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People | 21.04.2020

"Angst ist kein guter Ratgeber“

Pamela Rendi-Wagner. Die SPÖ-Chefin ist Spitzenmedizinerin. Ihr Spezialgebiet: die Epidemiologie. Sie war Österreichs oberste Krisenmanagerin beim Ausbruch von MERS und Ebola. Das Interview zur Corona-Krise.

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EXPERTIN. „Ich habe immer gesagt, dass die Maßnahmen, die schließlich gesetzt wurden, dringend notwendig waren, um die Geschwindigkeit der Ausbreitung zu dämpfen“, sagt die Epidemiologin Pamela Rendi-Wagner. ©Stefan Diesner

Fragt man in Österreich Medizi ner nach der Ansprechperson mit dem profundesten Wissen zur Corona-Krise, heißt es unisono: Sprich mit Rendi-Wagner, sie ist die Beste.“ Tatsache ist: SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, 48, kann auf eine eindrucksvolle Karriere als Medizinerin verweisen. Ihre Fachgebiete sind Tropenmedizin und Epidemiologie. Rendi Wagner, die in Wien, England, Frankreich und Israel studierte, ist habilitiert und Universitätsdozentin. 

2018 war sie Ministerin für Gesundheit und Frauen, davor sechs Jahre lang als Sektionschefin im Bundesministerium für Gesundheit tätig. Als Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit agierte sie als oberste Krisenmanagerin der Republik nach der Fukushima-Nuklearkatastrophe, beim Ausbruch von MERS, EHEC und Ebola. 

Bei der aktuellen Corona-Krise ist die Oppositionspolitikerin Rendi-Wagner allerdings in kein Krisenteam eingebunden. look! sprach mit der Expertin. 

look!: Für medizinische Laien sind Viren mysteriöse Gebilde. Bringen Sie bitte Licht ins Dunkel: Wie entstand das Coronavirus tatsächlich? 

Pamela Rendi-Wagner: Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ist eine Mutation. Coronaviren sind uns ja schon lange bekannt. Derartige Viren entstehen sehr oft im Fernen Osten wie eben China, wo Menschen sehr eng mit sehr vielen verschiedenen Tierarten auf engem Raum zusammenleben. Auf den dortigen Tiermärkten gibt es u. a. sehr viel Geflügel, Kaninchen, Schweine und Reptilien. Und auch Fledermäuse. Die Theorie ist ja, dass dieses neue Coronavirus durch Fledermäuse entstanden ist. 

Warum begünstigte das enge Zusammenleben von Menschen mit vielen verschiedenen Tierarten das Entstehen des neuen Coronavirus? 

Diese Viren brauchen den Übertragungskreislauf von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch. Diese häufige Zirkulation ist die ideale Voraussetzung dafür, dass sich Viren leicht verändern können, mutieren können. Und je näher Menschen und Tiere zusammenleben, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass neue Virustypen entstehen. Zoonosen sind also Infektionskrankheiten die, von Tier auf Mensch übertragbar sind. Das können eben Viren sein, wie zum Beispiel im aktuellen Fall die Coronaviren, das kann aber auch das Tollwutvirus sein, oder Bakterien wie die Salmonellen. 

Bei der in Europa üblichen Haustierhaltung ist das nicht möglich? 

Das ist sehr unwahrscheinlich, dazu braucht es andere Voraussetzungen als hier in Europa. 

Wann gab es die letzte Epidemie bzw. die letzte Pandemie? 

Die letzte Pandemie, die wir verzeichnet haben, war 2009 die Influenza. Bei Pandemien gibt es meistens ein neues Virus, dieses verbreitet sich mindestens über drei Kontinente. Epidemien erleben wir laufend, sie sind regional beschränkt. Fast jede saisonale Grippe ist eine Epidemie. 

2002 und 2003 gab es bereits eine Coronavirus-SARS-Pandemie. Warum waren die Auswirkungen nicht so dramatisch wie bei der aktuellen Pandemie? Wir wissen heute, dass im Jahr 2002 SARS weniger infektiös war als das aktuelle CoV-2.

Das Problem Coronavirus ist eben nichts Neues, Coronaviren gibt es schon sehr lang. Vor acht Jahren hatten wir mit MERS zu tun, auch ein Coronavirus, das seinen Ursprung auf der arabischen Halbinsel hatte. MERS war weniger ansteckend als das heutige Coronavirus. 

Warum ist SARS-CoV-2 gefährlich? 

Weil dieses Virus neu ist. Wir lernen jeden Tag dazu. Es gibt keine spezifische Therapie. Wir haben keine Impfung. Es gibt keine vorbestehende Immunität in der Bevölkerung, das heißt kein Mensch hat Antikörper gegen diese neue Infektionskrankheit. Das bedeutet medizinisch, dass wir alle dafür empfänglich sind. 

Was ist das Spezielle am neuen Co- ronavirus SARS-CoV-2? 

Coronaviren verursachen ebenso wie Influenzaviren (Grippeviren, Anm.) sogenannte respiratorische Erkrankungen, das sind Atemwegserkrankungen mit Fieber. Die Symptomatik ist sehr ähnlich, deshalb sind sie klinisch an den Symptomen sehr schwer bis gar nicht voneinander zu unterscheiden. 

Warum verläuft die Infektion mit SARS-CoV-2 bei jüngeren Menschen meist harmloser als bei älteren? 

Weil die Immunabwehr im Alter schwächer ist. Das ist bei sehr vielen Virusattacken so. Eine klare Risikogruppe sind deshalb Menschen über 65 und jene, die eine chronische Vorerkrankung oder eine Immunschwäche aufweisen. 

"WIR BRAUCHEN DEUTLICH MEHR TESTS. ERFAHRUNGEN AUS TAIWAN, SÜDKOREA UND VENETIEN ZEIGEN, DASS FLÄCHENDECKENDE TESTS VON KONTAKTPERSONEN ZUR EINDÄMMUNG VON CORONA BEITRAGEN."

Sie waren von 2011 bis 2017 Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit und damit die oberste Krisenmanagerin, als u. a. der Ausbruch von MERS und Ebola bewältigt werden musste. Was ist aus Ihrer Sicht in einer solchen Situation besonders wichtig? 

Bei einer Epidemie und beim Eindämmen einer Pandemie ist der Faktor Zeit immer entscheidend. Es muss ganz rasch gehandelt werden. Das wichtigste dabei ist eine gute und verständliche Kommunikation. Der Bevölkerung muss erklärt werden, worum es geht und wie sie sich schützen kann. Ebenso wichtig ist die Kommunikation nach innen: Alle betroffenen Personen und Institutionen, wie AmtsärztInnen, Einsatzkräfte und Spitäler müssen klare Richtlinien und Pläne für die verschiedensten Szenarien haben, nach denen sie handeln können. 

Die Strategie der Regierung ist es, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, damit nicht zu viele gleichzeitig erkranken und das Gesundheitssystem kollabiert. Ist diese Vorgangsweise Ihres Erachtens richtig? 

Die Maßnahmen, die gesetzt wurden, sind aus meiner Sicht notwendig, um die Geschwindigkeit der Ausbreitung zu dämpfen. Und damit zu verhindern, dass unsere Gesundheitssystem ans Limit kommt – so wie es in Italien und China war. Und das geht sehr schnell. Aktuell haben wir die größte Gesundheitskrise unserer jüngeren Geschichte und da müssen alle zusammen arbeiten. Regierung, die Opposition und die Bevölkerung. Nur zusammen werden wir das gut meistern. 

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DISTANZ HALTEN. Rendi-Wagner: „Es ist unerlässlich und sehr wichtig, dass wir unsere sozialen Kontakte auf ein absolutes Minimum reduzieren.“ ©Stefan Diesner

"AKTUELL HABEN WIR DIE GRÖSSTE GESUNDHEITSKRISE DER JÜNGEREN GESCHICHTE. ALLE MÜSSEN JETZT ZUSAMMENARBEITEN – REGIERUNG OPPOSITION UND BEVÖLKERUNG."

Was hielten Sie als Epidemiologin von der Strategie, auf die England anfangs gesetzt hat – eine Durchseuchung der gesamten britischen Bevölkerung: alle sollen sich so rasch wie möglich infizieren, damit dann alle immun sind? 

Das ist aus meiner Sicht, aus der Sicht einer Ärztin, ein völlig inakzeptabler Weg. Damit ist England ein großes Versuchslabor. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Menschen keine Versuchskaninchen sind. 

Welche Maßnahmen sind in Österreich abseits der Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen nötig, um die Corona-Krise zu bewältigen? 

Wir brauchen dringend Maßnahmen, um unser Gesundheitspersonal zu schützen, mit adäquater Schutzausrüstung und mit Schulungen. Denn das wichtigste ist, dass es bei unserem Gesundheitspersonal so wenig wie möglich Ausfälle gibt. Täglich erkranken immer mehr Ärzte oder sie müssen in Quarantäne. Deshalb muss der Fokus ganz klar auf dem Schutz des Gesundheitspersonals liegen – sonst können wir unser Gesundheitssystem nicht aufrecht erhalten. Da geht es ja nicht nur um Corona-Patienten, sondern auch um Patienten mit akutem Herzinfarkt, mit Schlaganfall, es geht um Geburten und um Unfälle. All diese betroffenen Menschen müssen weiterhin gut versorgt werden können. Und dazu brauchen wir Ärzte, Krankenschwestern und Pflegepersonal. 

Sind mehr Tests notwendig? 

Es braucht deutlich mehr Tests. Auch alle Kontaktpersonen von Infizierten sollen dringend flächendeckend getestet werden. Viele Menschen haben keine Symptome, sind aber infiziert und übertragen das Virus auf andere, ohne es zu wissen. Erfahrungen aus Taiwan, Südkorea und aus Venetien in Italien zeigen, dass flächendeckende Tests von Kontaktpersonen zur erfolgreichen Eindämmung von Corona beitragen. Die Ausweitung der Tests ist auch deshalb notwendig, weil wir eine aussagekräftige Datenlage brauchen. Wir müssen wissen, wie groß der Eisberg unter der Wasseroberfläche ist. 

Um die rasante Verbreitung des Virus einzudämmen, gibt es von der Regierung klare Richtlinien: man kann sich im Freien aufhalten, aber nicht mit mehreren Menschen am selben Ort. Tatsache ist aber, dass bei Schönwetter etwa die Donaukanal-Promenade überfüllt ist. Da gehen Menschen quasi Schulter an Schulter mit Fremden spazieren. Was sagen Sie diesen Menschen? 

Es ist unerlässlich und sehr wichtig, dass wir unsere sozialen Kontakte auf ein absolutes Minimum reduzieren. Nur so können wir verhindern, dass wir angesteckt werden bzw. dass wir das Virus weitergeben. Natürlich muss man rausgehen, um einzukaufen oder frische Luft zu schnappen, aber dann allein oder nur mit jenen, mit denen man zusammenlebt. 

Wie lange wird uns das Coronavirus SARS-CoV-2 noch beschäftigen? 

Auf jeden Fall einige Monate. Wenn nicht sogar länger. 

Unser Gesundheitssystem wurde oft kritisiert – auch von der ÖVP –, weil es teuer ist. 

Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme geschaffen. Jetzt macht sich dieses gute, stabile und solidarische Sys- tem bezahlt. Ich denke, mittlerweile weiß das jeder zu schätzen. 

Macht Ihnen das Virus Angst? 

Nein, ich glaube, es gilt die Pandemie ernst zu nehmen. Aber Panik und Angst sind nie gute Ratgeber. 

 

Anm. der Redaktion: Das Interview fand am 23. März statt.