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People | 30.07.2019

CATWALK-Star MIT 60+

Graue Haare, ein lebensfrohes Lachen und eine Ausstrahlung, die das Gegenüber regelrecht umhaut: Mit fast 65 Jahren stiehlt Gabriela Rickli-Gerster im Modelbusiness allen die Show. Wie zuletzt bei der Fashion Week für Vivienne Westwood in London.

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BESTFORM. Schon als junges Model defilierte Gabriela Rickli-Gerster für Labels wie Chanel und Dior über den Laufsteg. Jetzt, mit fast 65, ist die Vorarlbergerin wieder ein Star auf dem Catwalk. ©Mauricio Montani

Ein Sakko, ein T-Shirt und sonst nichts. Mit rotem Lippenstift, toupierten Haaren und nackten Beinen wurde Gabriela Rickli-Gerster von Vivienne Westwood über den Catwalk geschickt: „Nicht mal Strümpfe bekam ich! ‚It’s perfect, it’s you!‘, hieß es nur. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin im Oktober 65 und meine Haut auch. Hallo?!“, fragt Gabriela und lacht. Ihr Unbehagen steckte sie mit einem tiefen Atemzug weg und dachte: „What the fuck, wenn die mich toll finden, so wie ich bin, find ich das auch!“ Einen Vollprofi wie sie, der als junges Model schon für Dior und Chanel lief, bringt nichts so leicht aus der Fassung. Schließlich tanzte sie schon mit einem angeknacksten Zeh und einer gebrochenen Rippe auf dem Laufsteg im Hamburger Kempinski. Die Vorarlbergerin mit Wohnsitz in Vaduz ist gewohnt, abzuliefern, „ich mach meinen Job, zuverlässig und gut und damit basta!“ Dass sich die Öffentlichkeit für ihr Leben und ihren Beruf interessiert, verblüfft sie im ersten Moment: „Besonders in meinem Fall finden es Menschen speziell, dass eine Frau in dem Alter auf internationalen Laufstegen zu sehen ist.“

 

 

Philosophen.

Man glaubt es kaum, aber in der vermeintlich oberflächlichen Welt der „Modefuzzis“ hat Gabriela eine ganz andere Seite des Business kennengelernt. „Seit der Fashion Week in London im Februar habe ich vor diesem Beruf und der ganzen Modebranche einen tiefen Respekt bekommen.“ Hinter den Kulissen bekam sie die enorme Leistung der Heerscharen an Akteuren hautnah mit, die es braucht, bis eine Kollektion und Show umgesetzt sind.

Vivienne Westwood mit 78 Jahren und ihr Mann, der Tiroler Andreas Kronthaler, blieben etwa immer die Ruhe selbst, obwohl sie ständig belagert und mit Fragen bombardiert wurden. Die gelebte Ernsthaftigkeit, mit der die beiden die Mode für ihr Weltbild nutzen, hätte Gabriela nie vermutet.

Dass Designer meist auch die reinsten Philosophen sind, auch nicht. Denn die Westwood-Show brachte Themen unter dem Titel „Homo loquax“ – geschwätziger Mensch – vor den Vorhang, die in Zeiten von Fake News und Unwahrheiten über Umwelt und Finanzindustrie aktueller denn je sind. Es sind Themenbereiche, in denen sich die Tierschützerin besonders wiederfindet: „Umweltaktivisten und Schauspieler liefen in einer zur Eventhalle umgebauten Kirche über den Laufsteg und trugen dem Publikum Texte vor. Es war beeindruckend und ging unter die Haut. Dass sich das alles nämlich nicht ausgeht, wie wir heute leben und wie rücksichtslos wir mit unserer Umwelt und den Tieren umgehen, dürfte mittlerweile auch der Dümmste begriffen haben.“

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ENTSPANNT. Als Gabriela darauf verzich­tete, ihre Haare zu färben, wurde die Fashion-Industrie auf sie aufmerksam. ©Frederick Sams

Kickstart.

Geplant war das ganze Mode-Ding nicht wirklich. Gearbeitet hat Gabriela als junges Model zwar immer sehr erfolgreich, gab den Job aber zugunsten ihrer Eventagentur auf. Den Re-Start, fast zwei Jahrzehnte später, verdankte sie buchstäblich ihrem eigenen Kopf. Als alle anderen panisch versuchten, künstlich jung zu bleiben,  hörte sie auf, ihr Haar zu färben. Die grauen Haare wurden zu ihrem Markenzeichen, sogar junge Kerle drehten sich nach ihr um, am Flughafen wurde sie gefragt: „Can I touch your hair?“ 

Aber dieses optische Statement allein macht noch kein Best-Age-Model, das rund um den Globus gefragt ist. Es ist zum großen Teil ihre ansteckende positive Lebenseinstellung, die Gabriela weitergibt und vermittelt. Tauchen Probleme auf, gilt es, sie zu meistern und Lösungen zu finden. „Der schnellste Weg, um unglücklich zu werden, ist die Unzufriedenheit“, sagt sie. „Um zufrieden zu sein, sollte man achtsam mit sich umgehen, denn wenn nicht ich auf mich acht gebe, wer sonst?“ In manchen Lebensphasen war es nicht immer einfach, aber sie war nie der Typ Frau, der sich hinter einer nicht funktionierenden Ehe versteckte. Traurige, in ihrer Existenzangst gefangene Frauen hat sie gesehen, mit nichts als einer Kreditkarte des Mannes in den Händen und einem beachtlichen Alkoholproblem.

 

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Vivienne Vivienne Westwood schickte Gabriela Rickli-Gerster nur mit T-Shirt und Blazer auf den Laufsteg ©Vivienne Westwood

Authentisch.

Viermal hat Gabriela Rickli-Gerster geheiratet. Weil sie Mut zu Veränderungen hatte. „Es gab eine Zeit, da habe ich mich im Spiegel nicht mehr erkannt. Ich war verschwunden. Wenn Gott mich eines Tages fragt, wo ich meine Fröhlichkeit gelassen habe, die er mir gegeben hat, möchte ich nicht antworten müssen, dass ich sie mir nehmen habe lassen, von jemandem, der darauf herumtrampelt.“ 

Erfahrungen sind wichtig, „sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin“, sagt sie. Nämlich stark und selbstbewusst und seit 15 Jahren glücklich angekommen mit Ehegatte Nummer vier. Einem Mann mit Humor und Selbstsicherheit. 

Sich nicht zu verstellen, um Everybody’s Darling zu sein, ist im Modelbiz eine Leistung. Erreicht hat Gabriela das unter anderem mit Authentizität, guten Genen, fast veganer Ernährung und Yoga. Ein Erfolgsrezept, das ohne Botox auskommt.

 

"Die meisten hören viel zu früh auf, an ihre Träume zu glauben."

- Gabriela Ricki-Gerster

 

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VORBILD. Für ihre Gesundheit ernährt sich das 60+-Model fast vegan, außerdem setzt Gabriela auf viel Bewegung ©Frederick Sams

Das Glück wählen.

Dass sich Frauen in ihrem Alter mit ihr identifizieren können, freut Gabriela Rickli-Gerster besonders. Auch dass manche Kunden sagen, dass ihr Umsatz um 25 Prozent gestiegen ist, seit sie mit ihr arbeiten, ist ein großes Kompliment. Es bedeutet, dass Frauen – die bekanntlich besonders kritisch sind – Gabriela mögen. „Es freut mich auch für alle älteren Menschen, denn die Werbung hat uns 50 +, 60 +, geschweige denn 70 + lange genug nicht wahrgenommen und eingesetzt. Der Wandel der vergangenen Jahre ist ein Segen, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.“ 

Dass die Auswahl an Frauen ihres Alters auf den Laufstegen dieser Welt immer noch überschaubar ist, liegt wohl daran, dass die meisten Menschen mit 64 + bereits gesundheitliche Beschwerden haben. „Es zwickt hier und dort, Osteoporose, Arthritis oder Rheuma nagen am Gerüst und das geht in diesem Beruf überhaupt nicht“, sagt sie. „Ich bin sehr dankbar, dass ich das körperlich noch so schaffe.“ 

Doch dahinter steckt eiserne Disziplin – fast vegane Ernährung, kein Alkohol, wenig Mehl und Zucker, dafür umso mehr Bewegung. Glücklicherweise macht Gabriela Rickli-Gerster Disziplin richtig Spaß. Überhaupt ist für sie Spaß an der Sache das Um und Auf im Leben: „In unseren Breitengraden kann man wählen: Glück oder Jammern. Ich bin überzeugt: Das, was wir mit unseren Gedanken säen, ernten wir auch. Die meisten Menschen hören viel zu früh auf, an ihre Träume zu glauben. Oder noch schlimmer – sie lassen sie sich ausreden. Wer nichts wagt, hat schon verloren, und wer sich etwas traut, gewinnt vielleicht ...“