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People | 20.10.2015

Flucht in eine bessere Zukunft

Die Strecke Wien – Caorle im Auto dauert 350 ungeduldige „Wann sind wir endlich da?!“, die kleine Wandertour auf der Rax 400 genervte „Mir tun die Füße weh!“. Damaskus  – Wien: 2.953 Kilometer. Kinder auf der Flucht.

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Ein Blick, der von viel Leid erzählt. Kinder leiden besonders unter dem Verlust ihres Zuhauses. Auch wenn sie sich leichter ablenken lassen als Erwachsene, hinterlassen die Erfahrungen und Erlebnisse, die Kinder im Krieg und auf der Flucht machen, in ihrer Seele tiefe Verletzungen. Der 3-jährige Salih, fotografiert am Wiener Westbahnhof, ist mit seiner Mutter seit zehn Tagen unterwegs. Wir dürfen ein Foto von dem kleinen Bub machen, mit uns sprechen will die Syrerin aber nicht.

Lana. Sie ist acht Jahre alt, sie ist gut in Mathe und geht gern zur Schule. Irgendwann im Frühling explodiert eine Bombe in Homs und zerstört das Gebäude, in dem sie in die zweite Klasse geht. Ihre Mutter wird per Telefon vom Anschlag informiert. Nervenzusammenbruch. Lanas Vater läuft zur Schule, als er eintrifft, werden die überlebenden Kinder gerade auf dem Schulhof versammelt. Lana ist eines von ihnen. Er nimmt sein Mädchen in die Arme, sie rufen die Mutter an: „­Alles in Ordnung!“ Als sie den Schulhof verlassen, explodiert eine zweite Bombe. Lana und ihr Papa laufen. Seither erinnert eine kleine Narbe an der Stirn des Mädchens an ihren letzten Schultag.

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Den Kindern Geborgenheit geben, ihnen signalisieren: „Hier bist du sicher!“, sie ablenken, mit ihnen spielen: Im Tageszentrum des „Fonds Soziales Wien“ am Westbahnhof wird versucht, den Kindern ein Stück Normalität zu vermitteln. Lana ist froh mit ihrer Familie, hier zu sein. Vor allem weil es Hula-Hoops und Seifenblasen gibt. Später will das Mädchen Primaballerina werden. „Und wie willst du das anstellen?“ „Zuerst trainieren, dann auftreten – ganz einfach!“

Kein Einzelschicksal. UNICEF-Chefin Gudrun Berger hat die aktuellsten Berichte der Kinderschutzorganisation vor sich auf dem Tisch liegen: 14 Millionen Menschen sind in Syrien vom Krieg betroffen, mehr als fünf Millionen davon erfahren täglich Terror. „Wenn sich nicht schnell etwas ­ändert“, sagt sie, „verlieren wir eine ganze Generation.“

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Lana mit anderen Kindern im Tageszentrum am Wiener Westbahnhof

Lanas Familie wollte nicht weg, aber nachdem die Schule zerstört war, fiel eine Bombe auf das Haus, in dem sie gewohnt hatte. Lana, ihre Schwester Yara und die Eltern zogen in ein kleines Appartement. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon nichts mehr, nur die beiden Autos, mit denen der Vater als Chauffeur sein Geld verdiente. „Als auch die Wagen und später noch die neue Wohnung von den Terroristen zerstört worden waren, mussten wir gehen“, erzählt Hussein, 33 Jahre alt, auf dem Wiener Westbahnhof. Nächtelang, erinnert sich Hussein, habe er mit seiner Frau diskutiert. Irgendwann fiel der Entschluss zu fliehen. „Weil es einfach nicht mehr anders ging. Wir haben jeden Tag den Tod gesehen.“ Sie holen die Kinder und erzählen von ihrem Vorhaben. Tränen fließen.

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„Niemand setzt sein Kind freiwillig in das Auto eines Schmugglers oder in eines dieser Boote!“ Gudrun Berger, UNICEF-Chefin Österreich

3.000 Kilometer. Gudrun Berger blättert in den Unterlagen: „Zwei Millionen Kinder sind auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien und jeder Vierte, der um Asyl ansucht, ist ein Kind. Wie es diese vielen Kinder schaffen, diese langen, anstrengenden Strecken zu bewältigen, kann keiner wirklich wissen, der es nicht selbst erlebt hat.“

„Wir haben sie viel getragen und versucht, sie so gut wie möglich abzulenken“, erzählt die 33-jährige Rana, Lanas Mutter. Drei Tage am Stück dauerte der längste Fußmarsch. „Als wir mit dem Boot aus der Türkei in Griechenland ankamen, lag dort ein toter Junge am Strand … in Lanas Alter. Da bekamen die Kinder Angst, aber wir haben ihnen gesagt, dass alles gut wird. Dass wir es schaffen und dass sie bald wieder zur Schule gehen können.“

Meissa. Meissa ist vier Monate alt. Solange ihr die Mama den Löffel mit Karottenbrei schnell genug in den Mund schiebt, lacht sie. Ist sie zu langsam, schreit sie zornig. Meissa ist in der Türkei zur Welt gekommen. Dort hat ihre Mutter Dua zwei Jahre lang in einem Flüchtlingslager gelebt. „Ich musste aber weg“, erzählt sie, „in der Türkei hätte es für meine Tochter keine Zukunft gegeben. Syrer werden im Krankenhaus nur minimal versorgt und in die Schule gehen dürfen sie gar nicht. Außerdem gab es nicht genug Essen. Es ging nicht anders. Ich will eine Zukunft für meine Tochter und ich bitte Gott darum, dass er mir hilft. Im Moment ist er die einzige Anlaufstelle, die ich habe!“


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Zehn Tage ist Dua mit ihrer Tochter Meissa bereits auf der Flucht. „Unterwegs ist es sehr schwierig Milch für die Kleine zu bekommen, sie hat Hunger und deswegen sehr viel geweint“, erzählt sie. Getragen wird das 4 Monate alte Baby in einer Reisetasche, ausgelegt mit einer Decke. „Wenn man so viele Kilometer geht, wird sogar das kleine Baby irgendwann schwer.“ Einen Mann, der ihr beim Tragen hilft, hat die alleinerziehende Mutter nicht. Was Dua sich wünscht: „Ein besseres Leben für mein Kind!“

Shadi. Wenn Shadi, sechs Jahre, groß ist, will er Polizist werden. In der syrischen Stadt Aleppo hat er mit seiner Großfamilie in einem Haus gelebt. Was damit passiert ist? Sein Vater zieht die Hose ein Stück weit über seinen Knöchel und entblößt eine wild verwachsene Wunde. „Bombe. Kaputt“, sagt er. Trotz der Verletzung hat er Shadi und dessen kleinen Bruder kilometerweit auf den Schultern über fünf Landesgrenzen getragen. „Für uns Erwachsene ist das schon hart, aber für die Kinder ist das alles noch viel, viel schlimmer!“

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Eigentlich hätten Shadi (versteckt sich im Bild hinter seiner Mama) und seine Familie genug Geld für die Flucht nach Europa gehabt. In Griechenland wurden sie von Schleppern betrogen, jetzt haben sie nichts: „Ich will nicht mehr die Hände ausstrecken und betteln müssen“, sagt Shadis Mutter, „ich will diese erniedrigenden Blicke nicht mehr spüren. Wir fühlen uns nicht mehr wie Menschen.“

Durst und Hunger. „Das größte Problem für Kinder auf der Flucht“, sagt Gudrun Berger von UNICEF, „ist Wassermangel. Kinder können kurze Zeit ohne Essen auskommen, aber ohne Trinken nicht. Außerdem versuchen wir in den Flüchtlingslagern für die Kinder spezielle Schutzzonen einzurichten, wo sie in sicherem Rahmen spielen und abschalten können. Vor allem für traumatisierte Kinder ist es sehr wichtig, dass es solche Orte gibt. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind, als den Hass, die Angst, die Sorgen der Erwachsenen unstrukturiert miterleben zu müssen.“

Text Verena Randolf
Fotos Stefan Joham

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