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Die geheimen Botschaften der LiebeDr. Monika Wogrolly

Die geheimen Botschaften der Liebe | 04.09.2019

Ist mein Mann scharf auf Männer?

Dr. Monika Wogrolly erzählt über plötzliche Bisexualität in der Ehe.

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© iStock by Getty Images

Die Situation:

Anna, 55, und Klaus, 56, sind seit Jugendzeiten ein Paar. In ihrer Studentenzeit war es heiß hergegangen: Kamasutra-Stellungen wurden ausprobiert und auch schon mal eine von Annas Freundinnen ins Liebesspiel einbezogen. Ein besonders leidenschaftlicher Liebhaber war ihr Mann aber Anna zufolge nie gewesen. Er hatte sie aber schon immer mit speziellen sexuellen Fantasien bedrängt. Mit einem geregelten Berufs- und Familienleben erfolgte dann der Niedergang der Lust. Nach einer fast zwanzigjährigen erotischen Flaute leitete Klaus die sexuelle Revolution ein. Um ihr Sexleben in Schwung zu bringen, überredete er Anna zum Besuch eines Swingerklubs. Und Anna war zutiefst geschockt: Im Swingerklub ging ihr Gatte mit einem anderen Mann auf einmal ab wie eine Rakete! In einer anschließenden Paartherapie beklagte die Ehefrau, „wie gut“ Klaus auf einmal beim Sex gewesen sei, sobald ein Mann ins Spiel gekommen sei. War das möglich, dass sie sich jahrzehntelang in ihm getäuscht hatte, und Klaus in Wahrheit auf Männer stand? Anna war voller Zweifel, fühlte sich abgewertet, da er bei ihr nicht so auf Touren kam. Sie dachte an Scheidung.

Das Fazit:

Das vordem entdeckungsfreudige Liebesleben dieser beiden war mit dem Eintritt ins Berufs- und Familienleben auf einmal wie wegradiert gewesen. In einer Art Torschlusspanik, als die Karriere unter Dach und Fach und die Kinder erwachsen waren, hatte Klaus’ sexuelle Experimentierfreudigkeit ein überraschendes Comeback gefeiert. Und seine Potenz schien durch Einbeziehung eines Mannes erstaunlich optimiert. Anna konnte das mit sozialen Konventionen und ihren Erwartungen an eine Ehe nicht vereinbaren. Und stellte daraufhin alles in Frage: sich, ihr Frausein, seine Männlichkeit und fünfunddreißig Ehejahre.

Was meint die Paartherapeutin?

Prof. Dr. Wogrolly: Sigmund Freud definierte jeden Menschen als grundsätzlich bisexuell, aber nicht jeder würde sich diese Neigung erlauben. Auf ein entwicklungsfähiges Sexleben und fast jede Form von Sinnlichkeit war von Klaus und Anna verzichtet worden. Ihre libidinöse Energie ging allein in Arbeit und Elternschaft auf – die perfekte Sublimierung. Anna musste bei den rar gesäten sexuellen Erlebnissen gebetsmühlenartig von einem anderen Mann fantasieren, damit Klaus hinreichend erregt war. Die Höchstgeschwindigkeit, in der Klaus und Anna dann in ihrem Sexleben wieder von null auf hundert gingen, hat zumindest einen von beiden maßlos überfordert. Eine Psychotherapie ist hier ratsam, sowohl im Einzelsetting für Klaus als auch im Paartherapie-Setting. Womöglich stellt sich Klaus dann gar nicht als latent schwul, sondern als Adrenalinjunkie heraus, der im Job nicht mehr genug Erfüllung fand und daher an die Grenzgänge der Studentenzeit anschließen wollte. Nachdem Anna sich nach einem in ihren Augen „klassischen Mann“ ohne bisexuelle Neigung sehnt, um sich als Frau bestätigt zu fühlen, kann hier auch die einvernehmliche Trennung eine Lösung sein.

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Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin Prof. Dr. Monika Wogrolly. © Arman Rastegar

Dr. Monika Wogrolly ist Philosophin, Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Sexualtherapeutin. Was sie in ihrem Berufsalltag in Klinik und Praxis erfährt, ist Basis ihrer Beratungen, Coachings und Therapien. Zuletzt erschien ihr Buch „Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben“ (Verlag Ueberreuter Sachbuch).

Haben Sie auch eine Frage an Dr. Monika Wogrolly zum großen Geheimnis der Liebe? Schicken Sie eine Mail an liebe@looklive.at

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Das Buch „Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben. © beigestellt