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People | 15.02.2021

„Corona darf keine Krise der Frauen werden“

Kathrin Gaál ist Wiener Frauen- und Wohnbaustadträtin und Vizebürgermeisterin. Die Vollblutpolitikerin im Interview über Maßnahmen, die sie in ihren Ressorts gegen die Coronakrise setzt.

Bild (c)www.stefanjoham.com_print-1000247.jpg
Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál © Stefan Joham

 

Herzlich und pointiert beim kurzen Gespräch auf Distanz mit einem Rathausbesucher, der sie trotz Maske auf dem Weg zu ihrem Büro erkennt, resolut und durchsetzungsstark, wenn‘s um Belange geht, die das Leben der WienerInnen verbessern. Stadträtin Kathrin Gaál hat viele Facetten. Vor allem ist die Vollblutpolitikerin authentisch, klar in ihren Ansagen und stark bei der Umsetzung.

Seit wenigen Monaten hat die 45-jährige Frauen- und Wohnbaustadträtin ein weiteres Amt inne: In der ersten rot-pinken Stadtregierung ist die SPÖ-Politikerin Vizebürgermeisterin. Die Coronakrise stellt auch Wien vor große Herausforderungen. Gaál, die selbst im Frühjahr 2020 an einer CoV-2-Infektion erkrankte, widmet sich in ihren Ressorts Frauen und Wohnbau intensiv aktuell brennenden Themen: Chancengleichheit für Frauen und Mädchen, kein Rückfall in alte Rollenklischees durch die Coronakrise sowie leistbarer Wohnraum.

 


Das Interview.


look!: Was sind für Sie als Vizebürgermeisterin die wichtigsten Themen der kommenden Jahre?

Kathrin Gaál: In meinem Bereich zählt es sicher zu den wichtigsten Aufgaben, dass es in Wien genug Wohnungen für alle Wienerinnen und Wiener gibt und dass die Mieten möglichst leistbar bleiben. Und ich setze mich mit viel Leidenschaft
dafür ein, dass Mädchen und Frauen in Wien die gleichen Chancen und Rechte haben wie Buben und Männer. Grundsätzlich liegen mir alle Projekte ganz besonders am Herzen, mit denen wir unser Angebot noch besser an die konkreten Bedürfnisse der Wienerinnen und Wiener anpassen können. Und ich möchte auch weiterhin meine beiden
Zuständigkeiten, Frauen und Wohnen, bewusst miteinander verbinden.

Wie wirkt sich Corona auf Ihr Aufgabengebiet aus?

Die Coronakrise hat uns in den vergangenen Monaten noch einmal deutlicher als sonst gezeigt, wie wichtig leistbarer
und lebenswerter Wohnraum ist. Hier möchte ich die Wienerinnen und Wiener noch besser unterstützen. Sei es mit dem Bau von neuen und geförderten Wohnungen, einer großen Sanierungsoffensive oder einem Vergabesystem am
Puls der Zeit. Leider hat Corona aber auch dazu geführt, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung noch mehr als in normalen Zeiten an den Frauen hängen bleibt. Viele Frauen sind enormen Belastungen ausgesetzt. Hier ist es meine Aufgabe, darauf zu achten, dass Corona nicht zu einer Krise der Frauen wird.

Wie zeichnet sich dabei Ihre Zusammenarbeit mit Bürgermeister Dr. Michael Ludwig aus?

Ich würde sagen, wir sind in der Wiener Stadtregierung ein sehr gutes, vielseitiges Team, in dem das Miteinander wirklich
gelebt wird und das von unserem Bürgermeister souverän angeführt wird. Die Bundesregierung steht bei der Bewältigung der Corona-Pandemie immer stärker in der Kritik. Inwieweit kann die Wiener Stadtregierung diesbezüglich etwas besser machen? Ich bin davon überzeugt, dass nun in der Coronakrise nicht die Zeit des Gegeneinanders
ist, sondern dass einfach jeder ein seinem Zuständigkeitsbereich konstruktiv arbeiten soll und muss. Die Menschen
erwarten sich zu Recht konstruktive Lösungen und haben das Hickhack satt.

Erscheint Ihnen als Vizebürgermeisterin ein weiterer Lockdown überhaupt noch sinnvoll, wenn man an die Folgen für die Menschen denkt?

Ich sehe leider klar, dass der sehr weitreichende Verzicht auf soziale Kontakte für viele Menschen immer schwieriger zu
bewältigen ist und dass es großen ökonomischen Schaden gibt. Aber über die konkreten Maßnahmen müssen die entsprechenden Experten und die konkret Zuständigen urteilen.

Wien gilt weltweit als Vorzeigestadt in Bezug auf den geförderten Wohnbau. Inwieweit hilft das gegen die Auswirkungen der Coronakrise?

Im geförderten Wohnbau, wo mehr als 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener leben, hat die Stadt die Wohnsituation
sehr gut im Griff. Wir haben während der Corona-Ausnahmesituation vor allem gesehen, wie wichtig es ist, dass die Stadt ihre Hand schützend über den Wohnungsmarkt hält und regulierend eingreifen kann. Sei es etwa in Form einer
Mietstundung oder mit einem Delogierungsstopp für Corona-Betroffene. Im privaten Bereich gibt es aber natürlich
Herausforderungen. Die Bundesregierung muss hier dringend handeln, es braucht eine Reform des Mietrechts.

 

"Es muss genug Wohnungen für alle geben
und die Mieten müssen leistbar bleiben."

 

Von der Coronakrise sind vor allem Frauen betroffen. Wie können sie unterstützt werden?

Ja, in den vergangenen Monaten haben wir leider tatsächlich gesehen: Die Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung traf und trifft Frauen stärker als Männer. Zusätzlich haben viele Frauen Angst um ihren Job. Klar ist für mich: Die Coronakrise darf nicht zu einer Krise der Frauen werden. Daher bauen wir etwa die Zusammenarbeit mit dem „Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds“ weiter aus. Das Budget für die Frauenförderung wurde hier 2021 um 1,3 Millionen auf insgesamt zehn Millionen Euro aufgestockt. Das heißt: Es gibt mehr Budget für Weiterbildung, bei beruflicher Veränderung und beim Wiedereinstieg, etwa nach der Babypause.

Sie sind im Frühjahr 2020 an einer Infektion mit dem Corona-Virus erkrankt. Wie geht es Ihnen heute – alles gut überstanden oder laborieren Sie an Spätfolgen?

Zum Glück ist mittlerweile auch mein Geruchs- und Geschmackssinn weitgehend zurückgekehrt. Ich bin für meinen milden Verlauf sehr dankbar.

Was haben Sie ganz persönlich vom Coronajahr 2020 gelernt?

Mir wurde noch klarer, dass es im Leben keine Selbstverständlichkeiten gibt und dass die Gesundheit das höchste Gut
ist, das wir besitzen.