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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 05.11.2018

Kolumne: Look into my Life

Weil ich schlecht im Rechnen war, musste ich schummeln. Und büße das noch heute.

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© iStock by Getty Images

Bei mir ist das IMMER so: Sitzt in einem Flugzeug auch nur ein einziger Psychopath, dann sitzt der sicher neben mir.


Ich glaube, dass das vereinigte Flugpersonal dieser Welt mittlerweile gezielt vorgeht. Vielleicht bin ich schon bekannt als diejenige, die gefahrlos ­jeden Irren erträgt. Wenn der Pilot zum Beispiel sorgenvoll zu seiner Bord-Chefin sagt: „Also, da hätten wir mal wieder einen schweren Fall zu platzieren ...“, ruft diese erleichtert: „Kein Problem! Wir haben ja Frau Fellner im Flieger!“ High Five! Und beide atmen zischend aus.


Sie denken jetzt, die Fellner hat Verfolgungswahn? Darauf darf ich kontern: Auf mich trifft das Gesetz des Zufalls zu. Ein Zufall ist kein Zufall, sondern folgt mathematischen Gesetzen. Meine Erklärung dafür, dass mich der Zufall leidenschaftlich liebt, folgt diesem mathematischen Gesetz: Da ich in Mathe immer schwach war (in Deutsch aber brillant!), nutzte ich das Talent meines jahrelang unglücklich in mich verliebten Schulkollegen Thorsten, um nicht als kompletter Döli dazustehen.


Thorsten deckte mich, natürlich rein mathematisch gesehen, die ganze Oberstufe hindurch. Ich fand ihn mäßig anziehend, doch er konnte rechnen, dass es nur so rauchte. Schrieb glanzvolle Schularbeiten und beispiellos fehlerfreie Hausübungen. Und ich schrieb von ihm ab. Wir lebten in der Klasse Seite an Seite, dritte Reihe links, weil dort laut Thorsten die mathematisch berechnet unauffälligsten Plätze sind.


Das Schicksal meinte es gut mit uns, denn kaum hatte mich Thorsten durch die Matura mathematisiert, verliebte er sich resignierend in den Sohn unseres Schulwartes, steckte sich einen „Schwul, na und?“-Sticker an und ward nie mehr gesehen. High Five, ich atmete zischend aus.


Das jahrelange Rumgeschummel rächt sich jetzt. Ich träume oft von Thorsten. Wir haben Mathe-Schularbeit UND DER TYP IST NICHT DA.


Das sind die Nächte, in denen ich „Wo bist du?“ keuche, mich unruhig auf dem Laken wälze und meinem Mann am nächsten Morgen beichte: „Ich hab doch nur von Thorsten geträumt!“ High Five, er atmet zischend aus.


Flughafen Frankfurt. Langstrecke steht an. 180.000 Passagiere werden abgefertigt. Darunter ein Kleinkind mit Ohrenweh, das gottlob nicht meines ist, und ich. Heikel. Mathematisch gesehen steht die Chance, dass der Brüllwurm neben mir sitzt, 1:200.000, das checke sogar ich, mit meinem kleinen, verkümmerten Zahlen-Gehirn.


Ich bin ein Prophet. Vermutlich kann ich auch über Wasser gehen. Das Kind kreischt um sein Leben, die Eltern atmen zischend aus. Wir haben ja Frau Fellner an Bord.


Letzte Woche hatte ich einen Alptraum: Thorsten riss sich seinen „Schwul, na und?“-Sticker vom Leib und näherte sich mir in eindeutiger Absicht. Ich rief: „Schreib gefälligst zuerst meine Schularbeit fertig!“ und wachte auf, bevor es zwischen uns zum Äußersten kam.


„Hattest du schon wieder einen Mathe-Traum?“, fragte mein Mann. Ich sah ihn an und große Seligkeit überflutete mich, weil er nicht Thorsten war.
Sie sehen, ich bin ein dankbarer Mensch. Nach dem mathematischen Gesetz des Zufalls werde ich einmal in den Himmel kommen, dort noch immer nicht rechnen können und auf Wolke drei, links hinten, auf Thorsten treffen. Hoffentlich hat er sich dann im Griff.

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© Stefan Joham / stefanjoham.com