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People | 12.10.2020

„60 JAHRE? DAS MUSS EIN IRRTUM SEIN!“

Evelyn Rillé. In den 1980er Jahren erregte sie als Topmodel mit Nacktauftritten und provokanten Magazin-Titelbildern. Jetzt ist sie erfolgreiche Unternehmerin und Buchautorin – und sie feiert demnächst ihren 60. Geburtstag. Das Interview.

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ICH KANN DEM ÄLTERWERDEN SEHR VIEL SCHÖNES ABGEWINNEN. ICH PFEIFE MIR NICHTS MEHR UND SAGE MEINE MEINUNG. - Eveyln Rillé © Stefan Joham

Sie zu treffen ist immer ein Vergnügen, denn Evelyn Rillé versprüht Lebensfreude pur. So auch beim Interview bei ihr daheim in Perchtoldsdorf – eine absolute Ausnahme, denn sie lädt sonst nur gute Freunde zu sich nach Hause. Wie etwa Anna Netrebko, die für das neue Kochbuch in ihrer Küche hinterm Herd stand, und die Top-Fotograf Johannes Ifkovits (ihr Ehemann seit 32 Jahren sowie Vater ihres Sohnes Matthias, 31) perfekt in Szene setzte. Dass die Unternehmerin mit der wahrlich üppigen Mähne demnächst ihren 60. Geburtstag (am 27. Dezember) feiert, ist kaum zu glauben. Und ebenso wenig die Tatsache, dass sie ihr grandioses Aussehen keinem Beauty-Doc verdankt. „Ich habe nicht mal Botox spritzen lassen“, lacht sie. Von OPs hält sie ohnehin nichts. Wieso auch? Sie fühlt sich höchstens wie 40. Und sieht auch so aus. Außerdem ist ihr Eitelkeit fremd.

Soziales Engagement. Zu ihrem Leben gehört seit knapp einem Jahrzehnt auch ihr freiwilliger Einsatz beim Roten Kreuz in Mödling. Die Krebserkrankungen ihrer Eltern haben ein starkes Umdenken bewirkt. „Ich habe mich um beide sehr intensiv gekümmert, war bei den Chemos dabei, habe sie bis zum Schluss betreut“, erinnert sich das Model. Und einmal sei sie direkt nach dem Krankenhaus ins ATV-Studio gefahren, wo sie sieben Jahre lang für die Ausstattung der Moderatoren zuständig war, und sich mit deren Allüren herumschlagen musste: „Da dachte ich mir: Ich muss endlich einmal etwas wirklich Sinnvolles machen.“ Alles bisher sei nur oberflächlicher Mist gewesen. So kam es, dass die gebürtige Wienerin beim Roten Kreuz etliche Ausbildungen absolvierte – und nun ist sie ehrenamtliche Notfallsanitäterin, Einsatzfahrerin mit Blaulichtfreigabe, Abteilungskommandantin und Offizier. Jedes Wochenende ist sie im Einsatz. Manchmal auch öfter. Ihre Augen strahlen übrigens, wenn sie darüber spricht. Eine erfüllende Aufgabe, weil es ein gutes Gefühl sei, anderen zu helfen. Aber auch ihre gelegentlichen Jobs als Model bereiten ihr Freude. Und natürlich die Arbeit am neuen Kochbuch mit Opernstars, das heuer noch im Eigenverlag erscheint. Doch alles der Reihe nach.

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ERFRISCHEND. Beim Interview in ihrem Garten erzählt Evelyn Rillé auch Anekdoten von früher. © Stefan Joham

look: Wie fühlt es sich an, in wenigen Monaten den 60er zu begehen?

Rillé: Die Zeit ist extrem schnell vergangen und daher denke ich manchmal: „Das kann sich nur um einen Irrtum handeln“. (Lacht) Ich fühle mich ja viel jünger und fit wie eine 40-Jährige, manchmal sogar fitter! ... Ich habe gelernt, Dankbarkeit zu empfinden und glücklich zu sein mit dem, was ich habe. Es gibt immer Menschen, die mehr haben und es gibt stets etwas Besseres, aber man sollte sich mehr umschauen, denn viele Menschen haben all das nicht, was man selbst hat.

Können Sie dem Älterwerden etwas Positives abgewinnen?

Ja, sehr viel! Ich pfeife mir nichts mehr, sage offen meine Meinung ohne jemanden zu beleidigen, zu schimpfen oder vor den Kopf zu stoßen, und ich muss niemandem mehr gefallen. Wenn ich es tue, freue ich mich umso mehr, aber es ist mir kein Anliegen mehr. Das war als junge Frau anders. Bei Castings habe ich mir oft gedacht: „Da sind so viele schöne Mädchen, da habe ich keine Chance.“ Darüber zerbreche ich mir schon längst nicht mehr den Kopf. Natürlich gibt es Momente, wie neulich beim Sonnenbaden, da schaue ich mir meine faltigen Knie an und denke: „Na, die haben auch schon mal besser ausgesehen.“ (Lacht) Aber es ist, wie es ist, und es ist gut so.

Sie galten zwei Jahrzehnte als Topmodel, waren im Playboy, im Penthouse, am Cover der Vogue und vielen anderen Magazinen. Kult ist auch die Story „Nackt durch die Stadt“ im Magazin „Wiener“. Wie kam es dazu?

Der Herausgeber des „Wiener“ – damals das tollste Lifestyle-Magazin – rief mich an, nachdem sie schon viele Jungschauspielerinnen gecastet hatten, und fragte mich, ob ich bereit wäre, an allen berühmten Plätzen in Österreich nackt zu posieren. Zwei Fotografen würden dann die Reaktionen der Leute einfangen. Ich dachte mir nur: „Die sind geisteskrank.“ Der Herausgeber ließ nicht locker und ich forderte 100.000 Schilling (7.000 Euro, Anm.) – Mitte der 1980er Jahre eine Wahnsinnssumme –, in der Annahme, dass der Verlag das niemals zahlen würde. Am nächsten Morgen kam das Okay – und ich konnte keinen Rückzieher mehr machen. Treffpunkt war im Café Hummel mit Redakteur Christian Seiler sowie den beiden Fotografen Paul Schirnhofer und Johannes Ifkovits, meinem späteren Mann. Wir haben uns gesehen und es hat gefunkt.

Und wie ging‘s weiter?

Unser erster Stopp war Klagenfurt. Das Quartier war am Wörthersee, und Hannes und ich haben uns gemeinsam ein Zimmer genommen. Seither sind wir zusammen, also 34 Jahre. Zwei Jahre später, 1988, haben wir geheiratet – und 1989 kam unser Sohn zur Welt.

Die junge, strahlende Mama mit ihrem „Kronprinzen“ (1989), den sie streng, aber mit unendlich viel Liebe erzogen hat. © Stefan Joham 

Wie haben Ihre Eltern auf die Nacktfotos reagiert?

Gleich nach den Playboy-Aufnahmen hat etwa der Bruder meines Vaters sich aufgeregt und gemeint: Das müsse jetzt aber nicht sein. Und mein Vater antwortete: „Die Erika Pluhar liegt nackt im Burgtheater auf der Bühne. Da wird das meine Tochter wohl auch machen dürfen.“ Eine tolle Reaktion. Man muss erwähnen, dass das 40 Jahre her ist. Damals war ja auch das Foto von Elisabeth Fallenberg (damals ein Topmodel, Anm.) im nassen T-Shirt ein Skandal.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Model-Zeit?

Ich war viel im Ausland, habe ein Jahr lang in Tokio gelebt, in Los Angeles, in Mailand und in London, aber ich wollte nirgends bleiben, sondern zurück nach Wien und zu meinen Eltern. Es war ein hektisches, oberflächliches Leben mit viel Abwechslung, aber keiner Beständigkeit. Und ich habe extrem gut verdient. Daneben habe ich auch Musikvideos gedreht und in Filmen – u. a. in „Venusfalle“ – mitgewirkt. Für Kim Basinger sprang ich als Double ein, als sie mit Mickey Rourke einen Film in Wien gedreht hat.

War das Ihr Traumberuf als Teenager?

Ich hatte keinen Plan, ich wollte nur so schnell wie möglich mein eigenes Geld verdienen. Darum habe ich mit 15 das Gymnasium geschmissen und mir einen Job gesucht: Im Theater an der Wien habe ich dann eine Lehre zur Maskenbildnerin absolviert, mit Perückenknüpfen und allem, was dazu gehört. Da hat mein Vater schön geschaut, weil er zuerst dachte, ich kehre reumütig zurück. (Lacht)

Sie modeln heute noch?

Ja, gelegentlich wie vor Kurzem für John Harris auf dem Hauptbahnhof. Was mich wirklich erstaunt, ist, dass ich heute mehr denn je für Jobs auf dem Laufsteg gebucht werde. Und das taugt mir sehr. Ich bin ein Bühnentier und liebe Modeschauen. Bei der Vienna Fashion Week bin ich auch heuer wieder mit dabei.

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GLÜCKSMOMENTE. Familienmensch Evelyn Rillé mit ihren zwei Liebsten: Ehemann Johannes Ifkovits und Sohn Matthias, Versicherungsmakler, im Theater. © Josef Gallauer

Und wann haben Sie begonnen, Brillen zu designen?

Ich war Mitte 20 und dachte schon daran, was ich danach mache, wenn ich 30 – also alt – bin. (Lacht) Zudem war mir die Oberflächlichkeit der ganzen Szene zuwider. Und da kam mir die Idee, Brillen – ich liebe Brillen – zu entwerfen, was ich schon lange nicht mehr mache. Heute vertreibe ich kleine Brillen-Labels, mein Hauptberuf. Bevor ich aber damit begann, ließ ich mich noch als Fotografin ausbilden.

Apropos. Sie sind seit mehr als 30 Jahren mit Top-Fotograf Johannes Ifkovits verheiratet. Haben Sie einen Tipp für eine gute Ehe?

Ja, ich denke schon. Wir haben einander immer viel Freiraum gelassen. Und wir martern uns nicht mit Fragen wie: Wo gehst du hin? Wen triffst du? Wieso kennst du die? – Ich gehe gern auf Events, mein Mann ist lieber daheim und schreibt oder macht etwas anderes. Gelegentlich besuchen wir gemeinsam eine Veranstaltung oder wir arbeiten zusammen wie demnächst in Linz, wo er fotografiert und ich schminke. Man sollte sich das Leben nicht unnötig schwer machen.

Und wie waren Sie als Mutter?

Eher sehr streng, ich bin eine dominante Mutter gewesen, wobei ich versucht habe, auch kumpelhaft zu sein, weil ich selbst sehr autoritär erzogen wurde. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Ich wollte es bei Matthias anders machen, aber auf einmal steht er – ein Knirps von fünf Jahren – vor mir und meint: „Ich will keine Freundin, ich will eine Mutter.“ (Lacht)

War Ihr Ehemann auch streng?

Nein, mein Mann ist viel gutmütiger und entspannter als ich. Der hat meistens gesagt: „Geh, lass ihn.“

Wollten Sie nie mehr Kinder?

Matthias war ein extrem lebhafter Bub und kaum zu bändigen. Ein zweites Kind, das hätte ich nicht geschafft. Ich habe immer gearbeitet, natürlich vieles von Hause aus, aber dennoch.

 

ABWECHSLUNGSREICH.
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Rillé zierte u.a. auch das Cover des Magazins „Basta“. In den 1990ern ließ sich das vielbeschäftigte Model seine Mähne schneiden und posierte mit den unterschiedlichsten Frisuren. Mindestens einmal in der Woche ist sie nun als Freiwillige beim Roten Kreuz im Einsatz – ein Herzensanliegen der 59-Jährigen. © beigestellt 

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Rillé zierte u.a. auch das Cover des Magazins „Basta“. In den 1990ern ließ sich das vielbeschäftigte Model seine Mähne schneiden und posierte mit den unterschiedlichsten Frisuren. Mindestens einmal in der Woche ist sie nun als Freiwillige beim Roten Kreuz im Einsatz – ein Herzensanliegen der 59-Jährigen. © beigestellt 

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Rillé zierte u.a. auch das Cover des Magazins „Basta“. In den 1990ern ließ sich das vielbeschäftigte Model seine Mähne schneiden und posierte mit den unterschiedlichsten Frisuren. Mindestens einmal in der Woche ist sie nun als Freiwillige beim Roten Kreuz im Einsatz – ein Herzensanliegen der 59-Jährigen. © beigestellt 

Sie posten regelmäßig Fotos von Ihren Einsätzen beim Roten Kreuz. Eine Tätigkeit, die Sie zu lieben scheinen.

Ja, weil dieser Gedanke, etwas Gutes zu tun und anderen zu helfen, sehr erfüllend ist. Wobei: Das Überbringen von Todesnachrichten – ich habe auch eine psychologische Ausbildung – ist das Schlimmste, vor allem wenn es sich um Unfälle oder Suizide von Kindern handelt.

Schafft man es, sich in solchen Situationen abzugrenzen?

Ich kann mich abgrenzen. Wer das nicht kann, darf diesen Job nicht machen. Natürlich gibt es Einsätze, die mich länger beschäftigen, und wir besprechen manches auch im Team, vor allem mit den jüngeren Mitarbeitern. Aber dann ist es abgearbeitet und erledigt, wir sind alt genug, um zu wissen, dass so etwas passieren kann.

Solche Erlebnisse führen aber dazu, dass man nachzudenken beginnt ...

Ja, und dankbar wird, weil man erkennt, wie schnell sich alles ändern kann. Und man realisiert, was wirklich wichtig ist. Darum wünsche ich mir zu meinem Geburtstag nur Gesundheit für meine Familie, damit wir noch lange zusammen sein können, und Zufriedenheit. Das klingt so simpel, aber letzen Endes zählt alles nichts, wenn du nicht gesund bist. Du brauchst keine neue Louis-Vuitton-Tasche, wenn dein Kind krank ist.

Wie sehr hat Covid-19 Ihr Leben verändert?

Covid-19 hat große Auswirkungen auf unser aller Leben, der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Ich mache zwei Drittel meines Jahresumsatzes mit den Brillen im Frühjahr, das fiel heuer weg. Und jetzt haben die Firmen kein Geld oder es wird gespart, dieses Jahr ist also verloren. Man kann nur hoffen, dass wir das alle einigermaßen gut überstehen. Wir müssen mit Zuversicht in die Zukunft blicken, jammern bringt uns ja nie weiter. Zudem entspricht es überhaupt nicht meiner Lebenseinstellung.

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FREUNDINNEN. Evelyn Rillé, übrigens selbst eine gute wie leidenschaftliche Köchin, und Weltstar Anna Netrebko bereiten ein russisches Gericht für das neue Buch zu. © beigestellt

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PRACHTVOLL. Opernstars präsentieren auf je vier Seiten ein Rezept aus ihrem Heimatland samt Weinempfehlung. Ein kurzes Porträt, Interviews und großartige Fotos perfektionieren das neue Kochbuch (€ 29,80,-). © beigestellt