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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 09.06.2020

Leben wir ein neues Biedermeier?

Nein, wir nützen die Veränderung und besinnen uns auf das wirklich Wertvolle. Anders gesagt: small is beautiful – und very smart.

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(© Milos Tonchevski / Unsplash)

Was mich die letzten Wochen lehrten?

… dass man nicht viel braucht zum Glücklichsein. Denn das zarte Pflänzchen Glück liegt in den kleinsten Dingen. Nie werde ich jenen Abend vergessen, als ich – in Gedanken versunken – am 15. Mai an den zwei Landgasthöfen vorbei nach Hause fuhr, die seit Wochen völlig im Finsteren lagen. Plötzlich waren da wieder vertraute Lichter. Der Schlosswirt hatte seine Kastanienbäume mit Lichterketten geschmückt, vor dem Heurigen parkten sogar wieder einige Autos. Hinter den hell erleuchteten Fenstern konnte ich zwar noch keine Gäste ausmachen, aber dennoch kroch mir ein Gefühl der Wärme ins Herz und ich spürte: Jetzt wird alles wieder gut – nach einer Zeit im Zeichen eines fremden Virus.

Ich dachte an meinen Geburtstag Ende März …

… den ich über die Jahre in einer immer größer werdenden Familienrunde feiern darf. Heuer stellten mir die Kinder ein großes Gemüsekisterl vor die Tür, geschmückt mit reizenden Briefchen der Enkelkinder. Wie sehr ich diese knackigen Vitaminbomben, das milde Sauerkraut und die Bauerneier genoss! Eine Delikatesse, Lebensmittel, die mir zum ERlebnismittel wurden, ein Festmahl aus dem Besten unserer Erde.

Dann kam Ostern. Die Palmbuschenweihe zelebrierte mein Sohn in seinem Garten, die Messe, begleitet von einem gewaltigen Chor, lieferte das iPad. Die Kinder standen mit ihren Buschen wie die Orgelpfeifen und mit vor Aufregung geröteten Wangen im Gras. Und: Ich war dabei! Per Video, über WhatsApp. Zum Muttertag zierten bereits frühmorgens knallbunte Frühlingsblumen in Weidenkörben und mein Lieblingskuchen den Vorgarten. Gemeinsam gefeiert haben wir nicht, dank unserer Handys waren wir aber dennoch verbunden. Soziale Medien, oftmals so nervend und zeitraubend, haben uns in diesen Tagen dort Nähe ermöglicht, wo wir sie nicht leben konnten. Wir haben die Chance zur Veränderung ergriffen, gesunde Köstlichkeiten Ab-Hof gekauft, die Vielfalt der Produkte im Fachgeschäft vor Ort wiederentdeckt, die persönliche Beratung genossen und nicht zuletzt die große Welt der Mode in den kleinen, feinen Boutiquen ums Eck erobert. Stärken wir weiter die regionale Kraft. Es tut uns und unserer Umwelt gut.

Herzlichst,
Eure Angelica Pral-Haidbauer,
Chefredakteurin