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Lifestyle | 14.10.2021

Schreiben statt schweigen!

Vor allem junge Frauen leiden als Folge der Pandemie unter psychischer Belastung. Darum hat Anima Mentis, das Zentrum für seelische Gesundheit, das Projekt "schreibenstattschweigen" ins Leben gerufen. Betroffene können hier anonym und kostenlos eine Schreibberatung durch ein Team von Psychotherapeut:Innen, Psycholog:Innen und Coaches in Anspruch nehmen. Humanmediziner und Anima Mentis Geschäftsführer Dr. Peter Kirschner im look! Interview:

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DIREKTE HILFE. Humanmediziner und Anima Mentis Geschäftsführer Dr. Peter Kirschner erzählt uns im Interview alles über das Projekt "Schreiben statt schweigen". © Stefan Joham

Kostenlose Schreibberatung 

Auch rund eineinhalb Jahre nach dem ersten Lockdown macht uns die Pandemie weiterhin zu schaffen. Vor allem die psychische Belastung in der Bevölkerung ist nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Davon betroffen sind vor allem junge Frauen. Grund dafür sind etwa traditionelle Rollenstereotype, die sich durch die Krise zum Teil verfestigt haben, einen erhöhten Erwartungsdruck vor allem bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe verursachen und sich nachhaltig auf deren Selbstwert auswirken. Hinzu kommen Faktoren wie verringerte soziale Kontakte und Freizeitmöglichkeiten, aber auch die erhöhte Sorge um die eigene Gesundheit. Um dem entgegen zu wirken hat Anima Mentis, das Zentrum für seelische Gesundheit, kürzlich das Projekt "schreibenstattschweigen" ins Leben gerufen, das als erste Anlaufstelle für Betroffene mit psychischer Belastung dienen soll. Diese können auf der gleichnamigen Website anonym und kostenlos eine Schreibberatung durch ein Team bestehend aus Psychotherapeut:Innen, Psycholog:Innen und Coaches in Anspruch nehmen. Humanmediziner und Anima Mentis Geschäftsführer Dr. Peter Kirschner erzählt uns im look! Interview alles über das neue Projekt.  

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ZU ANIMA MENTIS. Bekannt als das weltweit erste „Fitness für mentale Stärke“, bietet die Wohlfühloase im 1.Bezirk auf über 650 Quadratmetern beste Voraussetzungen für die Stärkung mentaler Leistungsfähigkeit und nachhaltiger Lebensfreude. © Anima Mentis

Dr. Peter Kirschner im Interview

look!: Weshalb sind vor allem junge Frauen besonders häufig von einer erhöhten psychischen Belastung betroffen?

Dr. Peter Kirschner: Während der Pubertät müssen junge Menschen zahlreiche Herausforderungen bewältigen. Die individuelle Rolle und das Aussehen verändern sich. Darüber hinaus sie sehen sich mit komplexen Rollenaufgaben konfrontiert. Besonders junge Frauen müssen hier sehr früh grundlegende Entscheidungen, etwa in Bezug auf die Ausbildung, das Berufsleben oder einen möglichen Kinderwunsch, treffen.

Wodurch kommt es zu geschlechterspezifischen Unterschieden bei psychischen Belastungen zwischen Mann und Frau?

Frauen sind häufiger von psychischen Erkrankungen wie Depressionen betroffen. Die Ursache dafür liegt einerseits in einschneidenden Erlebnissen im Leben einer Frau, darunter fallen etwa eine Schwangerschaft, die Geburt des Kindes oder auch die Menopause. Andererseits können negative Erfahrungen in Zusammenhang mit veränderten Lebensumständen, Diskriminierung sowie Gewalt und Armut als mögliche Ursachen angeführt werden. Hinzu kommt oftmals auch der Faktor soziale Isolation, etwa nach einer Scheidung oder Trennung, welcher die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung weiter erhöht.

Inwiefern hat die Coronakrise die psychische Gesundheit von Frauen beeinflusst? 

Corona hat besonders das psychische Wohlbefinden von Frauen negativ beeinflusst. Finanzielle Probleme, Jobverlust, Ängste, Sorgen und Stress zählen zu den häufigsten Gründen hierfür. Viele Frauen arbeiten zudem im Gesundheitssystem, das durch die Pandemie oftmals an der Belastungsgrenze war. Die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung, die Pflege älterer Personen oder auch die Betreuung von Angehörigen kostete Frauen in den vergangenen Monaten reichlich Anstrengung. Rund 27 % von ihnen klagten folglich über eine Zunahme der psychischen Belastung. Aber auch das geringere Einkommen von Frauen spielt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. 

Ein großes Thema ist die unbezahlte Care Arbeit von Frauen. Haben Sie Tipps, um im Alltag trotz Stress ausgeglichen zu bleiben? 

Tatsächlich leisten Frauen immer noch einen überwiegenden Anteil unbezahlter Care-Arbeit, die vielfach nicht sichtbar ist. Gerade deshalb ist es wichtig, Doppel- und Dreifachbelastungen entsprechend auszugleichen. Zunächst ist es sicherlich ratsam, auch anderen Familienmitgliedern entsprechende Verantwortung zu übertragen: Das schafft auch ein positives Rollenbild für Kinder. Es darf nicht selbstverständlich sein, dass Frauen deutlich mehr Stunden pro Woche an unbezahlter Arbeit leisten als Männer und deshalb im Alter oft benachteiligt sind. Im Alltag ist es zudem wichtig, immer wieder Freiräume zu schaffen und diese, wenn notwendig, auch einzufordern. Das kann ein etwa Abend mit Freund:innen sein, regelmäßige Bewegung oder vielleicht auch mal ein Wochenende alleine zu verbringen und sich auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Solche „Auszeiten“ von den alltäglichen Verpflichtungen laden die mentalen Akkus wieder auf und geben zusätzlich Kraft. Selbstverständlich ist es auch hilfreich, über die Sorgen und Belastungen zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Warum nehmen viele Betroffene nach wie vor selten Hilfe in Anspruch?

Das liegt vor allem an der Stigmatisierung. Noch immer glauben viele Betroffene, „schwach“ zu sein, wenn sie sich Hilfe holen oder über Belastungen sprechen. Psychische Erkrankungen werden im Vergleich zu physischen Beschwerden immer noch nicht als vollkommen „normal“ angesehen. Es ist in der Gesellschaft weitestgehend akzeptiert, sich den Knochen zu brechen und deshalb zum Arzt zu gehen, aber gleichzeitig nicht über die Psyche zu sprechen.  Außerdem fehlt häufig ein geeigneter Zugang: Viele Betroffene wissen nicht, welche Unterstützung für sie die richtige ist und wo man sie bekommt.

Wie kann jungen Menschen und vor allem Frauen am besten geholfen werden?

Wichtig ist es, darüber zu reden: Besonders das Ansprechen der eigenen Bedürfnisse und die Bereitschaft sich professionelle Hilfe zu holen spielen eine bedeutende Rolle. Angebote wie schreibenstattschweigen erleichtern den ersten Zugang und können eine wichtige Hilfestellung zur Findung der passenden Unterstützung sein.

Erzählen Sie uns von der Aktion „schreibenstattschweigen“.

Anima Mentis, Österreichs erstes Center für mentale Stärke (Auersbergstraße 6, 1010 Wien), hat kürzlich die Initiative schreibenstattschweigen ins Leben gerufen, bei der Personen die Unterstützung benötigen, anonym und kostenlos beraten werden. Auf der Website „schreibenstattschweigen.at“ können Problemstellungen und Situationen erläutert werden, die dann von Psycholog:innen bearbeitet und beantwortet werden. Die Beiträge werden anschließend anonymisiert und auf einer Pinnwand veröffentlicht – damit andere Betroffene diese lesen und eventuell Beiträge mit ähnlichen Problemstellungen finden können.