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People | 09.05.2017

Trump ist ein gekränktes Kind

Erika Freeman musste als Kind vor den Nazis nach New York flüchten und ist heute die bekannteste Analytikerin der Stars. Ein Gespräch über Schuld, Scham und Schande.

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„Man muss ein bisschen Meschugge sein, um nicht verrückt zu werden.“ - Erika Freeman

Auch heute noch fällt es ihr nicht leicht, über die Zeit als Teenager in New York zu reden. Denn nachdem die Jüdin Erika Freeman mit 12 Jahren vor den Nazis von Wien in die USA geflüchtet ist, war sie oft auf sich allein gestellt. „Ich habe eine Zeit lang im Waisenhaus und sogar im Obdachlosenheim gelebt.“ Ihre strahlend lebendigen Augen füllen sich mit Tränen, denn noch heute ist da dieses Gefühl der Scham. Doch Erika Freeman ist eine Kämpferin. Der tiefe Schmerz über das, was ihr und ihrer Familie durch die Nazis angetan wurde, ist nicht vergessen, aber überwunden. Heute ist sie die Therapeutin der Stars. Marilyn Monroe, Woody Allen, Frederic Morton und der verstorbene „Bee Gees“-Star Robin Gibb suchten bei ihr Rat.

Star-Analyse. Und auch heute noch (Freeman ist 90 +, für sie „nur eine Zahl“) liegen vor allem Kreative, Musiker und Schauspieler auf der sprichwörtlichen Couch. Freeman ordiniert in New York und Wien, wo sie sich vor zwei Jahren wieder niedergelassen hat. „Aber meine Heimat ist New York.“ Im Interview mit look! spricht Freeman sehr offen über die Verletzungen ihrer Kindheit und erklärt, warum es gut ist, „ein bisschen meschugge zu sein, um nicht verrückt zu werden“.

look: Ist Wien für Sie Nachhausekommen – in Ihre Heimat?

Erika Freeman: Nein, Amerika ist meine wirkliche Heimat. Mit zwölf Jahren musste ich ohne meine Eltern aus Wien vor den Nazis flüchten. In Amerika war ich eigentlich allein, weil meine Familie in New York mich nicht mochte. Ich habe dort im Waisenhaus und eine Zeit sogar in einem Obdachlosenheim gelebt (mit Tränen in den Augen). Obwohl ich nichts dafür kann, schäme ich mich heute noch dafür. Ich weiß, dass das falsch ist, und habe mir das sehr lange selbst nicht eingestanden. Ich habe nie Hass empfunden, eher Verletzung und Schmerz, weil man mich – als Jüdin – nicht wollte. Heute freue ich mich, nach Wien zu kommen. Ich freue mich, wie die Österreicher sich verändert haben. Wie sie Flüchtlinge aufnehmen, menschlich und hilfsbereit sind. Aber eines muss man auch sagen: Der Antisemitismus ist geblieben. Weltweit. Und je mehr Terroristen es gibt, desto stärker wird er. Leider.

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Zeitzeugin. Erika Freeman hat in ihrem Leben viele bedeutende Persönlichkeiten getroffen und beraten.

Ist Ihre sehr bewegende Lebensgeschichte mit ein Grund dafür, dass Sie später Psychoanalytikerin geworden sind?

Nein. Zuerst habe ich internationale Beziehungen studiert, weil ich ja die Welt retten wollte. Ich komme aus einer Familie, wo es geheißen hat, dass man das tun muss. Ich habe Psychotherapie studiert, weil ich gedacht habe, es ist wichtig, verrückte, aber mächtige Menschen zu therapieren. Ich wollte einfach verhindern, dass ein verrückter Mann an die Macht kommen kann und die Welt zerstört.


Donald Trump ist Ihr Patient?

Nein, leider. Das Traurige bei ihm ist, dass er das erste erwachsene Kind ist, das die USA regiert. Er will heute noch seinem Vater zeigen, dass er doch etwas wert ist. Er hat einen festen Vaterkomplex, weil er keine Anerkennung bekommen hat. Er ist ein gekränktes Kind. Und heute, da er USPräsident ist, lebt sein Vater nicht mehr. Das ist tragisch. Ich würde ihn sehr gern beraten. Er hätte es in sich, zu wachsen.

 

Heute sind Sie bekannt als Analytikerin der Stars. Sie haben Marilyn Monroe beraten und Woody Allen. Frederic Morton war Ihr Patient?

Ja, das darf ich sagen, weil er sogar über mich geschrieben hat. Sonst dürfte ich das ja nicht. Die normalen Neurosen, Entschuldigung, die sind mir zu langweilig, eben zu wenig kreativ. Ich mag Menschen, die meschugge sind. Ich sage immer: Man muss ein bisschen meschugge sein, um nicht verrückt zu werden. Aber es geht auch um das Bauchgefühl – ich weiß heute nach ein paar Minuten, ob ein Patient zu mir passt oder nicht. Wenn es nicht passt, geht es nicht. Ich habe auch schon einen berühmten Schauspieler weggeschickt, weil es nicht gepasst hat.


Leiden Künstler, wenn es um die Seele geht, anders als „normale“ Menschen ?

Ja, mehr, tiefer. Oft haben sie eine schwere Kindheit erlebt, weil sie anders als andere waren. Kinder können sehr grausam sein.

 

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Erika Freeman im Talk Uschi Pöttler-Fellner und Alexandra Stroh.

Woody Allen war oder ist auch ein Patient von Ihnen?

Nein, er ist ein Freund. Ich bin eher sowas wie seine Beraterin. Und von ihm habe ich gelernt, wie man eine Geschichte erzählt. Wann man die Pointe setzen muss.


Mit Marilyn waren Sie auch befreundet …

Ach, sie war so einsam. Sie wusste ja nicht mal, wer sie war, weil sie ein Waisenkind war. Das Höchste, was sie erreicht hat, war, dass sie Arthur Miller geheiratet hat, der sie aber auch nicht gut behandelt hat. Ihr Leben war wirklich tragisch und traurig.

 

Aber Sie waren tatsächlich die Therapeutin von Robin Gibb von den Bee Gees?

Ja, als er so krank war. Bis zum Tod.

 

Sie haben Patienten in New York, auch in Wien?

Ja, natürlich. Hier auch viele Künstler, die zu mir in die Wohnung kommen. Und wenn ich in Wien bin, telefoniere ich mit meinen Patienten in New York. Oder ich skype (lacht).

Fotos von Bubu Dujmic

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