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People | 19.10.2015

Mein zweiter Geburtstag

Dankbar. Genau vor einem Jahr schockte die Diagnose: Brustkrebs. Mein Projekt Kirschkern. Ich hatte großes Glück. Und viele Schutz­engerln. Dennoch: Die Angst bleibt.

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„Lacht, liebt, lebt und genießt jeden Augenblick. Denn morgen schon kann alles anders sein. “ – Andrea Buday

Seit einem ganzen Jahr bin ich tumorfrei. Geheilt trau ich mich fast nicht zu sagen. Viel habe ich seither erlebt. Schöne, berührende Momente, aber auch arge Schmerzen nach der Strahlentherapie. Und psychische Tiefs. Fünf Wochen täglich ins Spital, stets konfrontiert mit Krebspatienten. So viel Leid. Im Vergleich zu den meisten empfand ich stets tiefe Dankbarkeit, ganz gut (weil rechtzeitig erkannt) davongekommen zu sein. Trotzdem kostete es mich viel Kraft und manchmal dachte ich, es nicht zu schaffen. Starke Mädchen müssen aber auch mal schwach sein dürfen.

Ein Schicksalsschlag, der nicht nur einem selbst vieles abverlangt, sondern auch Freunden, Verwandten und dem Lebensgefährten. Keiner weiß, wie damit umgehen. Wie denn, ich wusste es ja selbst nicht mal. Dass meine Partnerschaft auf der Strecke blieb, schreibe ich nicht allein meiner Erkrankung zu, aber der Krebs hat auch die Beziehung sehr belastet. Weil ich ein enormes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein hatte. Hab ich übrigens immer noch. Ich brauche länger, um mich zu erholen, und schlafe viel.

Und ich bin verwundbarer. Alles geht mir wesentlich mehr unter die Haut als früher. Ich spüre es auch physisch. Sobald ich mich kränke oder ärgere, schmerzt meine Narbe. Manchmal so sehr, dass ich mich am liebsten daheim verschanzen würde. Verstecken, um nicht verletzt zu werden. Oder zu verletzen oder zu ent­täuschen. Angst. Mein großes Thema. Größer denn je. Wie man damit lebt? Man muss damit leben. The show must go on.

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Projekt Kirschkern – Diagnose: Brustkrebs

Montag 6. 10.

Besprechung. Krankenhaus Hietzing. Nach der OP ist vor der Therapie. Frau Dr. Huber nimmt sich eineinhalb (!) Stunden Zeit, mich über die Strahlentherapie aufzuklären. Auch über alle möglichen Nebenwirkungen. Belastung der Lunge, der Haut, des Blutes und des Herzens. Danach geht’s mir nicht gut. Gar nicht gut. Ich überlege lange, bis ich mich dafür entscheide. Tabletten muss ich keine schlucken.

Dienstag 11. 11.

Aufgeregt. Ich zittere. Gestern von einem jungen Arzt mit bunten Filzstiften auf Brüsten und Dekolleté markiert. Nicht duschen, nicht schwitzen, nicht wegwischen. Die Striche dienen dazu, an den richtigen Stellen bestrahlt zu werden. Oberkörper frei machen, rauflegen auf die Liege und nicht rühren. Die Schwester gibt Kommando: Luft anhalten, weiteratmen usw. Alles nur, weil mein Herz (die linke Brust wird bestrahlt) geschont werden soll. Und nur Katzenwäsche bitte, mahnt die nette Schwester. Na, na, Sie werden nicht gleich stinken. Das kommt ­einem nur selbst so vor. Aha. Und wenn ich ausgehe? Dann ziehen S’ ein hochgeschlossenes Kleid an. Und aufs Puder nicht vergessen, täglich dreimal. Ich kann die Striche ja selbst nachziehen. Auf gar keinen Fall! Hier geht’s um Millimeter! Alles klar. Nach rund zehn Minuten bin ich fertig.

Freitag 28. 11.

Erste Nebenwirkungen. Wieder eine Woche geschafft. Kontrolltermin bei der Ärztin, sie ist sehr zufrieden. Die Brust ist ziemlich geschwollen, die Haut schaut gut aus, nur meine Wohnung gleicht einem Ort, wo mit illegalen Mitteln gedealt wird. Babypuder macht sich gut auf schwarzen Lackmöbeln. Und meine Heißhungerattacken? Eher psychisch. Mit der Therapie haben sie nichts zu tun. Auch okay. Nach dem Spital fahre ich – wie jeden Tag –ins Büro. Alltag tut gut. Er lenkt ab und abends bleibe ich sowieso meist zu Hause. Einfach nur erschöpft.



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Die Wunde bzw. Verbrennungen nach der Strahlentherapie verursachten Schmerzen. Nach etwa zehn Tagen war das Ärgste überstanden. Alles verheilt, aber dunkler. Haare wachsen links auch keine mehr.
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Dienstag 9. 12.

Angeschlagen. Zum ersten Mal plagt mich nach der Therapie Übelkeit. Ich fahre heim, leg mich ins Bett und denke mir: nur noch sechs Mal! Auch die Haut fängt an zu jucken. Fühle mich ziemlich matt. Sogar die Muskeln schmerzen. Nicht arg, aber doch. Und die Haare brechen ab, zumindest die am Oberkopf. Nebenwirkung der Strahlen? Ich weiß es nicht, ändert aber auch nichts an den Tatsachen.

Mittwoch 17. 12.

Finale. Jö! Ich strahle, lache und explodiere vor Freude. Und das um acht Uhr früh. Zuerst zur lieben Frau Dr. Huber, einmal noch anschauen und besprechen, wie meine Haut nun gepflegt werden muss, dann ein letztes Mal unter den Monsterapparat. Eine Schwester macht noch Fotos mit dem Handy. Ich seh ja aus wie ein gestrandeter Wal! Hilfe!!!!! … So ist das also. Das Leben, wenn man etwas überstanden hat. Einfach nur schön! Danke, lieber Gott, danke, liebe Schutzengerln, und bitte lasst mich hierher nie wieder zurückkehren. Einmal drehe ich mich vor dem Gebäude noch um und sage: Leb wohl, auf nie mehr wiedersehen. Dann gehe ich durch den Park zu meinem Auto, pfeife vor mich hin und grinse wie ein Hutschpferd!

Mittwoch 24. 12.

Schmerzen. Um zehn rauf zum Küniglberg. Sitze am Spendentelefon für „Licht ins Dunkel“. Eine lieb gewordene Tradition. Trotz der Schmerzen. Die Wunde unterm Arm ist feuerrot, nässt und sieht erschreckend aus. Verbrannt halt. Sogar die weite Tunika ist unangenehm. Nach zwei Stunden heim und ab ins Bett. Den Arm weit wegstrecken, nur ja kein Körperkontakt. Zum ersten Mal bin ich am Heiligen Abend alleine. Traurig? Nein. Die Stille tut sehr gut.

Freitag 26. 12.

Geduld. Duschen ist nach wie vor ein Problem. Die Wunde heilt langsam. Die Schmerzen scheinen etwas nachzulassen. Dennoch: Ich bleibe liegen, schone mich. Mein Arm ruht auf einem Polster und „atmet“. Das Beste.

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Erinnerung an 25 Bestrahlungen im Krankenhaus Hietzing .
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Meine Narben (Brust & Achsel) sind bestens verheilt.
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Dieser Spruch hängt im Warteraum im Pavillon III.

Mittwoch 31. 12.

Neubeginn. Silvester mit Freunden im Do & Co! Ich freue mich schon den ganzen Tag. Heute keine Schmerzen mehr. Und die ersten, sichtbaren Zeichen von Heilung. Ich verdecke die Wunde vorsichtshalber mit Pads. Die linke Brust ist größer geworden. Um gefühlte zwei Körbchengrößen. Stört im Moment ­alles nicht. Um Mitternacht stehe ich auf der Terrasse, alleine, ein wenig schwermütig (zum Jahreswechsel immer), aber ich singe und tanze. Und begrüße das neue Jahr, auf dass es ein ­gutes werde. Das alte lasse ich ziehen, verdrücke eine kleine Träne und sag: Adieu! Was wohl das Leben noch alles bringen wird!? Ich weiß es nicht. Und will es nicht wissen. Nur das Jetzt zählt. Und das ist pipifein.

Mittwoch 18. 3.

Kontrollen. 9.40 Uhr Termin bei meiner Strahlenärztin. Wir reden lange, auch über meine psychischen Tiefs. Sie müssen nicht alleine zurückrudern, sagt sie. Sie dürfen sich helfen lassen. Ja, ich weiß. Mal sehen. Joggen (darf ich nach langem wieder!). Balsam für die Seele. Ein paar Wochen später bin ich beim Frauenarzt, dann Mammografie und Ultraschall. Alles in Ordnung. Trotzdem holt mich die Angst ein. Und alle Betroffene, mit denen ich rede, begleitet dieselbe Ungewissheit. Wächst wieder ein Tumor?

Montag 7. 9.

Carpe diem. Alles wieder vorbei und beim Alten? Von wegen. Nichts ist mehr so, wie es war, aber was soll man denn anderes machen, als rauszugehen, sein Leben weiterzuleben, kleine wie größere Glücksmomente zu sammeln und den Stier bei den Hörnern zu packen! Wenn man daran glaubt – und daran will ich glauben –, dass alles im Leben einen Sinn hat und gut für einen ist, auch wenn man es nicht sofort erkennt, dann fällt das Annehmen leichter. Und zu hadern oder gar zu hinterfragen führt – außer zu Schuldgefühlen – zu nichts. Urvertrauen. Von meiner geliebten Oma eingeimpft. Heute feiern wir. Marions Geburtstag, Evas Hochzeit und mein spezielles Jubiläum, meinen zweiten Burzeltag. Darum: Lacht, liebt, lebt, feiert und genießt jeden Augenblick. Denn morgen kann alles ganz anders und vorbei sein. Hilft’s nix, schadet’s nix. PS: Weil ich ja immer alles genau wissen will: Mein Kirschkern, sprich Tumor, wird auf der Pathologie aufbewahrt. 15 Jahre lang. Und erst danach entsorgt.

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Party mit Torte von meinem lieben Freund & Bäckermeister Kurt Mann – extra für mich gemacht. Und bitte, viel Freude versprühen! Denn die Freude, die wir geben, strahlt ins eigne Herz zurück!

Mehr Information über Pink Ribbon, die Österreichische Krebshilfe und den Kampf gegen Brustkrebs, könnt ihr in unserer aktuellen Oktober-Ausgabe nachlesen!

Text Andrea Buday

Fotos Ludwig Schedl, Bubu Dujmic, privat

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