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Lifestyle | 15.11.2016

Wien, Hauptstadt des Sex

Sex in the City! Wer hätte gedacht, dass Begriffe wie Pornografie, Masochismus und auch Homosexualität aus Wien stammen! Ein neues Buch und eine Ausstellung klären auf.

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Let’s talk about sex. Michaela Lindinger in der Sex-Schau im Wien Museum. © Arman Rastegar

Doppeladler, aber null Moral. So könnte man das Fin de Siècle und angehende 20. Jahrhundert in knappen Worten am besten beschreiben. Denn toll trieben es die Wiener – Betonung auf ER – zu jener Zeit. Wenn sich beispielsweise ein Herr zu einem Wiener Wäschermädelball aufmachte, so wusste er ganz genau, dass sich dort kein einziges Wäscher-, sondern ausschließlich leichte Mädchen auf der Suche nach potenten Gönnern herumtrieben. Oder: Leider besonders beliebt waren anno dazumal Kindfrauen oder tatsächlich Kinder. Wenn man bedenkt, dass die Erlebnisse der Josefine Mutzenbacher im Buch mit 14 (!) Jahren enden, tun sich Abgründe auf.

look! sah durchs Schlüsselloch und traf die Autorin des soeben erschienenen Buchs „Die Hauptstadt des Sex“, Michaela Lindinger, die auch zum Kuratorenteam der Ausstellung „Sex in Wien. Lust. Kontrolle.Ungehorsam“ im Wien Museum zählt.


look: Wenn es um Rotlichtviertel in Europa geht, spricht man am ehesten von Amsterdam, auch von Hamburg, aber nicht von Wien. Warum ist Wien
dennoch eine Hauptstadt des Sex?


Michaela Lindinger: Der Titel bezieht sich vor allem auf die Zeit um 1900 – schon allein aufgrund der Entwicklung der Sexualwissenschaft. Freud ist natürlich einer der markantesten Namen, aber es gab auch Richard von Krafft-Ebing, der das Werk „Psychopathia sexualis“ herausgab, in dem es nur um das geht, was verboten war. Das Wort „Masochismus“ geht auf Leopold von Sacher-Masoch zurück, der Österreicher war. Er erforschte die Lust am Schmerz und der Hörigkeit. Er hatte Verträge mit gewissen Damen abgeschlossen, mit denen er masochistische Lust auslebte, aber wenn man sich auf der Straße begegnete, tat man so, als kenne man sich nicht. In Wien wurde auch das Wort „Homosexualität“ erfunden. Der österreichisch-ungarische Journalist Benkert verwendete in einem Brief an einen Freund erstmals die Begriffe „homosexuell“ und „heterosexuell“. Man darf nicht vergessen, dass Menschen vor Gericht standen, aber nicht wussten, warum, weil sie den Begriff Homosexualität gar nicht kannten. Bis 1972 war Homosexualität hierzulande verboten und strafbar. Dabei war einer der berühmtesten
Fotografen von schwulen Pornofotos in den 1950er Jahren ein Wiener. Erich Lifka war auch Schriftsteller und der Erste, der einen schwulen Kommissar erfunden hat.

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Ausstellungs Tipp! Sex in Wien Adults only. 550 Ausstellungsobjekte geben bis dato unbekannte Einblicke in das Sexleben der Wiener. Die Schau, die in Kooperation mit QWIEN (Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte) entstand, gliedert sich in „Vor dem Sex“, „Während des Sex“ und „Nach dem Sex“. Wien Museum. Zu sehen bis 22. Jänner, ab 18 Jahren. © Susanne Bisovsky

Die Geburtsstunde der Pornografie kann man auch in Wien orten. Wie kam es dazu?


Die sogenannten „Wiener Bilder“ waren international berühmt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es die „Fendi-Pornos“, eine vervielfältigbare Grafik. Heute muss man allerdings sagen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Wiener Biedermeier-Maler Peter Fendi dahintersteckte. Es könnte auch Josef Danhauser gewesen sein. Man weiß es nicht. Es wurden auf alle Fälle zahlreiche Ausgaben verkauft. Wien um 1900 war ein Zentrum des Porno-Marktes. Es wurden Fotos von nackten Frauen verkauft und die Filmindustrie entwickelte sich. Die heimische Filmindustrie begann mit den Pornofilmen. Die Saturn-Film von Johann Schwarzer produzierte Streifen zwischen drei und sechs Minuten Länge, die mit Zwischentiteln in verschiedenen Sprachen über Kataloge in alle Welt verkauft wurden.

Was hat man da gesehen?


Sie sind im Anschluss an das normale Kinoprogramm gelaufen. Man nannte sie „pikante Herrenfilme“. Passiert ist eigentlich nicht viel, man sieht keinerlei sexuelle Handlungen. Frauen ziehen sich aus und wieder an, ein Mann sieht durchs Schlüsselloch. Die Filme sind im Prinzip früher Slapstick, weil klassische Institutionen der Monarchie aufs Korn genommen werden: Ehe, Familie, Armee, etc. Da es sich um Kritik am Staat handelte, sind diese Filme auch verboten worden.

Am Kaiserhof soll es ja auch ganz schön pikant zugegangen sein. Zum Beispiel Franz Stephan von Lothringen, der notorisch fremdgehende Ehemann von Kaiserin Maria Theresia. Wer war denn noch ein schlimmer Finger?


Ja, zu Kaisers Zeiten wurde viel getratscht. Natürlich wussten die Untertanen über das Liebesleben der Herrschaft Bescheid. Franz Stephan trieb es
ordentlich in der Loge, in die er sich immer diverse Damen eingeladen hat. Mehr weiß man aus der Zeit von Kaiser Franz Joseph. Er hatte neben Elisabeth
verschiedene Frauen und Freundinnen. Das hat Kaiserin Elisabeth nicht nur gewusst, sie hat die Liaisons sogar angeleiert. Das recht frivole Gemälde von
Katharina Schratt, das hier in der Ausstellung hängt, ist sogar von der Kaiserin als Geschenk für ihren Mann in Auftrag gegeben worden. Sie war es, die ihm Katharina Schratt vorgestellt hat, man durfte ja zu dieser Zeit niemanden treffen, der einem nicht offiziell vorgestellt worden war. Mit diesem Bild begann die Verbindung zwischen den beiden, die 30 Jahre gedauert hat. Schratt war, wie fast alle Gespielinnen des Hochadels, eine Schauspielerin.

 

„Bis in die 1970er Jahre war auf der Kärntner Straße ein Strich.“ – Michaela Lindinger

 

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Einst und jetzt. Ein Kondomautomat, wie man ihn kennt. Doch Kondome gab es schon viel früher – z. B. aus Schafsdarm.

Die Damen vom Theater waren eigentlich bessere Prostituierte, oder?


Vor allem hübsche Mädchen aus der Unterschicht machten Karriere als Balletteusen und Aktricen, um es sich zu verbessern. Sie gingen mit unterschiedlichen
Männern aus. Die Theaterdirektoren rieten den Elevinnen sogar, sich einen Gönner zu suchen, denn für Kostüme und Bühnenschmuck wurde ihnen nichts gezahlt. Wer ein Star werden wollte, musste wie einer aussehen, sagten die Direktoren.

Die Frau wurde immer als Lustobjekt gesehen oder als brave Ehefrau. Ab wann ist man eigentlich auf die Lust der Frau, sprich: den weiblichen Orgasmus eingegangen?


Ursprünglich ging man davon aus, dass Frauen gar keinen Orgasmus haben. Es galt Queen Victorias Spruch: Schau an die Decke und denk an England. Das war auch hier so. Erst durch die Entwicklung der Sexualwissenschaft wurde darauf hingewiesen, dass auch Frauen eine Empfindsamkeit verspüren und einen Höhepunkt haben können. Es wurde ja immer von der Ehe gesprochen, nie vom Sex. In den 1920er Jahren gab es z. B. Bücher, in denen man die „günstigen Erregungskurven“ von Mann und Frau sieht. Also, diese Entwicklung ist sehr spät eingetreten. In Wien gab es z. B. auch die erste historisch erwähnte Beratungsstelle. Die Institution achtete offiziell darauf, dass Frauen möglichst viele gesunde Kinder bekamen, da die Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg sehr dezimiert war, aber dort wurde schon auch erklärt, wie glücklicher Sex aussehen könnte.

 

Gab es Aufzeichnungen von Frauen, die vielleicht zufällig Lustempfinden hatten, die von ganz alleine einen Orgasmus bekamen?


Die Frauen haben das sicher zu allen Zeiten gewusst, nur gab es keine Schriften. Aber gehen wir zum Ende des Mittelalters und zum Beginn der Neuzeit zurück, in die Zeit der Hexenverfolgungen. Da gab es die sogenannten Hebammen-Hexen, die auch die damaligen Sexualberaterinnen waren. Sie haben immer schon auf die Rechte und Bedürfnisse der Frauen gepocht – somit wurden sie natürlich verfolgt.

 

Da kommen wir gleich zum Thema Verhütung, das eng mit Wien verbunden ist. Schon allein durch Carl Djerassi, einen Wiener, der die Pille erfand ...

Ja, in den 1930 Jahren gab es z. B. die Knaus-Ogino-Methode. Ein Wiener und ein japanischer Gynäkologe haben durch Messung der Temperatur die fruchtbaren Tage errechnet. Selbstverständlich ist sie von den Frauen dazu genutzt worden, um die unfruchtbaren Tage herauszufinden.

 

Wie hat sich unser Rotlichtmilieu im Laufe der Zeit entwickelt?

Früher gab es das Taschenbuch für Graben-Nymphen, das waren die Sexarbeiterinnen, die am Graben promenierten. Sie waren sehr bunt gekleidet und stark geschminkt, also leicht zu erkennen. Das war eigentlich ein Guide für die Freier: Wo sind die Bordsteinschwalben zu finden, wie funktioniert die Anbahnung, es
gab eine Preistabelle etc. Bis in die 1970er Jahre standen die gewissen Damen auf der Kärntner Straße, die noch keine Fußgängerzone war. In den 1980er und 90er Jahren war die große Zeit des Rotlichts am Gürtel, damals wurde die Prostitution an die Peripherie verbannt. In der Stadt gibt es sie zwar, aber man darf sie nicht sehen. Deshalb gibt es jetzt Laufhäuser, Studios und Saunaclubs.

 

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Pikante Lektüre. Die Hauptstadt des Sex. Wien unzensiert. Verblüffende Erkenntnisse zum Thema Sex in Wien, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Amalthea, € 22,–.
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