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People | 12.11.2017

Diesen Schmerz überwinde ich nie

Einzigartig. Selbst als Kind unter schwersten Qualen beschnitten, kämpft Waris Dirie gegen die weibliche Genitalverstümmelung – mit Erfolg. Ihr nächstes Projekt? Bildung für Afrikas Kinder. Der Talk.

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Waris Dirie im look!-Talk. © Getty Images

Mit fünf Jahren wurde Waris Dirie unter schlimmsten Bedingungen genitalverstümmelt. Heute, fast 50 Jahre später, ist viel passiert. Das ehemalige Welt-Model hat die Prominenz genutzt, um gegen Genitalverstümmelung zu kämpfen. Und das mit großem Erfolg. Mit ihrer Desert Flower Foundation kämpft die dreifache Mutter weltweit gegen FGM – auch hier in Europa. Ihre Biografie „Wüstenblume“ geriet zum Bestseller. Der Film erreichte Millionen. Welterfolg. Bei der look! „Women of the Year“-Gala am 29. November im Wiener Rathaus ist die Menschenrechtsaktivistin in der Kategorie „Women for Women“ nominiert. Im Interview spricht Dirie über ihr schweres Lebenstrauma, aus dem sie ein Lebenswerk geschaffen hat, und über ihre neuen Pläne.

 

 

 

 

 

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Trauma. Dirie wurde im Alter von 5 Jahren genitalverstümmelt. Aus religiösen Gründen, so ihre Mutter. © Desert Flower Foundation

look: Sie feiern 2017 15-jähriges Jubiläum mit Ihrer „Desert Flower Foun- dation“. Was konnten Sie erreichen? Und wie hat sich auch das Stigma „Beschneidung“ durch Ihr Engagement verändert?

Waris Dirie: 2002 gab es kaum Gesetze gegen Genitalverstümmelung. Nur in vier afrikanischen Ländern war diese Praxis gesetzlich verboten. Heute ist FGM in fast allen Ländern weltweit gesetzlich verboten und es gibt zahlreiche Kampagnen. Selbst die UNO erkennt FGM heute als Verbrechen an Frauen an. 2005 konnten wir nach einer 12-monatigen Recherche in afrikanischen Communitys in Europa beweisen, wie weit verbreitet FGM in Europa bereits ist. Ich schrieb darüber ein Buch „Schmerzenskinder“. Die Europäische Union setzte FGM danach erstmals auf ihre Agenda und lud uns ein, unsere Recherche vor dem Ministerrat zu präsentieren. Mit meiner Desert Flower Foundation habe ich tausende Mädchen vor Genitalver- stümmelung gerettet und vier Desert Flower Center zur ganzheitlichen Behandlung von FGM-Opfern in Paris, Berlin, in Amsterdam und Stockholm eingerichtet. Dieses Jahr haben wir eine große Kampagne gegen die Bildungskrise in Afrika gestartet. Noch immer können 42 % der Afrikaner, vor allem Frauen und Mädchen, weder lesen noch schreiben. Im Dezember verteilen wir 10.000 Desert Flower Bildungsboxen mit einem ersten Lesebuch an Volksschüler in Afrika. Denn Mangel an Bildung fördert Armut und leider auch weibliche Genitalverstümmelung.

 

Wie schaut es aktuell aus: Wie viele Mädchen werden noch beschnitten? Und wie hoch ist die Zahl derer, denen dieses grausame Schicksal mitten unter uns, hier in Europa, widerfährt, immer noch?

Alle elf Sekunden wird ein Mädchen genital verstümmelt. Weltweit sind rund 200 Millionen Mädchen und Frauen betroffen. Aufgrund der großen Migrationsbewegung ist es nicht möglich, eine genaue Zahl der FGM-Betroffenen in Europa festzulegen, sie liegt nach EUSchätzungen jedoch weit über 1 Million Frauen und Mädchen. Tatsache ist jedoch auch, dass europäische Behörden noch viel zu wenig tun, um die ankommenden Menschen zu informieren und auch zu integrieren. Dazu gehört natürlich auch Aufklärung über und gegen FGM, Zwangsverheiratung und Gewalt in der Familie. Fairerweise muss ich sagen, dass sich viele Ankommende oder auch hier lebende Immigrantinnen gar nicht integrieren wollen und ihre grausamen Praktiken wie FGM in ihren Communitys einfach weiter durchführen. Dieses Verbrechen ist in Europa leider schon sehr weit verbreitet.

 

Was aber muss noch alles passieren,damit kleine Mädchen nicht jene Grausamkeit erleiden müssen, die Sie als fünfjähriges Mädchen erlitten haben?

Hier in Europa helfen nur mehr ein hartes Vorgehen der Behörden und verpflichtende regelmäßige medizinische Untersuchungen der Mädchen, die aus Ländern kommen, in denen dieses brutale Verbrechen an unschuldigen Kindern
immer noch täglich verübt wird. Sowohl die, die FGM ausüben, als auch die Eltern der Opfer müssen streng bestraft werden. Sonst wird sich nichts ändern. In den afrikanischen Ländern müssen die Menschen über das grausame Verbrechen aufgeklärt werden, um ein Umdenken zu diesem Thema zu erreichen. Dies ist der einzige Weg, um diesem unmenschlichen Ritual ein Ende zu setzen. In Sierra Leone sind 94 % aller Mädchen beschnitten. Deshalb haben wir dort unsere erste Desert Flower Foundation in Westafrika gegründet. Mittlerweile haben wir 1.000 Mädchen mit Patenschaftverträgen vor FGM und Kinderehen gerettet und finanzieren ihren Schulbesuch. In den Communitys, in welchen unsere 1.000 kleinen Wüstenblumen leben, findet dieses Umdenken bereits statt. Junge Frauen, deren Mütter und auch deren Väter sprechen sich gegen FGM aus und engagieren sich im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Ja, sogar Beschneiderinnen legen ihre langjährige Tradition ab, sprechen sich gegen FGM aus und wollen dazu beitragen, FGM in ihrem Land zu stoppen.

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Mutterliebe. Waris Dirie mit ihrem ältesten Sohn Aleeke, heute 20 Jahre und ihre „große Stütze“. © Desert Flower Foundation

Darf ich fragen, wie Sie über die Jahre gelernt haben, mit dem schrecklichen Trauma zu leben? Und darf ich fragen, in welchen Situationen Sie einfach vom Erlebten wieder eingeholt werden?

So ein schreckliches Trauma kann nicht überwunden werden und es holt dich immer wieder ein – zum Beispiel wenn ich Interviews gebe, wo ich darüber sprechen muss. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, all die Millionen Mädchen, die von dieser schrecklichen Folter bedroht sind, zu retten und nicht aufzugeben.

 

Können diese sowohl dramatisch körperlichen sowie unfassbar schrecklich seelischen Schmerzen jemals überwunden werden?

Nein, das ist unmöglich. Aber mein Leben geht weiter. Ich muss für mein Kinder sorgen und für meine Vision kämpfen.

 

Inwieweit hat Ihnen Ihr beispielloses Engagement dabei geholfen?

Einerseits haben mich die Erfolge, die ich durch mein Engagement erzielt habe, enorm gestärkt. Gleichzeitig ist es jedoch besonders dadurch, immer und immer wieder über diese grauenvollen Schmerzen in der Öffentlichkeit zu sprechen, eine Herausforderung, damit umzugehen.

 

Und inwieweit Ihre Kinder und Ihr Leben als Mutter?

Meine Kinder sind für mich mein Ein und Alles. Sie und diese unbeschreibliche Liebe haben mir oft sehr viel Kraft in schweren Zeiten gegeben.

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Rettungsanker Familie. Dirie mit Mutter Faduma und ihren Kindern Leon und Adoptivtochter Hawo. © Desert Flower Foundation

Aktuell setzen Sie sich mit einem neuen Projekt für die Schulkinder in Afrika ein, die unter den ärmsten Bedingungen lernen. Sie haben ein Schulbuch geschrieben. Warum? Und mit welchem Ziel?

Afrika hat weltweit noch immer die höchste Rate an Analphabetismus. Betroffen sind vor allem Frauen und Mädchen. Nur eines von 30 Kindern in Afrika besitzt ein eigenes Lesebuch! Deshalb habe ich ein erstes Lesebuch für Kinder in Afrika mit dem Titel „Mein Afrika“ verfasst, das ich mit einem Bildungsset an Volksschulen in Afrika verteile. Mein Ziel ist es, bis 2020 zumindest 1 Million Schulbücher an afrikanischen Schulen zu verteilen. Bildung und Aufklärung ist der einzige Weg, FGM zu stoppen!

 

Spontan werden viele Leser an dieser Stelle sagen: Da möchte ich gerne helfen. Wie können sie?

Ich bin dankbar für jeden, der die Projekte meiner Desert Flower Foundation unterstützt, denn nachhaltig verändern können wir diese Welt nur zusammen. Alle Informationen findet man auf unserer Homepage (www.desertflowerfoundation. org), wo man die Möglichkeit hat, Kindern in Afrika ein erstes Bildungsset für zehn Euro zu kaufen.

 

Was sind Ihre Pläne für die nächsten drei bis vier Jahre?

Ich steige wieder ins Model-Geschäft ein, aber diesmal für einen guten Zweck. Und ich arbeite mit einem renommierten Theater an einer Musicalfassung der „Wüstenblume“.

 

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Comeback. Das ehemalige Topmodel plant ein Comeback vor die Kamera und ein Musical. © Getty Images

Und was sind Ihre Wünsche?

Ich wünsche mir, dass die Menschen respektvoller miteinander und mit Mutter Erde umgehen. Ich wünsche mir Frieden, und ich wünsche mir, dass die Menschen endlich verstehen, dass nur die Liebe die Menschen vereint und bewegt, Gutes füreinander zu tun.

 

Zum Schluss: Wie haben Ihre Kinder auf die schlimme körperliche und seelische Verletzung ihrer Mutter reagiert?

Wann immer meine Kinder mich über mein Leben fragen, gebe ich ihnen eine klare Auskunft.

 

Letzte Frage: Haben sich Ihre Eltern jemals bei Ihnen für das, was Sie Ihnen angetan haben, entschuldigt?

Ich hatte lange heftige Diskussionen mit meiner Mutter und habe ihr große Vorwürfe gemacht. Sie konnte und wollte nicht verstehen, dass weibliche Genitalverstümmelung ein Verbrechen an Mädchen ist. Immer wieder erklärte sie mir, dass dies Allahs Wille sei, die Religion dies verlangt, damit Frauen reine, treue und gute Ehefrauen bleiben können. 2011 nach der Afrikapremiere meines Films „Wüstenblume“ in Addis Abeba,  zu der ich meine ganze Familie einlud, hatte ich am Abend danach ein langes Gespräch mit meiner Mutter. Sie bat mich, meine kleine Nichte Hawo aus Somalia nach Europa zu holen, um sie vor FGM zu retten. Hawo ist heute eine stolze junge Frau und das erste Mädchen in unserer großen Familie, die nicht beschnitten wurde. Mama hatte ihre Meinung geändert und kämpft nun an meiner Seite.

 

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Respekt. Diries Wunsch für die Zukunft? „Frieden und respektvollen Umgang.“ © Desert Flower Foundation
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