Du befindest dich hier: Home | People

People | 12.01.2016

"Lugner ist perfekt"

60 Jahre Opernball, ohne mit Lotte Tobisch zu reden, geht gar nicht. Zudem feiert die Grande Dame demnächst ihren 90er!

Bild 20101218_PD3842.HR.jpg
Wir trafen uns mit der Grande Dame Wiens.

Sie zu treffen, ist immer eine große Bereicherung. Denn Lotte Tobisch-Labotýn erzählt derart amüsante wie geistreiche ­Geschichten, dass man
ihr stundenlang zuhören könnte. Von ihrem Elan und ihrer Lebensfreude könnte sich mancher eine große Scheibe abschneiden. Die Neo-Kolumnistin und Opernball-Ikone, die auch an einem neuen Buch arbeitet, empfängt in ihrer Wohnung, um auf sechs Jahrzehnte zurückzublicken.

Ob sie selbst den Jubiläumsball besucht, weiß sie nicht. Society-Events haben sie nie interessiert. Zudem besitzt sie nur noch zwei Abendroben, alle anderen wurden bereits für das Künstlerheim in Baden, deren Präsidentin sie ist, verkauft.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Opernball erinnern?
Tobisch:
Ja, 1956 mit meinem Freund Buschbeck, der mir zuliebe mitging. Die Wessely war dort und noch viele andere. Es war wunderschön nach all diesen schrecklichen Jahren. Jedenfalls war es so, dass mein guter Buschbeck – ein noch größerer Ballmuffel als ich (lacht) – kurz nach der Eröffnung sagte, er gehe jetzt in die Kantine. Dann sind wir eben um halb zwölf in die Kantine, haben Clemens Holzmeister getroffen, Gusti Wolf, Carl Zuckmayer und viele mehr. Wir blieben bis halb sechs und als ich meiner Mutter am nächsten Tag davon erzählt hab, hat sie gefragt, wozu wir überhaupt auf den Ball gegangen sind (lacht).

Bild Bildschirmfoto 2015-12-22 um 12.05.35.png
Lotte Tobisch auf dem Opernball 1987.

Damals waren ja auch gekrönte Häupter und große Stars …
Tobisch:
Ja, aber die waren immer eingeladen. Die Legende, dass sie von selbst kamen, stimmt nicht. Einmal rief mich Festetics an und meinte, Prinz Philip ist im Lande. Na, natürlich hab ich ihn eingeladen. Ein Prinz, der neben einer Königin gelegen ist, den fängt man doch mit dem Lasso ein (lacht). Ich fand es stets so unbegabt von den Politikern – außer Kreisky, der hat’s verstanden –, den Ball nicht zu nutzen. So wie der Lugner es macht. Der macht das perfekt.

Ihre Wünsche für den Opernball?
Tobisch:
Dass er weiterhin so beliebt bleibt und dass er nicht zu sehr im Kommerz versinkt. Dass er seinen Charme nicht verliert. Man darf ruhig herausholen, was herauszuholen ist, aber das muss niemand merken.

„Der Opernball war für mich nie etwas reales, sondern immer ein Märchen.“
Lotte Tobisch


Warum funktioniert der Opernball im Ausland nicht?
Tobisch:
Er funktioniert ja, aber anders als hier. Denn die Staatsoper und vor allem die Wiener kann man nicht mitnehmen. Und die Wiener tanzen so gern. Ab elf wird’s bacchantisch, dann fängt die ganze feine Frackgesellschaft zu tanzen an und ab der Quadrille um Mitternacht ist es nur mehr eine Hetz. Das gibt’s nirgends auf der Welt.

Bild 20100720_PD0071.HR.jpg
Ganze 15 Jahre war Lotte Tobisch Organisatorin des Opernballs!

15 Jahre waren Sie die Ball-Organisatorin. Wie fühlt sich das heute an?
Tobisch: Ich hab mir in meinem Leben viel vorgestellt, mit 18 wollte ich die Duse werden, dann heiraten und fünf Kinder. Eines hab ich mir nie vorstellen können: dass ich eines Tages Opernball-Ikone genannt werde. Darüber muss ich schon sehr lachen. Da hab ich es doch wenigstens zu irgendetwas gebracht (lacht)!

Es gibt doch sicher mehr, worauf Sie stolz sind?
Tobisch: Elias Canetti hat einmal etwas furchtbar Nettes über mich gesagt, und das ist vielleicht das Einzige, worauf ich stolz bin: „Wenn die Lotte ins Zimmer kommt, wird’s heller.“ Und ich mag es, anderen Freude zu bereiten. Das empfinde ich als eine Art Aufgabe.

Bild 20050125_PD2317.HR.jpg
Die Grande-Dame in ihrem zweiten Zuhause.

Wie geht’s Ihnen im Hinblick auf Ihren 90er (am 28. März)?
Tobisch: Etwas macht mich traurig im Zusammenhang mit jungen Leuten, Es gibt sehr nette, aber viele sind so unzufrieden und hadern, auch mit sich, sind enorm verwöhnt, ohne es zu wissen, und stellen Ansprüche, die alles andere als selbstverständlich sind. Ich bin in einem goldenen Käfig aufgewachsen, aber dennoch zu Bescheidenheit erzogen worden. Und im Wien 1945 habe ich dann das wirkliche Leben kennengelernt. Aus dieser Zeit beziehe ich mein sonniges Gemüt, ob es tatsächlich so sonnig ist, sei dahingestellt, aber damals hab ich gelernt, dankbar zu sein.

Und gesundheitlich?
Tobisch: Gut, danke. Ich hab einigermaßen gesund gelebt, obwohl ich jahrzehntelang geraucht hab – aus Protest. Die deutsche Frau raucht nämlich nicht, hieß es. Also hab ich geraucht.

Bereuen Sie etwas?
Tobisch: Ja, dass ich in der Schule nicht mehr gelernt habe. Ich war nicht faul, aber eine nicht Wollende. Darum kann ich jungen Menschen nur raten: Bitte lernt so viel als möglich.

Und wie werden Sie feiern?
Tobisch: Alles nur im Zusammenhang mit dem Verein „Künstler helfen Künstlern“ und seinem Künstler-Alters­heim in Baden, um Spenden zu sammeln. Zuerst macht Bocek ein – auf meinen Wunsch – kleines Dinner im Marchfelderhof, vier Wochen später findet am 24. April eine Festmatinee im ­Ronacher statt … Neulich, als ich alte Aufnahmen vom Sonnkogel im Fernsehen gesehen hab, wurde ich ein wenig sentimental. Weil ich mir dachte: „Nie, nie wieder komme ich da rauf.“ Wissen Sie, wer in seinem Leben niemals im Schweiße seines Angesichts einen Berg bestiegen und die Alpen so nahe am Himmel erlebt hat, der weiß nicht, was schön ist. Das ist Vollendung pur. Und das sind Momente, in denen man spürt, dass zwischen Himmel und Erde wohl mehr sein muss.

Interview von Andrea Buday

Bilder: Wenzel-Jelinek/+NB Bildarchiv/picturedesk.com - Ernst Kainerstorfer/ Verlagsgruppe News, picturedes.com

Diskutiere mit uns und deinen Freundinnen diesen Beitrag:
powered by Disqus