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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 05.07.2019

Look into my Life

Gleich werden Sie neidisch auf mich werden.

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© Susanne Spiel

Wir haben ein Boot. Falls Sie jetzt eine Yacht mit dick gepolsterten Sonnendeck-Matten vor Augen haben: Wie schön! So eine hatte ich als Vision im Kopf, als mir mein Mann vor Jahren freudestrahlend erzählte, jemand hätte ihm ein Boot geschenkt.

Warum verschenkt jemand sein Boot?

A) Weil er Jesus ist und anderen eine Freude machen will.

B) Weil das zu verschenkende Boot … naja, sagen wir, weil es ist, wie es ist. Ich habe heute einen guten Tag mit guten Nerven, weil unser Sommerurlaub noch nicht begonnen hat. Aber der Countdown läuft. Noch fünf, vier, drei, zwei, ein Tag. Dann kommt der riesengroße Hammer-Streit, spätestens wenn wir auf dem Boot sind.

Sobald ich das Boot betrete, transformiert mein ansonsten liebenswerter Mann zum Diktator. Dies erstaunt mich stets aufs Neue, denn die Einzige, die in unserer Beziehung einen rechtmäßig erworbenen Motorboot-Führerschein besitzt, bin ich.

Ungeachtet dessen, erteilt der Diktator zackige Befehle, jeder nimmt ohne Widerrede den ihm zugeteilten Platz ein. Mein Platz ist schwammig definiert. Einerseits müßte ich das Boot lenken, andererseits ist das Sache des Diktators, zumindest wenn wir außer Sichtweite der Hafenpolizei sind.  Nachdem ich uns also kompliziert und unter barschen Kommandos des Diktators („Weiter nach reeechts, bist du blind? Aaaachtung! Du ruinierst mein Boot!“) aus unserem Ankerplätzchen ausgeparkt und aufs offene Meer manövriert habe, darf ich demütig die Badetücher ausbreiten, sowie Schwimmzeug, Wasser und Proviant verteilen. Und mich ansonsten unsichtbar machen, weil ich im Weg stehe. Sagt der Diktator.

Stelle ich neugierige Fragen („Ist das Boot eh gewartet worden seit dem letzten Sommer? Nicht dass wir dann wieder fünf Stunden mit kaputtem Sonnendach und Motorschaden am offenen Meer …“) reagiert der Diktator unwirsch.

Letzten Sommer war unser Sonnendach kaputt. Der griechische Handwerker, der den losen Dachfetzen reparieren sollte, zertrümmerte versehentlich die Windschutzscheibe und verschwand unter der vagen Angabe, beide Probleme bald zu lösen. Gefährliche Drohung.

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© iStock by Getty Images

Wir fuhren, entgegen meiner schüchtern vorgetragenen Bedenken, trotzdem aufs offene Meer. Man sagte mir, ich solle mich nicht so anstellen und wenn mir heiß sei, halt ins Wasser springen. Ich tat, wie mir geheißen und übte mich in Bescheidenheit. Dann machte es einen Knall, aus der Bodenplatte stieg Rauch und eines der Kinder meinte fasziniert: „Cool, jetzt brennt das Boot!“ Geistesgegenwärtig sprang der Diktator sofort ins Wasser, während der Sklave, also ich, hurtig den Feuerlöscher schnappte. Na, mehr habe ich nicht gebraucht. „Wehe!“, brüllte der Diktator in sicherer Entfernung aus den Fluten, „du ruinierst das Boot, wenn du es einschäumst.“

Was soll man darauf sagen? Ich schrie, dass ich nie wieder einen Fuß auf dieses Boot setzen werde, falls ich  in der Flammenhölle überleben sollte. Der Diktator sagte, ich solle nicht hysterisch sein, es habe längst zu rauchen aufgehört und überhaupt wäre das alles doch lustig. Wo denn die Leucht-raketen wären, die wir für Notfälle besorgt haben?

„Hmmmm“, machte ich. „Du hast sie vergessen?“, fragte der Diktator scharf. „Du bringst mich fast um und fragst MICH, ob ich die Leuchtraketen vergessen habe?“, brüllte ich, außer mir vor Wut. Am liebsten hätte ich die Leuchtraketen jetzt ins Wasser geworfen, aber ich hatte sie ja vergessen.

Wie jedes Mal stapfte ich irgendwann vom Boot in der festen Überzeugung, nie wieder mit dem Diktator zu reden. Anwälte würden reden. Wie jedes Mal vertrugen wir uns dann wieder.

Bald ist Urlaub. Das Boot ist frisch gewartet. Vielleicht ist diesmal ja der Startschlüssel unauffindbar. Komisch.


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