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Lifestyle | 11.04.2019

„Immer mehr verzichten auf Sex“

Dr. Monika Wogrolly ist Sexualtherapeutin. Ab sofort schreibt sie eine Kolumne in look! Das Interview über starke Frauen und überforderte Männer, über Sex-Verweigerung, Fetische und neue Beziehungsformen.

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Frau Dr. Sex. Monika Wogrolly ortet in unserer Gesellschaft zunehmende Bindungsangst: „Die Menschen wollen alles kontrollieren. Sie verlieren die Fähigkeit, sich vertrauensvoll in eine Partnerschaft fallen zu lassen.“ © Arman Rastegar

Sie ist Philosophin und Therapeutin, sie widmet sich den Anliegen ihrer KlientInnen in der Gruppentherapie, bei der Paartherapie und der Sexualtherapie. In ihrer Funktion als Sexualtherapeutin behandelt Dr. Monika Wogrolly ab sofort in ihrer neuen look!-Kolumne „Die geheimen Botschaften der Liebe“ (S. 140)Themen rund um Erotik und Sex, die LeserInnen bewegen. Die erfahrene Therapeutin, die sowohl in Wien als auch in Graz eine Praxis hat, im großen Interview.

look: Frau Dr. Wogrolly, wie steht’s in unserer Gesellschaft um Sex?

Dr. Monika Wogrolly: Ich merke, dass die Asexualität groß im Kommen ist. Auch junge Paare erzählen, dass sie noch nie Sex miteinander hatten.

 

Woran liegt das?

Unsere Gesellschaft leidet unter einer enormen Bindungsangst, an einer Angst vor Abhängigkeit. Oberste Prämisse ist es heute, selbstbestimmt zu leben. Es fehlt oft an der Fähigkeit, sich auf etwas einzulassen, das nicht kon­trollierbar ist – wie eine Beziehung. Daraus resultieren auch psychisch bedingte sexuelle Funktionsstörungen.

 

Der grassierende Hang zur Individualisierung beeinflusst das Sexleben?

Wer zu verkopft und zu individualistisch ist, überlegt die ganze Zeit, wie er sein Leben optimieren kann: Tut mir die Partnerin/der Partner noch gut? Sie/er will nicht mehr Ski fahren, da sollte ich mir eine(n) andere(n) PartnerIn suchen, um mein Leben zu optimieren. Dieser narzisstische Drang, ständig alles optimieren zu wollen, ist eine Geißel unserer Zeit. Er nimmt den Menschen die Fähigkeit, sich vertrauensvoll in eine Partnerschaft fallen zu lassen, in diese zartbittere Abhängigkeit in der Liebe. Wer sich aber von allen Abhängigkeiten abnabelt, verzichtet auch auf vieles. Auf die Innigkeit einer Partnerschaft etwa.

 

Das klingt deprimierend. Hat niemand mehr Sex?

Doch. Natürlich. Sicher gibt es in jeder Altersgruppe aus verschiedenen Gründen sexuelle Flauten, Zeiten der sexuellen Abstinenz. Aber generell lassen es nicht nur die Jungen krachen, sondern auch die Älteren. Es ist absolut  nicht so, dass ältere Menschen keinen Sex mehr haben – im Gegenteil, sie entdecken ihre Sexualität ab einem gewissen Alter neu. Paare sind oft jahrelang beruflich und wegen der Kinder sehr eingespannt, und erst wenn sie wieder mehr Zeit haben, ab 50, 60, erlauben sie sich ihre Sexualität zu leben.

 

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"Ein souveräner, selbstbewusster Mann lässt sich von einer erfolgreichen Frau nicht einschüchtern und sexuell kastrieren." - Dr. Monika Wogrolly © Arman Rastegar

 Mit welchen Sex-Problemen kommen Menschen zu Ihnen?

Die meisten kommen zu mir, weil sie das Gefühl haben, dass sich etwas in ihrer Beziehung verändert hat, dass eine Entfremdung vom Partner stattgefunden hat. Im Verlauf der Gespräche kristallisiert sich dann oft heraus, dass das Sexleben eine Baustelle ist. Oft wird in Partnerschaften überhaupt nicht über Sexualität gesprochen. Durch die Medien sind wir an jeder Ecke mit Sex konfrontiert, reizüberflutet, aber im Schlafzimmer wissen Paare auch nach 20, 30 Ehejahren nicht, was sich derandere in Bezug auf Sex wünscht. Wenn Paare nach jahrelanger Sex-Flaute etwa wieder sexuell aktiv werden, kann es vorkommen, dass Traumatisierendes passiert –  wenn etwa ein Partner extremen sexuellen Nachholbedarf hat. Da werden dann zum Beispiel SM-Praktiken ausprobiert oder Fetischspiele. Und der andere Partner ist damit völlig über­fordert.

 

Haben SM-Praktiken und Fetischspiele zugenommen?

„Fifty Shades of Grey“ hat eine Entfesselung gebracht. Aber verbreitet war der Fetischismus schon immer. Fast jeder Mann hat etwa einen Strumpf-Fetisch, auch ein Fuß-Fetisch ist sehr häufig. Oder die Fixiertheit auf die Analregion oder auf Oralsex-Praktiken.

 

Stimmt es, dass Männer von erfolgreichen Frauen so eingeschüchtert sein können, dass sie impotent werden?

Ich habe Klientinnen, die auf Partnerplattformen wahrheitsgemäß angeben, dass sie erfolgreich sind und mit beiden Beinen im Leben stehen. Und das wirkt erwiesenermaßen abschreckend. Kein Mann wird das offen zugeben, aber die Wirkung ist fatal. Männer sind diesbezüglich sehr ambivalent: Einerseits wünschen sie sich eine selbstständige, unabhängige Frau, die ihnen möglichst nicht auf der Tasche liegt, andererseits fürchten sie nichts mehr, als im Schatten zu stehen. Sigmund Freud spricht diesbezüglich von einer Kastrationsangst. Oft ist die Tatsache, dass sich der Mann in seinem Selbstwertgefühl herabgewürdigt sieht, auch der Anlass, die Frau zu betrügen.

 

Heißt das, dass es durch die fortschreitende Gleichstellung immer mehr „kastrierte“ und überforderte Männer geben wird?

Das hoffe ich nicht. Die Männer sind ja nur aufgefordert an ihrem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Ein souveräner Mann lässt sich von einer erfolgreichen Frau nicht einschüchtern und sexuell kastrieren. Im Gegenteil: Er freut sich und ist stolz auf sie, und er kann sich neben dieser Frau behaupten.

 

Männer macht angeblich auch ein Zuviel an beruflichem und privatem Druck impotent bzw. asexuell.

Das kann sowohl bei Männern wie auch bei Frauen der Fall sein. Zu großer Druck und Probleme  können zu Impotenz und zu Frigidität führen. Das führt dann oft zu Unverständnis bei der Partnerin bwz. beim Partner. Da muss unbedingt beachtet werden, dass Sex nicht eingefordert werden kann wie eine Turnübung. Sex kann man nicht bestellen und Lust nicht erzwingen.

 

Wie begegnet man einem Partner, der keinen Sex mehr will?

Ich habe solche Fälle oft in der Praxis. Auf keinen Fall darf man fordernd sein, das ist der absolute Liebeskiller. Man muss stattdessen das Miteinander neu entdecken. Sexualität beginnt nicht auf der Bettkante, sondern schon dabei, wie man in einer Partnerschaft miteinander umgeht. Wie man miteinander spricht, es geht um die Färbung der Stimme. Es geht um kleine Gesten, um Zuneigung, um Erotik. Es geht um die Art der Kommunikation, der erotischen Interaktion. Und dabei haben eine fordernde Haltung, Vorwürfe oder eine schrille Stimme nichts verloren.

 

Bleibt die Ehe trotz aller Probleme  ein gängiges Modell oder wird sie von neuen Beziehungsformen abgelöst?

Bei den Beziehungsformen ist die Polyamorie im Kommen. Das heißt, dass man mehrere Partner gleichzeitig liebt. Weiters gibt es etwa „Freundschaft plus“, man hat Sex mit einer Freundin/einem Freund, ohne sich zu binden. Und dann gibt es Partnerschaften oder Beziehungen, die virtuell bleiben. Auch das kenne ich aus meiner Praxis. Diese Menschen treffen sich im realen Leben nie, weil sie tausende Kilometer voneinander entfernt leben. – Heute designt sich jeder seine eigene Beziehungsform.