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My Dream. My Life. My Reality.by Carina Sara

My Dream. My Life. My Reality. | 17.03.2020

Corona mit Kind #1

Herrgott, lass Abend werden.

Die Ruhe vor dem Sturm.
 
Es muss etwa vor zwei Wochen gewesen sein. Wir saßen am Wochenende mit guten Freunden und einer guten Flasche Wein zusammen und haben uns über Corona unterhalten. Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe, Panik hab ich so gut wie nie und überhaupt bin ich grundsätzlich immer optimistisch. So auch mit diesem neuen Virus. „Was soll das alles?“ „Hört auf mit der Schwarzmalerei.“ „Eine Grippe ist tausendmal gefährlicher.“ Mein Worte! Unsere Freunde drohten bereits, dass wir unseren Sommerurlaub in Grado vergessen könnten. Mehr brauchte ich nicht zu hören. Auf Urlaub verzichten? Kommt gar nicht in Frage. Im Gegenteil. Jetzt erst recht. Die Angebote sind so günstig wie nie (offensichtlich wussten es alle anderen bereits besser). Lasst uns buchen. Ostern! Pfingsten! Meine Tochter zeigt mir den Vogel. „Mama, du spinnst. Wir fahren jetzt nirgends hin. Corona ist gefährlich.“ Die Schule hat ganze Arbeit geleistet...
Die Vorbereitungen.
 
Das letzte Wochenende vor Tag X steht vor der Tür.  Die Regierung hat uns alle Entscheidungen abgenommen. Ab Montag lebt unser Land auf Sparflamme. Die Skigebiete beenden die Saison, Hotels sperren zu, Bars und Restaurants müssen schließen. Shopping, auch nicht mehr möglich. Ein letztes Mal schießt es mir immer wieder durch den Kopf. Ein letztes Mal Ski fahren, ein letztes Mal Wellness, ein letztes Mal schick essen gehen. Gesagt, getan. Mit Mutter und Kind – drei Generationen – geht es übers Wochenende in die Berge. Meine Art Henkersmahlzeit. Mein Mann hält daheim die Stellung. Er ist eher der vorsichtige, wohlwollend ausgedrückt. Pessimistisch, skeptisch würde es eher treffen. Stündliche Kontrollanrufe: „Geht es euch eh gut? Wann kommt ihr heim?“ Ich hab ihm nicht gesagt, dass unsere Tochter sich im Hallenbad verkühlt hat und seitdem ständig niesen muss... Ich hab ihm eine Aufgabe gegeben und einkaufen geschickt. Eigenverantwortlich, das wird er schon schaffen. Einfach alles, was wir gerne essen. Am Abend vor Tag X werfe ich einen Blick in den Kühlschrank: Salami, Rohschinken, Knabbernossi. Hmm. Mein Mann ernährt sich vegan, ich hauptsächlich veggie, meine Tochter mag keine Wurst. Wird schon klappen... „Schatz, hast du Brot auch gekauft?“ „Nee, gabs nicht mehr.“ Suboptimal.
Der Tag X
 
Ich wache früh auf, bin motiviert und gut drauf. Es könnte uns schlimmer erwischen. Wir wohnen am Land, in einem schönen Haus mit großem Garten. Ich gehe eine Runde laufen, dafür fehlt mir sonst in der Früh unter der Woche immer die Zeit. Schmiede Pläne für die nächsten zwei Wochen. Einfach mal die Zeit mit der Familie genießen. Der Frühjahrsputz steht an, uns wird schon nicht langweilig werden. Zurück vom Lauf finde ich meine Tochter nur mit Unterhose vor dem Fernseher, Müsli essend auf der Couch. „Was soll das?“ „Ich hab keine Schule, ich muss mich nicht anziehen.“ Ganz unrecht hat sie nicht! Ich trage den dritten Tag in Folge meine schicke ausgeleierte Jogginghose und einen fusseligen Over Size-Pullover. Ein Punkt fürs homeoffice. Kurz vor acht stehen wir vor der Schule, um ihre restlichen Bücher zu holen. Wir hören durch die geschlossene Tür laute Schreie, eine andere Mutter warnt uns: „Die dreht voll durch, die Frau Direktorin.“ Betreten der Schule ist schon nicht mehr erlaubt, wie wir erfahren, und so sitzen Mutter und Tochter um acht Uhr fünfzehn bereits mit Laptop und Ipad am Küchentisch. Skooly heißt das neue Lernprogramm, mit welchem die Schüler in den nächsten Wochen Schul- und Hausübungen machen und mit der Lehrerin in Kontakt bleiben. Toll finde ich das! Und wie schnell das erfunden wurde... Extra für Corona? „Nein, Mama. Die Zugangsdaten haben wir schon im September bekommen.“ Gut, dass das mein Mann, der Verschwörungstheoretiker, nicht hört. Neun Uhr. Sie ist fertig mit allen Übungen. „Mir ist langweilig. Darf ich daddeln (Spiele am Ipad spielen...)?“ „Ok, aber nur ein paar Minuten.“ 10 Uhr. „Mir ist langweilig, darf ich fernsehschauen?“ „Ok, aber nur ein paar Minuten.“ 11 Uhr. „Ich hab Hunger.“ 13 Uhr. Mein Mann kommt heute früh von der Arbeit. Er arbeitet bei der Post. Und die bringt allen was. Auch in Zeiten Corona. Jetzt ist es nicht die Direktorin, die schreit, sondern ich. In der Küche, mit einem Messer in der Hand (ich habe gerade Wurst geschnitten...). Unsere Tochter findet er neben mir am Boden liegend, heulend. Sie mag keine Wurst. Das fängt ja gut an mit euch, sagt er und geht. Herrgott, lass Abend werden.