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Fashion | 14.11.2022

Handwerkskunst mit Zukunft

Drei Wiener Persönlichkeiten und eine gemeinsame Leidenschaft: das Kunsthandwerk. Was Schmuck-Designerin Sophie Soufflé, Steam-Punker Theodor Kupferdach und Bundesinnungsmeister Wolfgang Hufnagl verbindet, erzählen sie im Interview.

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KUNSTHAND­WERKERIN SOPHIE SOUFFLÉ fertigt aus Briefmarken und alten Schreibmaschinen coole Schmuckstücke. © Andreas Hofmarcher / Maisblau

look: Liebe Sophie Stieber, besser bekannt als Sophie Soufflé – du bist Kunsthandwerkerin und Mitglied in der Landesinnung der Kunsthandwerke. Vor allem aber bist du ein kreativer Mensch und machst z. B. aus Briefmarken Schmuck. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Sophie Soufflé: Entstanden ist die Idee durch einen Zufall: Ich habe vor 12 Jahren dringend für jemanden ein Geburtstagsgeschenk gebraucht, also hat mich meine Mutter gefragt, ob ich etwas mit Briefmarken anfangen kann. Zufällig war da eine Marke dabei, die das Geburtsjahr des Geburtstagskinds trug, also hab ich diese Marke hinter Glas versiegelt und ein Schmuckstück daraus gemacht. Mittlerweile bekommen wir sehr viele Marken von unseren KundInnen geschenkt, weil fast jeder Marken zu Hause hat, die er nicht braucht.

Das nennt man Upcycling, aus wertigen „alten“ Dingen entsteht also etwas völlig Neues ...?

Sophie Soufflé: Genau! Das wissen mittlerweile auch sehr viele Menschen zu schätzen. Wir produzieren aus den verschiedensten Materialien völlig neue Dinge, z.B. Ringe aus alten Schreibmaschinen-Tasten. Auch Ohrstecker und Manschettenknöpfe werden daraus gefertigt. Inspirieren lassen wir uns auf Flohmärkten, von dort stammt auch die Idee mit dem Schreibmaschinen-Schmuck. Wir versuchen einfach, schöne alte Dinge wieder zum Leben zu erwecken, und unsere KundInnen schätzen das sehr.

Wo findet man euch und eure wunderbaren Einzelstücke?

Sophie Soufflé: Zu Weihnachten auf den Weihnachtsmärkten und auf vielen Kunsthandwerks-Designmessen in ganz Österreich. Demnächst sind wir in Wien am Hof, am Spittelberg sowie am Rathausplatz zu finden.

 

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UPCYCLING. Stv. Innungsmeister Thomas Hovezak, alias Theodor Kupferdach, ist Steam-Punker. © Andreas Hofmarcher / Maisblau

Thomas Hovezak, du bist Innungsmeister-Stellvertreter und Berufszweigobmann der Landesinnung Wien der Kunsthandwerke. Was macht ihr genau?

Thomas Hovezak: Wir sind eine Sammelgruppe, machen Modeschmuck und Upcycling – wir verwenden etwa alte Schläuche von Fahrrädern und fertigen daraus Ketten oder Installationen. Es gibt Kollegen, die fertigen handgewalkte Stoffe und machen daraus Schmuck oder Blumengestecke, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Meine Aufgabe ist es zu schauen, dass es unseren Mitgliedern gut geht, dass wir sie fördern und ihre Arbeiten bestmöglich präsentieren. Wir wollen gutes Handwerk sichtbar machen.

Wird Kunsthandwerk ausschließlich per Handarbeit hergestellt?

Thomas Hovezak: Ja. Kunsthandwerk ist ein freies Gewerbe und im Prinzip kann sich jeder Kunsthandwerker nennen, der kunstvolles im Bereich Schmuck oder Installationen macht.

Du bist nicht nur stellvertretender Innungsmeister, sondern auch selbst Kunsthandwerker, dein Künstlername ist Theodor Kupferdach.

Thomas Hovezak: Unter diesem Namen habe ich mein eigenes Label gegründet, ich mache alles im Steampunk-Stil. Steampunk versetzt in die Vergangenheit und überlegt, wie diese sich die Zukunft vorstellt. Ein Beispiel ist der Film „Wild Wild West“ mit Will Smith – da sieht man sehr schön im Wild-West-Setting, was Steampunk bedeutet, mit den Dampfmaschinen usw. Der Klassiker in meiner Steampunk-Kollektion sind Hüte mit Brillen darauf, ich verwende z. B. alte Motorradbrillen.

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NACHHALTIG ERFOLGREICH. Bundesinnungsmeister Wolfgang Hufnagl ist auch leidenschaftlicher Gold-und Silberschmied, der produziert, gestaltet und vor allem restauriert. © Andreas Hofmarcher / Maisblau

Wolfgang Hufnagl, du bist Bundesinnungsmeister und Landesinnungsmeister der Kunsthandwerker und als Gold-und Silberschmied sowie Juwelier auch selbst Kunsthandwerker. Als solcher weißt du genau, wie es „deiner“ Berufsgruppe geht ...

Wolfgang Hufnagl: Absolut! Wir wollen diese Gruppe in den Fokus rücken, denn wir Kunsthandwerker haben schwere Jahre hinter uns. Und spannende Jahre vor uns! Unter dem Begriff Kunsthandwerk sind ja viele Berufe zusammengefasst: Etwa die MusikinstrumenteerzeugerInnen, dieBuchbinderInnen, die Gold- und Silberschmiede, UhrmacherInnen und die große Gruppe der ErzeugerInnen von kunsthandwerklichen Gebrauchsgegenständen. Diese Handwerker arbeiten mit allen verfügbaren Materialien und erfreuen damit die Menschen.

Wie bist du selbst zum Kunsthandwerker geworden?

Wolfgang Hufnagl: Mein Vater hatte eine Firma für Kirchengerät-Erzeugung und-Restaurierung, ich habe dort in den Ferien immer mitgearbeitet. Das wurde zu einer kleinen Leidenschaft, und die ist dann immer größer geworden. Heute stellen wir klassische Gold-und Silberprodukte her, wie Eheringe und Verlobungsringe. Und wir arbeiten im Bereich der Reparatur und Restaurierung von Silbergeräten. Auch der Bereich der Kirchengeräte spielt nach wie vor eine große Rolle in meinem Leben. Ich arbeite mit meinem Bruder zusammen, und das funktioniert wunderbar.

Was sind für dich und deine Berufsgruppe die Herausforderungen dieser Zeit?

Wolfgang Hufnagl: Die Krise ist tatsächlich auch eine Chance! Die letzten Jahre über wurden viele Kunstmärkte abgesagt, die Absatzmöglichkeiten waren nicht vorhanden. Viele sind, unterstützt von der Kammer, in den Online-Handel gegangen, doch das direkte Anbieten der Produkte, das, wo das Herzblut dabei ist, hat gefehlt. Jetzt können wir wieder zeigen, was wir können, wenn es um Recyceln und Upcycling geht. Ich sage ja immer, die Goldschmiede haben das Recycling erfunden. Wenn man eine Tonne Gestein umdreht, bekommt man fünf Gramm Gold raus, und wenn man so viel schuften muss, bis man einen Ring zusammenhat, dann passt man darauf auf! Es geht bei uns ums Erhalten und Gestalten – nicht ums Wegschmeißen.

Bist du ein Mensch, der sich schwertut, etwas wegzuwerfen?

Wolfgang Hufnagl: Bei allem, was in irgendeiner Weise gerettet oder repariert werden kann, bin ich dabei, das habe ich gelernt! Ein Großteil meines Lebens besteht darin, dass Menschen zu mir kommen und mir Dinge bringen, die einen Schaden haben, den sie beheben wollen. Ich bin dann immer am Nachdenken: Wie kann das am besten funktionieren? Wir reparieren Dinge, die mehrere hundert Jahre alt sind, das geht mit Edelmetall sehr leicht, denn wenn man es gut pflegt, kann es ewig halten.

Fertigst du für deine Lieben spezielle Weihnachtsgeschenke an?

Wolfgang Hufnagl: Es ist schon üblich, dass unter dem Weihnachtsbaum etwas Besonderes, von Hand Gefertigtes glitzert! Was mich besonders freut, ist, dass mir mein Sohn, der eigentlich Wirtschaft studiert hat, vor einem Jahr mitgeteilt hat, er wird jetzt Goldschmied. Und er fertigt natürlich auch schon Sachen für seine Lieben!


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