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Lifestyle | 18.03.2022

Food Feelings & Bauchgefühle

Eis gegen Liebeskummer, Schokolade gegen Prüfungsstress: wie Nahrung unsere Gefühlswelt beeinflusst – und wann emotionales Essen zum Problem wird.

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Gerade junge Frauen wachsen oftmals mit dem Gefühl auf, nicht genug zu sein. © Andres Ayrton / Pexels

"Wenn du brav bist, gibt’s was Süßes!“ Diesen Satz haben Sie wahr­scheinlich schon öfter als einmal gehört. Und damit sind Sie nicht alleine. Schon früh haben wir gelernt, dass Essen nicht selbstverständlich ist – sondern vielmehr eine Belohnung, die wir uns verdienen müssen. Und genau da liegt das Problem. Warum wir beim Essen mehr auf unsere Gefühle hören sollten, erklärt Ernährungspsychologin Cornelia Fiechtl im Interview.

look!: Wie kam es, dass Sie sich mit dem Verhältnis zwischen Essen und Emotionen befasst haben?

Cornelia Fiechtl: Ich habe als Klini­sche und Gesundheitspsychologin in einer Klinik für Essstörungen gear­beitet und dort insbesondere Menschen mit Mehrgewicht betreut. Viele der Betroffenen hatten zu dem Zeitpunkt bereits drei oder vier Aufent­halte hinter sich. Ich habe mich gefragt: Warum müssen diese Menschen so oft kom­men, um das ungesunde Essverhalten zu überwinden? Warum schaffen sie den Ab­sprung nicht? Eine befriedi­gende Antwort darauf fand ich keine. Meist hieß es nur, dass die PatientInnen es „wohl nicht genug wollen“ oder „sich nicht zusammen­reißen“ würden. Gleichzeitig ist mir aber aufgefallen, dass neben den normalen Therapieangeboten rund um Themen wie Körperschemata oder unrealistische Ideale die Ernährungspsychologie und das Ess­verhalten kaum berücksichtigt wurden. Das heißt: Wir behandeln zwar Betroffene mit einer diagnostizierten Essstörung wie Binge Eating – aber beschäftigen uns dabei zu wenig mit den psychologischen Aspekten des Essverhaltens? Das war für mich der ausschlaggebende Grund, mich mit diesem Thema zu befassen.

Ihr Buch „Food Feelings“ dreht sich um das Phänomen des „emotionalen Essens“. Welchen Einfluss haben Gefühle auf unser Essverhalten?

In der Theorie wird unser Verhalten immer auf dieselbe Art ausgelöst: Eine Situation tritt auf, man bewertet sie aufgrund von persönlichen Erfahrungen oder Werten und eine Emotion wird aus­ gelöst. Diese wiederum steu­ert unser darauffolgendes Verhalten: Wenn wir Angst empfinden, ziehen wir die Schultern hoch und machen uns klein. Freuen wir uns, öffnen wir unsere Körper­haltung und gehen auf andere zu. Das emotionale Essen wird oft pathologi­siert, dabei ist es überlebens­notwendig – ohne Freude und Lust dabei zu empfinden, hätten wir gar keinen Grund, überhaupt etwas zu essen. Viele PatientInnen kommen in meine Praxis und sagen: „Ich ess halt gerne“, so als wäre das etwas Schlimmes. Dabei ist es das Natürlichste auf der Welt.

Warum ist der Essdrang dennoch so verpönt?

Wir leben in einer Gesellschaft mit einem bestimmten Schönheitsideal und Paradigma: schlank zu sein. Ein schlanker Mensch wird assoziiert mit Disziplin, Erfolg und Leistungsstreben, er/sie hält sich bei den Mahlzeiten zurück und ist imstande, die Kontrolle zu behalten. Essen und Mehrgewicht hingegen werden oft mit Zügellosigkeit und Faulheit in Verbindung gebracht. Frauen betrifft das übrigens in besonderem Maß, weil sie immer noch viel zu oft auf ihren Körper reduziert werden.

Wann wird emotionales Essen zum Problem?

Problematisch wird es dann, wenn es zu einem Emotionsregulator wird – also sobald man Essen braucht, um sich besser zu fühlen, zu trösten oder zu entspannen. Paradoxerweise sind wir ja so sozialisiert – mir fällt hier als Erstes die Serie „Gilmore Girls“ ein –, dass wir bei Liebeskummer oft zu Schokolade greifen oder uns nach einem anstrengen­ den Tag eine Packung Eiscreme gönnen. Hin und wieder ist das ja auch in Ord­nung. Aber sobald Intensität und Häu­figkeit dieses Verhaltens ein bestimmtes Ausmaß übersteigen und damit noch Leidensdruck einhergeht, wird es prob­lematisch.

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Cornelia Fiechtl ist Ernährungspsychologin und Spezialistin für emotionales Essverhalten. © Alexander Müller

Woran merkt man, dass das eigene Essverhalten gestört sein könnte?

Wenn man etwa feststellt, dass man bei Stress vermehrt zum Essen greift, andere Energiequellen wie Hobbys oder soziale Kontakte ver­nachlässigt und schon mittags darüber nachdenkt, mit welcher Mahlzeit man sich abends belohnt. Ganz all­ gemein gesagt: sobald Essen für die „Ich­ Zeit“ steht, bei der man sich etwas Gutes tut. Hinzu kommt, dass sich viele nach dem Essen aufgrund von Schuldgefühlen noch schlechter fühlen als vorher. Andererseits darf man nicht vergessen: Die ständige Beschäftigung mit der Nahrungsaufnahme und mit der Frage, was ich wann essen will oder darf, belastet
und engt gedanklich extrem ein. Ich habe mit vielen Frauen zu tun, die sich beispielsweise sagen: Bis ich nicht schlank bin, darf ich nicht Rad fahren gehen. Oder schwimmen. Oder zum Yoga. Wie sich diese Frauen wegen eines unrea­listischen Schlankheitsideals verbiegen, ist schockierend.

Manche Menschen sind regelrechte StressesserInnen, anderen vergeht in belastenden Situationen der Appetit. Ist der Hang zu emotionalem Essen veranlagt?

Kommt darauf an, von welcher Art Stress wir sprechen. In akuten Stress­situationen essen nämlich die meisten Menschen nichts. Meist tritt ein problema­tisches Essverhalten dann auf, wenn Stress zum Dauerzustand wird. Im Fall einer chronischen Belastung kann Nahrung wieder die Rolle des Emotionsregulators einnehmen: Essen fördert die Ausschüt­tung von Glückshormonen, die uns dabei helfen, Stress abzubauen. Natürlich gäbe es hier auch andere Ressourcen wie soziale Kontakte oder Sport, aber darauf kann nicht jede/r zurückgreifen. Bei zwei kleinen Kindern beispielsweise ist die Zeit für „Self­ care“ einfach begrenzt. Man hat das in der Pandemie ganz gut gesehen: Als plötzlich der soziale Kontext wegfiel und Fitness­studios geschlossen wurden, haben viele Menschen vermehrt auf Essen als Wohl­fühlquelle zurückgegriffen. Und das ist auch völlig okay, solange es sich dabei um einen begrenzten Zeitraum handelt.

Welche Rolle spielt die Erziehung in der Prägung unseres Essverhaltens?

Eine große. Wenn man immer ein­gebläut bekommt „Du musst erst aufessen, bevor es Nachtisch gibt“ oder „Wenn du brav bist, gibt’s was Süßes“, wird Essen in unserem Gehirn als Belohnung abge­speichert. Solche Verbote oder Einschrän­kungen regen den Essdrang aber erst recht an. Gerade bei zurückgezogenen, leistungs­orientierten Menschen kann das auf lange Sicht ein gestörtes Essverhalten verur­sachen. Aber auch die Gewohnheiten der Eltern beeinflussen uns unterbewusst – wenn etwa ein Elternteil ständig Diät hält, prägt sich das auch bei den Kindern ein.

 

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ZUM NACHLESEN. Food Feelings, Cornelia Fiechtl, Verlag Kremayr & Scheriau, ISBN 978-3-218-01275-1, € 22,–.

Ist es demnach problematisch, Essen überhaupt als Belohnung anzusehen?

Ja, auf jeden Fall. Essen soll uns in erster Linie nähren, nicht belohnen. Kalorienzählen, Heißhunger und die allgemeine Kritik am eigenen Körper vereinnahmen viele von uns seit Jugend­ tagen. Wie gelingt es, sich aus diesen toxischen Gedankenspiralen zu befreien? Die Distanzierung von solchen Gedan­ken­ und Verhaltensmustern ist sicherlich schwierig und die Omnipräsenz von Insta­gram und Co macht es nicht leichter. Ich glaube aber, man kann mehr Freiheit erlangen und seinen Umgang mit dem Thema verändern. Wir können lernen, liebevoller zu uns selbst zu sein, bewusstere Entscheidungen zu treffen und dem inneren Kritiker etwas entgegen­ zusetzen. Zunächst braucht es eine bewusste Wahrnehmung der zahl­reichen Botschaften, die täglich auf uns einprasseln – sei es durch Ernährungsempfehlungen, Social­ Media ­Beiträge, Werbung oder Gespräche mit Bekannten. Wenn man genau hinsieht, ist die Fülle an Input nämlich enorm. Der nächste Schritt wäre, sich von den jeweiligen Quellen wie Diätgruppen oder Fit­ness ­Accounts zu lösen. Und wie­ der einen neutralen Zugang zum Essen zu finden, indem wir Lebens­mittel als das begreifen, was sie sind: Mittel zum Leben. Ein Apfel ist nicht automatisch gut, Schoko­lade ist nicht automatisch schlecht. Bewusstsein ist wichtig, ja – aber nicht in Form einer Be- oder Verurteilung von Nahrungsmitteln. Vielmehr geht es darum, die eigenen Essensvorlieben be­wusst zu entdecken, ausreichend Zeit für Mahlzeiten einzuplanen und zu spüren, wann man satt ist. Sobald das gelingt, ist die Entlastung relativ schnell spürbar.

Kann der Drang, sich gesund zu ernähren, auch „ungesund“ sein?

Absolut. Klar, eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, aber Essen sollte nicht zu einer Obsession werden, und dazu gehört auch die „Angst“ vor fett­ oder zuckerreicher Nahrung. Denn de facto passiert ja nichts Schlimmes, wenn man eine Torte isst. Wenn die Ernährung den Alltag bestimmt, man sich von sozialen Aktivitäten zurückzieht und überdurch­schnittlich viel Zeit in die Mahlzeiten­ planung steckt, anstatt auf die eigenen Körpersignale zu hören, wird es problematisch.

Wie ernähren Sie sich denn persönlich?

Ich bin auch eine Frau und war so eingenommen von gesellschaftlichen Erwartungen, dass ich meinen Körper abgelehnt, ja zeitweise sogar gehasst habe. Obwohl das bei mir glücklicherweise keine krankheitswertigen Ausmaße hatte, bin ich froh, dass ich diese Muster abge­ legt habe. Heute esse ich alles, worauf ich Lust habe. Ich schätze Lebensmittel wert und achte auf eine gute Qualität. Aber natürlich gibt es auch bei mir manchmal Phasen, wo ich gestresst bin und beson­ders auf mich aufpassen muss. Manchmal fällt es schwer, mir die Zeit zu nehmen, um frisch zu kochen. Und das ist auch okay. Es geht nicht um Perfektionismus, sondern darum, einen achtsamen Um­gang mit sich selbst zu pflegen.