gemacht.

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Große Liebe. Sheryl Sandberg mit ihrem verstorbenen Ehemann Dave Goldberg. © picturedesk.com

 Achtsamkeit. „Mir wurde beigebracht, andere so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Aber wenn ein Mensch leidet, dann sollten wir nicht der goldenen Regel folgen, sondern der platinenen: ,Behandle andere so, wie sie gern behandelt werden wollen.‘“ Anstatt sie zu fragen, wie es ihr gehe, sollte man sie fragen, wie es ihr heute gehe.

Dankbarkeit. Es sei die größte Ironie, dass ein so tragisches Erlebnis dazu führte, Demut und Dankbarkeit zu spüren. Neben all ihrer Trauer habe sie auch eine viel tiefere Wertschätzung für alles bekommen, was sie bisher für selbstverständlich ansah. Und nichts im Leben sei selbstverständlich. „Wir brauchen auf keinen besonderen Anlass zu warten, um uns zu bedanken. In einer meiner bevorzugten Studien wurden Leute aufgefordert, sich schriftlich bei jene zu bedanken, die ihnen mit besonderer Liebenswürdigkeit begegnet sind. Die Studie zeigte, dass sich nicht nur die Betroffenen Freude empfunden haben, sondern auch die Verfasser der Zeilen. Und ich stellte fest, dass in jenen Momenten, in denen ich mich bedankte, meine Traurigkeit in den Hintergrund trat.”

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Ihr neuer Freund ist Robert „Bobby“ Kotick , CEO und Präsident von Activision. © picturedesk.com

Freude empfinden. Kleine Glücksmomente zu schaffen, auf dem Weg zurück wäre ganz wichtig: Auf einer Party habe sie ein ehemaliger Schulschwarm zu einem „Earth, Wind & Fire“-Song aufgefordert. Und sie tanzte, war glücklich, brach aber wenig später in Tränen aus, weil sie sich schuldig fühlte. Ihr Schwager Rob überzeugte sie am Telefon mit den Worten: „Seit Dave dich getroffen hat, wollte er dich nur noch glücklich sehen. Und das würde er auch heute wollen. Nimm ihm das nicht.“ Und ab diesem Zeitpunkt habe sie begonnen, wieder Freude in ihr Leben zu lassen. Und in das ihrer Kinder. Sie spielten wieder Spiele, die sie füher zu viert gespielt haben. „Auch Poker, das Dave mit ihnen von klein an gespielt hat. Ich selbst begann wieder ,Games of Thrones‘ zu schauen.“ Selbst im größten Schmerz könne man sich an kleinen Tätigkeiten erfreuen. Tanzen, Kochen, Beten, Singen, Wandern. Und je öfter man es schaffe, um besser wäre es und umso stärker würde die Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, wachsen. Und diese sei wichtig, um u. a. aus Krisen zu lernen. Auch ein großes Thema in Sandbergs Buch: Fehler und Misserfolge nicht zu fürchten, sondern als Chance zu betrachten.

Wieder lieben und lachen. Es war ihr Bruder David, der sie aufforderte, wieder auszugehen bzw. sich mit Männer zu treffen. Aber schon der bloße Gedanke daran verursachte Schuldgefühle. Als dann die Presse über ein Dating berichtete, wurde sie auch prompt verurteilt und beschimpft. Doch ihre Devise lautet: Mach das Beste aus Option B. Denn Option A, ein Leben mit Dave, gibt es nicht mehr. Wie bei ihrem ersten Buch „Lean In” setzt Sandberg auf die Kraft und Stärke von Gemeinschaft und auf den Kontakt mit Menschen, die gleiches Leid erfahren haben: facebook.com/ OptionBOrg und www.optionb.org

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Chef und Freund. Mark Zuckerberg und seine Frau waren eine sehr große Stütze. © picturedesk.com

Letzte Worte an ihren Mann: († 1. 5. 2015)


Berührend. „Ich verspreche Dir, ich werde Deine Kinder zu Vikings-Fans erziehen, auch wenn ich nichts über Football weiß und ich mir ziemlich sicher bin, dass dieses Team nie gewinnen wird. Ich verspreche, dass ich unseren Sohn auch weiterhin Online-Poker spielen lasse, obwohl du ihn bereits mit acht hast spielen lassen … Und an unsere Tochter: Sobald du acht bist – und keine Minute früher – darfst auch du online pokern. Dave, ich verspreche, dass ich Deine Kinder so erziehen werde, dass sie wissen, wer du warst. Und Dave, ich werde Deine Kinder so erziehen, dass sie wissen, was Du von ihnen gewollt hast und dass Du sie mehr geliebt hast, als alles andere auf der Welt. Dave, ich verspreche, ich versuche ein Leben zu leben, das Dich stolz machen würde. Ein Leben, in dem ich Deinem Beispiel folge im Versuch, die Welt zu einem besseren Platz zu machen und immer – aber wirklich immer – die Erinnerung an Dich und die Liebe zu Deiner Familie hochzuhalten.“

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Ratgeber. Die deutschsprachige Ausgabe von „Option B“ erscheint am 16. Juni im Ullstein Verlag, € 20,60,-
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