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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 04.03.2022

Kolumne by Uschi Fellner

Will ich als die peinlichste Mutter aller Zeiten in die Geschichte eingehen?

Habe ich an dieser Stelle schon erwähnt, dass das Kind maturiert? Also, das Kind maturiert! Jubel, jubel! Und eigentlich nicht nur das Kind, wir maturieren. Und deshalb haben wir in dieser Woche unseren allerallerallerletzten Schultag.

Peng. Das war’s dann. Und wissen Sie was? Es ist einfach herrlich zu wissen, nie wieder eine Mathe- oder Deutsch- oder Physik-Lehrkraft am Rohr zu haben, die einem Schwänke aus dem Leben seines Kindes erzählt und Dinge sagt wie: „Er ist ja hochbegabt und intelligent, das weiß er leider, und deshalb ist er so faul.“

Ich weiß bis jetzt nicht, wie man mit Informationen dieser Art richtig umgeht und was man darauf antworten soll, außer: „Hm, ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Und was schlagen Sie vor?“

Ich muss es auch nicht mehr wissen, muss nicht mehr mit dem Kindsvater debattieren („Was mach ma?“), muss nicht mehr das Kind motivieren („Also so ein Sonntagnachmittag im Bett mit dem Mathe-Buch kann auch sehr gemütlich sein!“).

Und wissen Sie noch was? Ich bin wehmütig. Traurig fast. Also nicht so gebrochen, dass ich mich heulend unter Kissen verkrieche, aber angemessen betrübt. Glaube, ich leide unter einer Art Schulschluss-Pubertät.

D􏰎as􏰂 s􏰂oll􏰏􏰂´s jetzt gewesen sein? Zwölf􏰉 Schuljahre hindurch ein fester Rhythmus, bei dem jeder mit muss. Und nun? Kann das Kind demnächst aufstehen, wann es ihm beliebt? Wo führt das hin? Besonders bei Hochbegabten, die faul sind? Wird es das seelisch verkraften? Chaos der Gefühle.

„Bist du gar nicht aufgeregt, weil am Freitag der letzte Schultag ist?“, frage ich das Kind, das mich besorgt ansieht, so, als litte ich an einer unheilbaren Krankheit. Das Kind wirkt null aufgeregt, im Gegenteil, es biegt diese letzten Schultage souverän herunter, als hätte es die 􏰓vergangenen zwölf Jahre nicht􏰂s anderes􏰂 gemacht, als sich auf den letzten Schultag vorzubereiten. „Der richtige Stress, Mama, geht doch jetzt erst los!“

Weiß ich doch, bin ja nicht blöd.

Jetzt wird vier Wochen hardcore gebüffelt fürs Finale, das Hochbegabten, mit Tendenz zur Faulheit, alles abverlangt.

„Habt ihr am letzten Schultag keine, äh, Abschlussfeier oder so?“, frage ich das Kind. „Doch, wir machen nach der Schule sicher irgendwas!“

Wer ist wir? Das Kind und seine Freunde? Alle aus der Klasse? Alle aus allen Maturaklassen? Alle mit allen Lehrern? Und sind mit „wir“ auch wir, die Altvorderen gemeint? Die ihrer Brut dereinst die Jausenbrote strichen und den Ranzen richteten und am ersten Schultag noch aufgeregter waren als die kleinen Delinquenten, die sich statt gesunder Bio-Riegel verbotenes Gummizeug in ihre Schultüten wünschten und natürlich prompt bekamen?

Ich frag ja nur, nein, eigentlich traue ich mich nicht zu fragen, ob vielleicht die Mütter ... Also, nur so eine Idee ... Ob die Mütter vielleicht an diesem letzten Tag ...

„Ist irgendwas mit den Eltern geplant?“, frage ich en passant mit 􏰂sehr beiläufiger Miene. "N􏰆􏰇ö, also nach der Matura schon, aber nicht nach dem letzten Schultag.“

Aha, aha, soll sein. Gut, dass das Kind nicht ahnt, dass in mir gerade eine weltbewegende Idee reift:

Wir Mütter. Mit Schultüten vor dem Tor. So wie damals, vor 􏰈zwölf Jahren. A􏰋ls􏰂 kleine Überraschung, für die jetzt viel zu schnell 􏰌Gro􏰍ßgewordenen. 􏰇Nur so, zum Spaß. Farewell an eine Zeit, die unwiederbringlich ist.

Muss überlegen. Ernsthaft. Ob ich als die peinlichste Mutter aller Zeiten in die Geschichte eingehen will.

Und wissen Sie was? Ich glaube, dieses Risiko nehm ich in Kauf. Und diesmal geb ich Bio-Gummibärlis in die Schultüte.

Herzlich, Ihre 

Bild uschi signature.bmp
USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN