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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 05.05.2021

Look into my life

Zerstört Covid die Erinnerung an die eigene Brut?

Am gefährlichsten sind immer jene E-Mails, die besonders harmlos wirken. Deshalb lösche ich sie – in der Regel blockweise – auch sofort. Ab und zu öffne ich ein „Harmlos-Mail“, nur um die Bestätigung zu haben, dass es sich nicht gelohnt hat. Sie kennen das ja: Man ertappt sich selbst bei Tätigkeiten von hochgradiger Sinnlosigkeit, um sich von wichtigeren Tätigkeiten abzulenken.

Wir stehen kurz vor Redaktionsschluss, diese Kolumne ist noch offen und der Druckereileiter hat schon zweimal höflich nachgefragt, wann die geschätzte Autorin gedenke, ihren geschätzten Gedankenfluss zu Papier zu bringen. Wobei, so höflich hat er nicht gefragt, aber fast („Wann bewegt Ihre Chefin endlich den A...? Jede weitere Minute kostet Geld!“).

Meine Mitarbeiterin vermittelt mir die Botschaft so deutlich wie möglich. Dass ich daraufhin nicht wie besessen in die Tastatur hämmere, hat nicht den Grund, dass mich der liebe Herrgott mit Taubheit und Torheit geschlagen hat, sondern dass ich auf meinem Schreibtisch JETZT ODER NIE aufräumen muss. Bzw. dringend ein „Harmlos-Mail“ öffnen muss, es kann lebenswichtig sein.

Na bitte. Es ist lebenswichtig. Sanfter Triumph durchflackert meine Äuglein, das Mail stammt vom neuen Direktor der Schule meines Sohnes. Vermutlich wieder: „Liebe Eltern, wir leben in herausfordernden Zeiten, wir halten Sie auf dem Laufenden, was die Maßnahmen der Regierung bezüglich der Covid-Prävention an unserer Schule betrifft ...“

„Liebe Frau Fellner!“, steht da. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Emilias Verhalten mittlerweile untragbar geworden ist. Ich ersuche um einen dringenden Termin, Covid-bedingt gerne telefonisch oder via Zoom, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten. In Erwartung Ihrer baldigen Antwort ...“

Raumgreifende Ratlosigkeit.

1.) Wer ist Emilia? Kenne ich sie? Verdränge ich sie, bin ich gar ihr Mütterlein und ist mir ihre Existenz, Covid- und Homeoffice- sowie Homeschoolingbedingt entfallen? Vernichtet Covid langfristig das Erinnerungsvermögen an die eigene Brut? Emilia! Schöner Name, könnte von mir sein.

2.) Entweder verwechselt mich der Direktor mit Emilias offenbar bedauernswerter Mutter oder er verwechselt meinen kreuzbraven Sohn mit einem Rabenbraten namens Emilia. Friseure haben ja schon länger zu.

3.) Vielleicht liegt gar keine Verwechslung vor und der engagierte Direktor schreibt alle Eltern an, um Emilias Verhalten zu diskutieren? Ist ihm fad? Ist er in Quarantäne?

Ich will für Emilia nicht zuständig sein. Jetzt nicht und in Zukunft nicht. Erkläre mich lieber großzügig bereit, jetzt meine Kolumne zu verfassen. Kolumne geht vor Emilia!

Andererseits, der Mensch hat immer Vorrang (also ich hoffe, Emilia ist ein Mensch und keine Kanalratte. Einer der Lehrer brachte einmal eine mit, sie benahm sich ziemlich schlecht und biss zwei Kindern in die Finger).

Schnelles Mail an den Direktor:

„Lieber Herr Direktor X! Emilia ist mir zwar nicht bekannt, aber lassen Sie mich wissen, wenn Sie etwas brauchen. Liebe Grüße!“ 

Beruhigt, die wesentlichen Dinge des Lebens nun erledigt zu haben, klopfe ich beschwingt in die Tastatur – Druckschluss. Bald. Jetzt.

Da poppt erneut ein Mail auf, der Direktor meldet sich zurück:

„Liebe Frau Fellner! Es tut mir leid, hier liegt offensichtlich eine Verwechslung vor. Das Verhalten Ihres Sohnes Igor ist tadellos und hat natürlich nichts mit Emilias Angelegenheit zu tun. Ich ersuche Sie um Diskretion. Igor ist ein großartiger junger Mann, bitte grüßen Sie ihn lieb von mir.“

Das freut mich sehr für Igor! Ich schreibe jetzt diese Kolumne fertig und dann würde ich ihn selbstverständlich gerne grüßen, sollte ich ihn jemals kennenlernen dürfen.

 

 

Schreiben Sie mir Ihre Meinung: uschi.fellner@looklive.at