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Lifestyle | 23.09.2016

Die Geschichte des Sex

Die ganze Wahrheit. Über kein anderes Thema wird mehr geredet, geschwiegen und gelogen als über Sex. Vielleicht sollten wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, um aus ihr zu lernen.

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Ein köstlichpikantes Buch sorgt möglicherweise für ganz neue Seiten im Bett. © iStock

Let’s talk about Sex! Ohne Umschweife und Tabus, schonungslos, offen und herrlich ehrlich. Getrieben haben es die Menschen immer, aber in der Steinzeit kannten sie keinen kausalen Zusammenhang zwischen Akt und Schwangerschaft. Das änderte sich erst 10.000 Jahre v. Chr., als sie sesshaft wurden, Besitz anhäuften und selbigen vererbten. Dies galt als Beginn der Erotik und hier beginnt auch die Zeitreise eines Autorenteams, das sich der Geschichte des Sex angenommen hat, damit wir ihn in der Gegenwart besser genießen können.

Kleine Schweinereien. Man hat Pornoporträts auf Höhlenwände geritzt und sich Sexsprüche auf Papyrus geschickt. Auf Lesbos gab es ein Mädcheninternat, in dem das Wort „befriedigend“ nicht unbedingt eine Note war, im alten Ägypten frönte man der Intimrasur. In manchen Kulturen war Analsex bei Weitem normaler als ein „Handjob“. Ja, so waren sie, unsere Vorfahren, ohne die es uns ja heute nicht geben würde. look! bat zwei der Autorinnen des Buchs „Zehntausend Jahre Sex“ zum Intim-Talk über das große Mysterium des weiblichen Orgasmus, über Lustverlust in unserer Zeit und wie wir zu einem erfüllten Sexleben kommen können.

Die erste Miss Po. Im antiken Griechenland buhlten Thryallis und Myrrhine bei den Dionysos-
Festspielen um den Titel des schönsten Hinterteils.

Bonding bei den Barbaren. Männer umarmten sich im Rudel und schliefen einander bei.

 

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Heike Kottmann. Die Autorin ist Mitglied des Münchner Redaktionsbüros, schreibt Sachbücher und für die Wirtschaftswoche. © Nansen & Piccard

look: 12.000 Jahre Sex. Hat sich im Laufe der Zeit viel verändert?
Pauline Krätzig: Nun, jede Kultur ist anders damit umgegangen. Der Schriftsteller Gustave Flaubert
z. B. war eine Art früher Sextourist. Er ist 1849 nach Ägypten gereist, aber nicht nur um die Pyramiden zu besuchen, sondern auch das ein oder andere „Frauenzimmer“. In Frankreich konnte er vom sexuell freizügigen Orient nur träumen, Europa war zu seiner Zeit nämlich ein absolut prüder Moloch. Frigides Abendland – frivoles Morgenland – heute genau umgekehrt. In der Geschichte
ging es mal völlig unverblümt liebestoll zu wie in Griechenland, Rom oder unter den 68ern – und mal wurde der Sex verteufelt, verlor seine „Lustigkeit“ und verzog sich ins stille Kämmerlein, wie im Mittelalter oder im Nachkriegsdeutschland. Aber Sex war immer da – auch zur Blütezeit der Inquisition und auch im Dritten Reich.

In welchen Kulturen ist es denn am wildesten zugegangen?
Heike Kottmann: Jede Kultur und jede Epoche hatte ihre Höhepunkte. Allerdings gab es auch vor 800 Jahren schon sehr fortschrittliche Bewegungen: z. B. das Volk der Mosuo in Südchina. Ihre Frauen haben sexuell sehr selbstbestimmt gelebt, sie hatten oft mehrere Liebhaber, die Kinder wurden von der Großfamilie aufgezogen, und es gab kein Wort für „Ehemann“,nur für „augenblicklicher Intimpartner“. Wenn die Mädchen 13 Jahre alt wurden, haben sie ein sogenanntes „Blumenzimmer“ bezogen. Das hatte zwei Türen: Eine Tür führte in den Innenhof zur Familie, die andere auf die Straße. Die Mädchen durften in ihren Zimmern empfangen, wen sie wollten. Marco Polo hat 1265 nach Christus in seinen Reiseberichten von den Mosuo erzählt. Er war total entsetzt
über die sextollen Frauen.


Wir leben in einem Zeitalter des „Oversexed, aber underfucked“-Seins. Tötet Reizüberflutung die Libido?
Pauline: In Wahrheit sind wir schon seit 10.000 Jahren geradezu sexbesessen: Der frühe Mensch hat Sexbildchen in Höhlenwände geritzt, die Etrusker standen auf SM-Partys, im alten China bekamen Frauen Analsex gegen Müdigkeit verschrieben und in der Renaissance hatten Frauen das
Recht, in einer Nacht mindestens viermal befriedigt zu werden. Während der Recherche für das Buch haben wir folgende Theorie entwickelt: Die Leute haben sich früher mehr erlaubt, weil ihnen mehr verboten wurde. Der moderne Mensch hat alle Freiheiten und Möglichkeiten – und das macht es komplizierter statt einfacher. Wir fragen uns nicht mehr: Ist das verboten – und wenn ja, wie kann ich das Verbot umgehen? Wir fragen uns: Bin ich eigentlich gestört, wenn ich auf grobe
Worte oder Sex im Freien stehe? Sehe ich gerade gut aus? Jetzt auch noch? Mache ich das gerade richtig? Das Problem ist eigentlich weniger die Reizüberflutung. Die Leute sind underfucked, weil sie sich nicht mehr trauen. Wir wollen in unserem ganzen Leben immer kontrolliert, vernünftig und konsequent sein. Aber guter Sex bedeutet eben Kontrollverlust. Wir sollten einfach mal die Augen schließen und uns auf uns selbst konzentrieren: Was turnt mich an? Wie sieht guter Sex für mich aus? Nur weil heute alles möglich ist, kommt der eine trotzdem am besten in der Missionarsstellung
zum Orgasmus und der andere braucht dazu einen Tritt in den Hintern.

Apropos Orgasmus. Seit Freud wissen wir, dass der klitorale Orgasmus eigentlich nix wert ist. Aber die meisten Frauen bekommen keinen vaginalen. Was ist Ihre Meinung dazu?
Pauline: Nichts gegen Freud, aber da hat wohlgemerkt ein Mann über ein weibliches  Körperphänomen geschrieben und dabei die Mär in die Welt gesetzt, unreife Mädchen hätten klitorale, reife Frauen vaginale Orgasmen – was für ein Schwachsinn. Die Klitoris ist der Ausgangspunkt der meisten Höhepunkte. Abgesehen davon galten sexuell aktive Frauen zu Freuds Zeit um die Jahrhundertwende als „hysterisch“ und man glaubte, diese Hysterie beenden zu können, indem man ihnen die Klitoris entfernt. Was die Diskussion „klitoral versus vaginal“ angeht: Jede Frau kommt anders zum Orgasmus, weil nun mal jede anders gebaut ist. Wenn die Klitoris näher am Scheideneingang liegt, kommt die Frau natürlich auch eher beim Sex. Und sonst gibt
es noch genug Mittel und Wege, den Höhepunkt zu erreichen.

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Pauline Krätzig. Die Journalistin (Süddeutsche Zeitung, NZZ) schrieb erstmals ein Buch mit dem Münchner Redaktionsbüro- Team. © Nansen & Piccard

Haben Sie persönliche Tipps in Sachen Befriedigung?


Heike: Es gibt keinen Handgriff und keine Stellung, die seit 10.000 Jahren todsicher Befriedigung bringt. Die Menschen, die im Bett glücklich wurden, waren immer diejenigen, die wussten, dass man auch mal eine Niederlage einstecken muss.

Pauline: Eine Frau sollte definitiv wissen, wie sie sich selbst zum Orgasmus bringt, und nicht erwarten, dass ihr Sexpartner das für sie herausfindet – im schlimmsten Fall gelingt ihm das nämlich nie.

Erste Pornos. Im Reich von Ramses gab es bereits Rollenspiele, Sex-Tools und Bordelle. Dies stand auf einem Papyrus von 1150.

 

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