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Lifestyle | 15.04.2019

„Ich bin g’schwind jähzornig“

Lotte Tobisch feierte Ende März 93. Geburtstag. Ein Gespräch voll pointierter Antworten mit jugendlichem Esprit.

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DER GUTE TON. Lotte Tobisch dirigierte bei ihrer 90er-Feier im Marchfelderhof die K. u. K. Infanteriekapelle. © picturedesk.com

Sie war ein schlimmes Kind aus gutem Haus, ein Albtraum für ihre Mutter, erzählt sie gern. Schlimm dann, wenn sie bei ­denen, die sich nicht wehren konnten, Unrecht witterte. Als ihre Fami­lie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach Bayern floh, blieb sie zurück und wurde Schauspielerin, „weil ich prinzipiell mal dagegen war und selber arbeiten wollte“. Ihre Karriere unterbrach sie für ihre große, skandalträchtige Liebe zu dem verheirateten Erhard Buschbeck. Bis zu dessen Tod dauerte das Glück an der Seite des Chefdramaturgen und stellvertretenden Direktors der Burg. Gelehrte und Intellektuelle wie Zuckmayer, Günther Anders, Elias ­Canetti haben ihren Weg begleitet.

In den vergangenen Jahren engagiert sich die tatkräftig Gebliebene für soziale Projekte, als Präsidentin von „Künstler helfen Künstlern“ sowie Ehrenpräsidentin der Österreichischen Alzheimer-Liga. Auf einem Foto sieht man jene Grande Dame, die dem Opernball 16 Jahre lang organisatorische Eleganz einhauchte, eine Armatur reparieren. „Ich war schon emanzipiert, da waren die Emanzen von heute noch nicht einmal konzipiert“, sagt sie. Angst vor dem Tod? Nein, da hält sie es mit Nestroy: „Es ist noch jeder gestorben, also werd ich es auch überleben.“ Zum Geburtstag hat sie sich jede Laudatio verbeten. „Ich gehöre zu den ausgestorbenen Möpsen, so sagte man in meiner Jugend“, erzählt sie pointiert, „aber mittlerweile sind die Möpse ja wieder modern ...“

 

look: Philip Roth schreibt, das Alter sei ein Massaker. Sie sagen, Sie lieben es, alt zu sein ...

Lotte Tobisch: Wissen Sie, jedes ­Alter hat seine Vorteile und seine Nachteile. Der unglaubliche Vorteil, wenn man so alt und unabhängig ist wie ich, ist, dass man nicht einmal noch Rücksicht auf sich selber nehmen muss. Dass man sagen kann, was man sich denkt, und dass es einem relativ wurscht ist, wenn irgendeiner beleidigt ist. Im ­Übrigen kann ich Ihnen schon sagen: Jung, schön, reich und g’sund ist noch immer besser (lacht).

 

Sie waren elf Jahre mit einem 37 Jahre älteren Mann in Beziehung. Glauben Sie an die lebenslange Liebe?

Das weiß ich nicht. Ich kann nur ­sagen, diese elf Jahre sind der Humus meines Lebens und wenn ich heute eine gewisse Art von Gelassenheit habe – ­allerdings nicht im täglichen Leben, da bin ich sehr g’schwind jähzornig und unerträglich – dann schöpfe ich schon meine Gelassenheit dem Unglück oder den Katastrophen gegenüber aus diesen Jahren.

 

Sie haben 1945 in Wien erlebt. Wie stehen Sie zur heutigen Flüchtlingssituation und der Reaktion der Politik?

Grauenhaft! Einfach grauenhaft! Ich verstehe nicht, dass Europa nicht ­begreift, was da los ist! Europa hat 740 Millionen Einwohner. Ist es denn da nicht möglich, in jedem Dorf eine Familie unterzubringen? Was soll man dazu eigentlich sagen? Natürlich müssen auch andere Länder Flüchtlinge aufnehmen. Schau’n Sie, ich habe den Ersten Weltkrieg, die Ursünde des vergangenen Jahrhunderts, nicht erlebt, aber den Zweiten. Nachdem, was alles passiert ist, der Holocaust, die Atombombe – ja was muss eigentlich noch alles passieren? Das frage ich mich ununterbrochen. Das geht so nicht, einfach zuzusperren ...

 

Sie sind immer noch ein Energiebündel und offenbar mit guten Genen gesegnet. Wie halten Sie’s mit Schönheits-OPs?

Was soll man dazu sagen? Wenn sie keine anderen Sorgen haben, so sollen sie’s machen. Die Kosmetikindustrie will halt auch verdienen. Neulich war eine Reportage im Fernsehen, da hab ich von Herzen gelacht. Sie verkaufen jetzt schon eine Platinsalbe um 500 Euro! Die kann man sich ins Gesicht schmieren, aber das Geburtsdatum kriegen sie damit auch nicht weg! Wie heißt diese wunderbare jüdische Weisheit? Von den Jahren allein wird man auch älter (lacht). So ist es!

 

 

Text Angelica Pral-Haidbauer