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People | 29.04.2021

Das Leben ist ein Traum

Außergewöhnlich. Topsy Küppers begeistert nicht nur mit ihrer Vitalität und Vielseitigkeit, sondern ebenso mit „Nix wie Zores!“, ihrem neuen Buch. Im August wird sie zudem 90.

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INSPIRIEREND. Topsy Küppers – Buchautorin, Sängerin, Schauspielerin, Regisseurin und ehemalige Theaterdirektorin. © Lukas Beck

Ich liebe pünktliche Menschen!“, ruft Topsy Küppers gleich beim 􏰄öffnen der Tür zu ihrem eleganten Appartement in einer Wiener Senioren-Residenz. Seit mehr als sieben Jahren lebt sie hier, anfangs noch mit ihrem Lebensmenschen und zweiten Ehemann Karlheinz „Carlos“ Springer. Sogar einen Teil ihrer Möbel – nebst sehr vielen Büchern, Bildern und anderen Erinnerungsstücken – konnten sie mitnehmen. In der kleinen, aber sehr feinen Bibliothek, wo wir mit zwei Metern Abstand Platz nehmen, steht auf einem Regal in der Ecke auch seine Urne samt kleiner Kerze. Er sei immer bei ihr und wenn sie selbst einmal gehe, dann möchte sie ihre Asche bei seiner wissen. „Meine Tochter soll danach entscheiden, was damit passiert“, sagt die 89-jährige Künstlerin, die übrigens bereits gegen Corona geimpft ist, sich aber dennoch strikt an alle Vorsichtsmaßnahmen hält. Vor allem den anderen zuliebe.

Lebensbejahend bleiben. Trotz aller Schicksalsschläge – ihr Mann starb 2013 an Blasenkrebs, sie selbst erkrankte im selben Jahr an Darmkrebs – ist Topsy Küppers eine unverbesserliche Optimistin geblieben. Immer mit dem Blick nach vorne. Lächelnd, nie wehklagend. Den Lockdown nützte Küppers, um ihr neues Buch „Nix wie Zores!“ zu schreiben. Mit feinem jüdischen Humor erzählt die ehemalige Theaterdirektorin der „Freie Bühne Wieden“ Geschichten aus aller Welt, verrät ein Rezept ihrer Großmutter – ein Sud aus Knoblauch und Zitronen, der als Jungbrunnen gilt – und berichtet von persönlichen Erfahrungen. 􏰅

Nun hofft sie, bald wieder auf Lesetournee nach Deutschland fahren zu dürfen. Selbst, versteht sich, denn sie genießt es, hinter dem Lenkrad zu sitzen. Dass sie geistig und körperlich beweglich bleibt, ist ihr wichtig. Daher macht sie seit fünf Jahrzehnten jeden Morgen für etliche Minuten einen Kopfstand und geht zwei Stunden täglich spazieren. Bei jedem Wetter.

ZWEI EHEN. Mit Georg Kreisler, der auch Vater ihrer Kinder ist (o.)... Und mit Lebensmensch Carlos Springer. Das Paar war 38 Jahre zusammen. © picturedesk

look!: Wie geht es Ihnen?

Topsy Küppers: Ich darf das gar nicht laut sagen, aber es ist mir noch nie so gut gegangen wie jetzt ... Die meisten Leute jammern ja dauernd – über Corona oder dieses und jenes. Selbst die 60-Jährigen jammern schon. Ich habe zum Glück keine Beschwerden und ich bin zufrieden und dankbar.

Keine Angst vor Corona?

Nein, da müssen wir jetzt alle durch, es macht keinen Sinn auszuscheren. Ich halte mich auch sehr an alle Maßnahmen, lebe zurückgezogen und treffe kaum Menschen. Zudem habe ich wesentlich Schlimmeres miterlebt, den Zweiten Weltkrieg nämlich.

Sie bezeichnen sich selbst in Ihrem Buch als unbelehrbare Optimistin. Waren Sie das bereits in jungen Jahren?

Ja, sonst hätte ich nicht alles dermaßen gut gemeistert, denn ich habe mir einen herzzerreißenden Job ausgesucht. Als freischaffende K􏰃ünstlerin, in keinem Ensemble tätig, dann ein eigenes Theater und noch dazu in Wien (lacht). Wissen Sie, ich bin Berlin gewöhnt. Dort sagt man „Ja“ oder „Nein“ und „So machen wir das“. Hier heißt es „Jein, schauen wir mal“. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Aber Sie leiteten 25 Jahre ein Theater in Wien. Entwickelt sich da nicht eine enge Bindung?
Nicht so sehr, denn wir hatten viele Bühnenpartnerschaften, von Petersburg bis Tel Aviv, und daher war ich sehr viel auf Reisen. Wenn ein Ensemble aus Moskau bei uns gastierte, dann konnte ich wiederum bei denen spielen. Und ich liebe es, zu reisen.

 

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STRAHLEND. Seit ihrer Krebserkrankung 2013 macht sie nur noch, was ihr Spaß macht. Jeden Tag startet sie mit Kopfstand, einem Lächeln und einem Danke. Mittags schwört sie auf ein Schläfchen. © Lukas Beck

Das Buch haben Sie Ihrer Tochter Sandra Kreisler gewidmet. Es gab aber auch schwierige
Phasen mit ihr?
Ja, da war Feuer auf dem Dach, aber das haben wir durchgestanden. Jetzt sage ich: „Töchter haben immer recht.“ Wir planen sogar ein gemeinsames Programm, bisher haben wir es leider nicht geschafft.

Und Ihr Sohn Sascha?

Zu ihm habe ich keinen Kontakt. Er war bei der Scheidung so verletzt und enttäuscht, dass er weder Vater noch Mutter an sich heranließ. Er lebt jetzt in Australien, wechselt die Frauen und die Länder. Aber es ist in Ordnung, so wie es ist.

Sie besitzen die Gabe, zu vergeben?

Ich glaube schon, oder vielleicht ist es ein Beiseiteschieben. Ich würde nicht sagen, dass es mir nicht wehtut, denn es tut weh. Aber ich habe zwei Schubladen, die unterste ist voll mit schlechten Erfahrungen und fest verschlossen, und die oberste ist gefüllt mit schönen Erinnerungen, und die öffne ich manchmal und krame darin herum (schmunzelt).

 

WOW. Küppers mit roter Mähne (o.). Die witzige Postkarte „Willkommen im Club der alten Schachteln!“ klebt an ihrer Wohnungstür (u.). © picturedesk

 

 

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Auf der Bühne trage ich nur High Heels.

- Topsy Küppers

 

Sie schreiben im Buch von Ihrer kleinen Kammer im Herzen, in der Sie Glücksmomente aufbewahren. Welche zum Beispiel?

Vor kurzem zog ein Herr, den ich nicht kannte, den Hut, als er an mir vorüberging. Das war ein Aha-Erlebnis, das glücklich machte. Viel Zeit in der Natur zu verbringen und einen Graureiher zu erblicken, bedeutet ebenso Glück. Letztendlich sind es die Kleinigkeiten, die das Leben ausmachen.

Und auf Ihr bewegtes Leben zurückzublicken, erfüllt Sie nicht mit Glück? Doch, und es macht glücklich, derart vieles gelernt zu haben – und auch den Mut zu besitzen, „Nein“ zu sagen.

Hatten Sie Probleme mit dem Älterwerden? Je über Beauty-OPs nachgedacht?

Nein, nie! Und alle wunderbaren Frauen, 􏰆von D􏰇orothea N􏰅eff bis T􏰀herese 􏰈Giehse, die ich kannte, haben sich nie um ihre Falten gekümmert. Meine Freundin Margot Mendelsohn, die in der Emigration für Bertolt Brecht die Übersetzungen machte, weil sein Englisch miserabel war, sagte mir vor sehr, sehr vielen Jahren: „Man kann nicht früh genug anfangen, Altwerden zu üben.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen – und geübt. Aber man muss was dafür tun, um beweglich zu bleiben. Geistig wie körperlich.

Planen Sie zum 90er am 17. August ein großes Fest?

Nein, ich tue das, was mir am liebsten ist: Ich stehe auf der Bühne im Theater am Spittelberg mit lustigem Programm.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag? Dass ich jeden Morgen aufstehen und Danke sagen kann.


SEHR LESENSWERT.

Topsy Küppers’ neues Buch „Nix wie Zores! Jüdisches Leben und Lieben“ ist amüsant und tiefsinnig gleichermaßen. Wunderbare Geschichten aus einem erfüllten Leben mit großartigen Begegnungen und weisen Einsichten.

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© beigestellt