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Lifestyle | 10.04.2017

Wir Frauen müssen noch viel kämpfen

Startklar. Gesundheits- und Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner im ausführlichen look!- Gespräch.

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„So schnell auf Sabine Oberhauser zu folgen, war emotional schwierig.“ © Katharina Stögmüller

Nein, Muße für sich selbst bleibt ihr in diesen turbulenten Zeiten der raschen Angelobung und des sofortigen Arbeitsbeginns als Zweifach- Ministerin nicht. Und ja, die fast zwölfjährige Tochter findet den neuen  Job der Mutter eher uncool. Um sie und die siebenjährige Schwester kümmert sich derzeit vor allem der Papa (Michael Rendi, Kabinettschef von SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda, Anm.), denn Neo-Ministerin Pamela Rendi-Wagners Terminplan ist sehr straff.

Schlaflos. Es habe sie eine schlaflose Nacht gekostet, um dann – nach ausführlichem Gespräch mit Ehemann und den Töchtern – „Ja“ zum Kanzler, zur neuen Funktion als Gesundheits und Frauenministerin zu sagen. Jetzt hat die studierte Medizinerin viel vor: Aufgewachsen als Tochter eines Feministen und im 68er-Umfeld hat sie sich vor allem die „Verkleinerung der Lohnschere“ vorgenommen. „Im Vergleich mit anderen Ländern stehen wir sehr schlecht da“, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Gleichberechtigung. Ein Prinzip, das für Pamela Rendi-Wagner seit Geburt des ersten Kindes gilt. „Mein Mann und ich haben uns immer alles geteilt und familiäre Hilfe in Anspruch genommen.“ Der Talk.

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Offen. Pamela Rendi- Wagner im Talk mit look!-CR Alexandra Stroh. © Katharina Stögmüller

look: Frau Minister, Ihre Angelobung fand nur drei Tage nach der Trauerfeier für Sabine Oberhauser statt. Wie schwer war es für Sie, vor allem emotional, dieses „Erbe“ anzutreten?

Pamela Rendi-Wagner: In dieser zeitlichen Unmittelbarkeit auf Sabine Oberhauser nachzufolgen, war für mich emotional sehr schwierig. Ich habe mit ihr über zwei Jahre lang sehr intensiv zusammengearbeitet. Es war eine sehr spannende und intensive Zeit. Daher war es nicht leicht, so kurz nach ihrem Ableben dieses Amt zu übernehmen.

 

Als Sie von Kanzler Kern angefragt wurden, ob Sie die Gesundheits- und Frauenagenden übernehmen würden, was waren Ihre ersten Gedanken?

Mein erster Gedanke war: Ich muss es mir überlegen. Eine Nacht lang habe ich nachgedacht, es war eine schlaflose Nacht. Da ist natürlich viel losgetreten worden – auch auf der emotionalen Ebene. Ich habe es dann mit meiner Familie – mit meinem Ehemann und mit meinen Kindern – besprochen. Ich habe auch Kolleginnen, Kollegen und enge Freunde dazu befragt. Am nächsten Tag habe ich noch einmal Christian Kern getroffen und nach dem Gespräch war es dann klar. Ich werde das Amt übernehmen.

 

Können Sie den Moment beschreiben, als Sie erstmalig das Büro – es war bis vor kurzem noch das von Sabine Oberhauser – betreten haben?

Das war ein sehr schwieriger Moment. Wir hatten hier, wo wir gerade sitzen, sehr viele Meetings. Als ich zum ersten Mal das Büro betreten habe, kamen viele Gefühle hoch.

 

Ich kann mir vorstellen, dass Sie oft an Sabine Oberhauser, mit der Sie ja die vergangenen Jahre auch eng zusammengearbeitet haben, denken …?
Natürlich. Viele der Themen, die auf meiner Agenda stehen, hat Sabine Oberhauser auf den Weg gebracht. Und über einige dieser Themen habe ich mit ihr viele Stunden diskutiert.

 

Kommen wir also zu den Themen: Was wollen Sie für die Frauen im Land erreichen? Wo sehen Sie akuten Handlungsbedarf?

Fakt ist, dass die Frauenbewegungen der letzten Jahrzehnte vieles für die Frauen in diesem Land erkämpft haben. Fakt ist aber auch, dass es noch sehr viel zu erkämpfen gibt. Stichwort: Vereinbarkeit Beruf und Familie, Gewaltschutz, Armutsprävention für Frauen und natürlich die Verkleinerung der Lohnschere zwischen Frauen und Männern. Wir wissen, dass hierzulande immer noch 22 Prozent Gehaltsunterschied für gleiche Arbeit besteht. Da steht Österreich im Vergleich zu anderen Ländern sehr schlecht da. Diesen Zustand gilt es zu bekämpfen. Dafür werde ich mich einsetzen.

 

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Unter Männern. Rendi-Wagner mit Kern und Mitterlehner. © picturedesk

Wie vereinen Sie den berühmten und vielzitierten „Kind & Karriere“- Spagat und worauf verzichten Sie dafür?

Jede Frau, die arbeitet, kennt die Hürden, wenn man Beruf und Familie vereinbaren will. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Die Herausforderungen lasten noch immer zum Großteil auf der Frau, auch wenn ich in einer privilegierten Situation bin. Ich schaffe es mit einem Ehemann, der seinen Teil der Arbeit macht. Ohne die Unterstützung meiner Mutter, die mir zum Glück unter die Arme greift, würde ich es auch nicht schaffen. Zusätzlich habe ich gelegentlich eine Kinderbetreuung, weil meine Mutter auch nicht jederzeit einspringen kann. Und ohne Ganztagsschule bis 17 Uhr würde das alles auch nicht klappen. Was ich aber noch anmerken möchte: Ich würde mir wünschen, dass diese Frage auch Männern öfter gestellt wird.

 

Welche Voraussetzungen müssen in Österreich geschaffen, verändert und verbessert werden, um Frauen die Vereinbarkeit besser zu ermöglichen?

Es muss unser Ziel sein, dass wir es allen ermöglichen, Beruf, Familie und Kinder unter einen Hut zu bringen. Das darf nicht nur auf den Schultern der Frauen lasten. Wir müssen den flächendeckenden und qualitätsvollen Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtung, aber auch der Ganztagsschule vorantreiben, und wir müssen das zweite Gratiskindergarten- Jahr umsetzen.

 

Ihre Töchter sind beide in der Schule und waren bei der Angelobung der Mutter dabei. Was ist es, das Sie ihnen mit auf den Weg geben möchten?

Das ist einfach: Ihr könnt alles sein und erreichen, was ihr wollt. Lasst euch da von niemandem dreinreden. Und ich werde mich – als Frauenministerin und natürlich auch als Mutter – dafür einsetzen, dass ihr die Rahmenbedingungen dafür vorfindet.

 

Feminismus schön und gut, aber: Werden wir es schaffen, dass Frauen für gleiche Arbeit gleichen Lohn erhalten? Wenn ja, wann?

Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit – das ist eines meiner Hauptanliegen. Klar ist, dass wir zum Schließen der Lohnschere an vielen verschiedenen Rädchen drehen müssen, da diese auch verschiedene Ursachen hat. Das reicht von geschlechtsspezifischer Berufswahl über lange Absenzen vom Erwerbsleben und Teilzeitphasen aufgrund fehlender oder unzureichender Kinderbetreuungseinrichtungen bis hin zu schlichtweg Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts. Aus meiner Sicht muss eine der ersten Maßnahmen in diesem Bereich die Forderung nach einem Mindestlohn von 1.500 Euro sein. Mehr als 200.000 Frauen in diesem Lande verdienen weniger als 1.500 Euro. Daher ist es dringend notwendig, in diesem Niedriglohnbereicheine Verbesserung für die Frauen durchzusetzen. Aber es ist klar, dass das nicht die einzige Maßnahme bleiben kann.



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Angelobung. Zum Festakt mit Van der Bellen kammen auch Rendi-Wagners Töchter. © picturedesk

Kommen wir zum Gesundheitsministerium: Hier gibt es viele „Baustellen“ wie die Zwei- oder auch Mehrklassenmedizin, Gangbetten, eine aufgebrachte Ärztekammer und vieles mehr. Was können Sie hier in den nächsten 18 Monaten realistisch erreichen?

Ziel muss ein Gesundheitssystem sein, das zeitgemäß ist und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert – nicht umgekehrt. Das Rad der Zeit hat sich weitergedreht, wir haben heute andere Anforderungen an die Krankenversorgung: Wir werden immer älter, die Pflegebedürftigkeit steigt und wir sehen andere Krankheitsbilder. Darum müssen wir das System auch weiterentwickeln. Wir brauchen eine moderne und zeitgemäße Primärversorgung, also eine Gesundheitsversorgung, die den Menschen dient. Sie soll nahe am Wohnort und zeitlich gut verfügbar sein. Ein großes und dringendes Thema sind die Wartezeiten, insbesondere bei CT- und MRT-Untersuchungen. Wer medizinisch dringend eine Untersuchung braucht, muss sie auch bekommen. Die Wartezeiten müssen kürzer werden.


Ihr Spezialgebiet sind Impfungen. Eine Impfpflicht in Österreich – ja oder nein und warum?

Wir haben in den ersten zwei Monaten 2017 doppelt so viele Masernfälle registriert als im Vorjahr. Das ist eine ernste Entwicklung. In Österreich werden Kinder zu spät und zu inkonsequent geimpft. Wir sehen bei den Erwachsenen große Impflücken. Das gilt auch für das Gesundheitspersonal und gerade diesen Missstand müssen wir beheben. Es muss sichergestellt sein, dass sich Patienten nicht beim Personal anstecken können. Eine generelle Impfpflicht kommt für mich nicht infrage.


Zum Schluss: Als Ministerin, Mutter und Ehefrau bleibt Ihnen eigentlich kaum Zeit für sich. Wenn das aber mal gelingt: Was tun respektive „gönnen“ Sie sich dann?

Wenn Zeit bleibt, dann verbringe ich sie mit der Familie – beim Eislaufen oder Fahrradfahren zum Beispiel. Ganz wichtig ist es mir auch, Zeit mit engen Freundinnen und Freunden zu verbringen.

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Strahlend. Vor drei Monaten hat sie sich für einen Kurzhaarschnitt entschieden und ist damit glücklich. © picturedesk
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