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People | 13.10.2014

Verkauft und verraten

Sabatina James. Die pakistanisch-­österreichische Buchautorin, die mit dem Todesurteil ihrer Familie leben muss, kommt am 16. Oktober zur look!-Gala. Wir haben sie vorab zum Interview getroffen!

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Sabatina James (© Sabatina e.v.)

Sie hat das Gesicht eines Bollywood-Stars und wird auch das Model Gottes genannt. Die heute 32-Jährige wurde als Muslimin in Dhedar ­geboren, wuchs aber in Linz auf. Als ihre Eltern sie zur Ehe mit ­ihrem Cousin zwingen wollten, tauchte sie unter und nannte sich fortan Sabatina James.

Todesurteil

Als sie obendrein zum Christentum konvertierte, sprachen ihr Vater und ein Geistlicher das ­Todesurteil über sie aus. Woher sie ihre Kraft nimmt, für ihre Leidensgenossinnen in den Kampf gegen die Zwangs­ehe zu ziehen, und wie es sich mit so einem Schicksal lebt, verrät ­Sabatina James im look!-Interview.

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(© Getty Images)

look: Wie lebt es sich in ständiger Todesangst?
Sabatina James: Mein Leben ist nicht einfach. In der letzten Zeit ­bekomme ich Drohungen seitens ­islamischer Extremisten.

look: Wie sehen Ihr Alltag und Ihr Schutz aus? Ihr Aufenthaltsort ist ja streng geheim.
Sabatina James: Seit 2006 bin ich im Opferschutzprogramm der Polizei. Ich stehe in regelmäßigem Austausch mit meinem Betreuer vom LKA. Aber wie meine Sicherheit genau gewährleistet wird, darüber will ich nicht in der Öffentlichkeit sprechen. Sonst ist es kein Schutz mehr.

look: Haben Sie je wieder etwas von Ihrer Familie gehört?
Sabatina James: Meine Familie habe ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Manchmal denke ich, vielleicht haben sie sich ja geändert, aber das Risiko, es herauszufinden, ist mir zu groß.

look: Haben Sie eine neue Familie gegründet? Ist da jemand, der Ihnen Geborgenheit schenkt?
Sabatina James: Meine größte ­Geborgenheit schenkt mir ein Mann seit über zehn Jahren. Er ist unübertrefflich und heißt Jesus.

look: Haben Sie je Ihre Entscheidungen bereut, vom Islam zum Christentum zu konvertieren, die Zwangsehe zu verweigern und dadurch vom eigenen Vater und einem islamischen Geistlichen das Todesurteil ausgesprochen zu bekommen?
Sabatina James: Die beste Ent­scheidung meines Lebens war es, ­katholisch werden. Dieser Glaube hat mir den Weg zur Freiheit gezeigt. Gottes Liebe macht mich dazu fähig, nicht Opfer zu bleiben, sondern die von ihm empfangene Liebe an andere weiterzugeben. Mein neues Leben gibt vielen Frauen den Mut, aus der Zwangsehe auszubrechen und eigene Entscheidungen zu treffen. Mit dem Blick in die Vergangenheit kann ich sagen: Freiheit ist schmerzhaft, aber nötig.

look: 2001 wurde das Todesurteil über Sie ausgesprochen. Sie gingen hier in Österreich zur Polizei, weil Ihr Leben bedroht war. Wie hat sie reagiert?
Sabatina James: „Na, dann werden Sie halt wieder Moslem. Es ist doch egal, ob man zu Allah oder zu Jesus ­betet.“ Das war die erste Reaktion der Polizei. Aber als ich dem Polizisten die ganze Geschichte erzählte, nahm er die Gefahr dann doch ernst. Aber ich hatte zunächst dasselbe Problem wie tausende andere muslimische Frauen, die ­wegen Drohung seitens der Familie zu den Behörden gehen. Man glaubt, sie würden übertreiben, weil es für Europäer schwierig ist nachvollziehen zu können, dass es Eltern gibt, die ihre Tochter wegen Konvertieren zu einer anderen Religion oder wegen des ­Tragens eines Lippenstifts ermorden würden. Das Motto lautet anscheinend: Solange du nicht tot bist, besteht keine Gefahr. Diese Naivität seitens der nicht interkulturell gebildeten ­Behörden ist tödlich für die Opfer.

look: 60 Millionen Mädchen leben weltweit in einer Zwangsehe. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, dagegen anzukämpfen. Wie kann Ihr Verein ­Sabatina e. V. diese Frauen unterstützen?
Sabatina James: Wir geben den Opfern Zuflucht, Rechtsbeistand und leisten psychosozialen Dienst. Eine wichtige Aufgabe ist Aufklärung. Dazu bin ich unzählige Male in Schulen aufgetreten. Habe auf Einladung von Politikern mehrmals im deutschen Bundestag referiert. Vor kurzem habe ich in New York mit dem UN-Sonder­berichterstatter des UN-Menschenrechtsrats Heiner Bielefeldt über Verbrechen im Namen der Ehre gelehrt. Ich will weitere Zufluchtsmöglichkeiten für die Opfer von Zwangsheirat schaffen, eine eigene Familie gründen und mehr beten.

look: War die Ehe Ihrer Eltern auch arrangiert?
Sabatina James: Ja, das war sie, aber sie lieben einander.

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Unermüdlicher Einsatz für Islamische Frauen. Auf der Frauenrechte-Konferenz 2014 in New York mit Angelina Jolie (© Abigail Pesta)

Im Kampf gegen die Zwangsehe

Stimme der Unterdrückten. Mit zehn Jahren kam Sabatina James nach Österreich und lernte, wie man als Frau ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Sie floh vor der Zwangsehe und konvertierte zum Christentum. Die 32-Jährige schrieb drei Bücher und gründete den Verein „Sabatina“. Am 16. Oktober wird sie einen Sonderpreis anlässlich der „Frauen des Jahres“-Gala im Wiener Rathaus erhalten.

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