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People | 17.10.2022

Dem Krebs ein Lächeln entgegenhalten

Unterleibskrebs kann jede Frau treffen – manche in sehr jungen Jahren, manche, wenn sie älter sind. Was unsere Mutmacherinnen eint, sind der Lebenswille, die Lebensfreude und die Entschlossenheit, der Erkrankung mit einem Lächeln gegenüberzutreten. Auch wenn es oft schwer ist.

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STÄRKE ZEIGEN. Doris Kiefhaber (3. v. l., GF Österreichische Krebshilfe), Paul Sevelda (4. v. l., Präsident der Österreichischen Krebshilfe), Sabine Hauswirth (5. v. l., Fotografin) und Christoph Grimm (3. v. r., Präsident der Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie der OEGGG) mit den Kämpferinnen des MUTMACHERINNEN-Buches. © Sabine Hauswirth

Noch vor 20 Jahren wäre ein Buch wie dieses unmöglich gewesen. Krebs war ein ab­solutes Tabuthema, kaum jemand sprach öffentlich darüber. Menschen wie Sabine Ober­hauser oder Barbara Prammer haben durch ihren offenen Umgang viel zur Enttabuisierung beigetragen. Der Schritt in die Öffentlichkeit sollte dennoch immer gut überlegt sein und ist eine individuelle Entscheidung.

Mut zum Leben. Die zwölf Frauen in dem MUTMACHERINNEN­-Buch haben sich dazu entschlossen und wollen mit ihren Erfahrungen anderen, die viel­leicht gerade eine schwere Zeit durch­ leben, MUT MACHEN. Ihre Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein – und doch haben sie sehr viel gemeinsam: Die Diagnose traf wie ein Blitz. Für einen Moment, der sich anfühlte wie eine Ewig­keit, stand die Zeit still. Sie hörten nicht mehr, was der Arzt oder die Ärztin sagte – zu groß war der Schock. Die Frauen wurden der Unbeschwertheit des Lebens beraubt und müssen seither mit einer Hochschaubahn an Gefühlen umgehen (lernen). Und dennoch schafften sie es, im „Krebsalltag“ nicht verloren zu gehen – SICH nicht zu verlieren. Auch wenn man­che Tage, Wochen, Monate, auch Jahre alles abverlangten – und einigen noch immer abverlangen. Sie suchten sich Ziele, nahe und ferne, um die Hoffnung nicht zu verlieren, und ließen nicht zu, dass das Bedrohliche die Lebensfreude raubt.

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© Sabine Hauswirth

INITIATORINNEN.

Doris Kiefhaber (l., GF Österreichische Krebshilfe) und Sabine Hauswirth (Fotografin) hat es sehr berührt, die einzelnen Geschichten der Frauen erzählt zu bekommen und deren Stärke in Wort und Bild zeigen zu dürfen. "MUTMACHERINNEN - Dem Krebs ein Lächeln entgegensetzen"echomedia Buchverlag, 144 Seiten, € 24,90.

 

Die Geschichten der Mutmacherinnen:

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Anna Maria

Es war der 16. Dezember 2020. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Das Ergebnis der Untersuchung: hochgradiges Bauchwasser. Man riet mir eindringlich, sofort meine Gynäkologin zu kontaktieren – JETZT. Das tat ich natürlich und fuhr zu ihr. Sie machte nochmals einen Ultraschall, und die Diagnose war niederschmetternd: Sie sah einen großen Tumor und schickte mich sofort ins Krankenhaus. Ich wollte verhandeln und erst am nächsten Tag ins Spital gehen, aber sie bat mich, es jetzt gleich zu machen. Dort dann der nächste Hammer: weit fortgeschrittener Bauchfellkrebs. [...] Gleich am Tag nach meiner Diagnose bat mich mein Lebensgefährte, ihn zu heiraten. Diese Geste meines Mannes trage ich tief in mir. Er lief nicht davon – wie leider viele andere –, sondern er stand zu mir und unserer Liebe. Wir heirateten am 22. Dezember – zwischen den Arztterminen. [...] 

Im Moment geht es mir leider nicht so gut. Die Schmerzen werden wieder mehr und wir bemühen uns gerade wieder, die richtige Dosierung von Schmerzmitteln zu finden. Meine Krebserkrankung schreitet leider voran trotz laufender Chemotherapie. Natürlich ist die Krankheit jeden Tag präsent durch die körperlichen Beschwerden und die Angst – die immer wieder einmal kommt, aber auch wieder in den Hintergrund treten kann. Ich denke
an die Endlichkeit meines Lebens und frage mich, wie lange ich noch „habe“. Ich vermisse meine Aktivität und meine unbeschwerte Leichtigkeit – und gerade deshalb ist mir wichtig, bessere Tage gut zu nützen, das Hier und Jetzt zu genießen. [...] Mein Lebenswille ist nach wie vor ungebrochen und mein nächstes großes Ziel
ist, meine Enkelkinder noch zu erleben.

© Sabine Hauswirth

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Christa

Meine erste Krebsdiagnose erhielt ich 1996 im Alter von 39 Jahren: Gebärmutterhalskrebs. [...] Ich fragte mich – und meinen Mann –, ob ich keine „richtige Frau“ mehr wäre, wenn ich der Entfernung der Gebärmutter zustimmen würde. Mein Mann reagierte, ohne zu zögern: „Die Hauptsache ist doch, dass du gesund wirst“, sagte er. „Und natürlich bist du dann noch eine Frau!“ [...] Es vergingen viele Jahre und für mich war das Thema Krebs eigentlich abgeschlossen. 2003 spürte ich Schmerzen in der linken Brust. Ich war sicher, dass es ein Muskelkater ist. Meine Hausärztin meinte aber, dass ich das abklären lassen muss, und schickte mich schleunigst zur Mammografie. Nach der Mammografie nahm der Chef des Institutes meine Hand und sagte mit ernster Miene: „Es tut mir sehr leid, es ist Krebs. Brustkrebs. Zwei Tumore auf einer Stelle in der linken Brust. Bitte vereinbaren Sie rasch einen Termin mit Ihrem Gynäkologen.“ Da bleibt einem schon die Luft weg. Ich hatte Glück und bekam für den nächsten Tag einen Termin. Schon einen Tag später wurde ich operiert. Als ich wach wurde, schaute ich gleich nach, ob meine Brust noch da war. War sie. Und darüber freute ich mich sehr. [...]

2015 wurden bei einer Kontrolluntersuchung in der rechten Brust zwei Tumore, in der linken Brust einer und je einer auf den Eierstöcken gefunden. Wieder Operation, beide Brüste und beide Eierstöcke wurden entfernt und von einem Tag auf den anderen war ich im Wechsel. [...] Ich möchte anderen Betroffenen gerne vermitteln, dass das Schicksal oft wirklich grausam zuschlägt, aber man immer noch – und immer wieder – Gründe findet, um das Leben so gut wie möglich zu genießen. Bis heute sehe ich das Glas halb voll und nicht halb leer - so ist jeden Tag in der Früh, wenn ich aufwache, mein erster Gedanke: Jö, ich bin noch da.

© Sabine Hauswirth

 

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Daniela

Als ich den MRT-Befund las, stockte mir der Atem: Verdacht auf Ovarialkarzinom. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Ich stand unter Schock. Zu Hause angekommen, überwältigten mich die Gefühle – und die Angst. Und dann rannen die Tränen. „Okay, die zehn Minuten heulendes Elend hast du dir jetzt ‚gegönnt‘, aber wenn dir das Leben etwas zu ‚lösen‘ gibt, dann löse es.“ [...] 
Der für den 14. Februar geplante Termin zur gynäkologischen Routinekontrolle war zu einer 4,5 Stunden langen Radikaloperation geworden und zur Diagnose Eierstockkrebs. Mein Gynäkologe eröffnete mir, dass der Krebs leider schon gestreut hatte und er die Gebärmutter, Eileiter, ein Stück Darm, die äußerste Blasenhaut, Bauchfell/Bauchnetz entfernt hat. Aber es gab auch eine gute Nachricht, nämlich „R0“ (Anm.: „R0“ bedeutet, dass nach der ausgedehnten Operation kein Resttumor mehr sichtbar ist). [...]
Es gab also eine schlechte Nachricht (Metastasierung), aber auch eine gute (kein Resttumor sichtbar nach der Operation). Ich entschloss mich, die gute Nachricht aufzusaugen, mich daran aufzurichten, mich nicht gehen zu lassen und alles zu tun, um so rasch wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. [...] Am 1. Juli 2022 bekam ich meine letzte Erhaltungstherapiegabe. Ich versuche, nicht daran zu denken, ob der Krebs zurückkommt. Ich glaube, dass die Krebserkrankung der Startpunkt einer Reise zu mir selbst war.

© Sabine Hauswirth

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Eva-Maria

Eine Krebserkrankung ist – egal, wie alt man ist – eine sehr große Belastung, ein Schock und ein gravierender Einschnitt im Leben jedes Menschen. Aber ich empfand es als besondere Belastung, wenn man überall, wohin man schaut, nur „ältere“ Patientinnen sieht. Auch meine Oma war – in meinen Augen als damals 17-Jährige – schon „alt“, als sie an Krebs erkrankte. Für mich war daher Krebs eine Erkrankung, die mich jetzt – mit 30 Jahren – nicht treffen kann. Aber es kam anders. Ich wollte mich von Anfang an mit anderen Betroffenen austauschen, wenn möglich auch mit Frauen in meinem Alter. Meine Strahlenärztin empfahl mir, eine onkologische Rehabilitation zu machen. Es tat mir sehr gut, mich mit anderen auszutauschen – auf Augenhöhe. [...]

Ich habe auch viel aus der Erkrankung gelernt. Ich stelle meine persönlichen Bedürfnisse nicht mehr in den Hintergrund und ich vertraue meinem Körper – er hatte mir früh signalisiert, dass „etwas“ nicht stimmt. Dadurch konnte ich rechtzeitig reagieren und zum Arzt gehen und hartnäckig „dranbleiben“. Meine Oma hatte damals auch „gespürt“, dass etwas nicht in Ordnung war, wurde aber leider „weggeschickt“. [...] Hört auf euren Körper! Auch wenn es heißt: „Da ist nichts.“ Ihr aber spürt, dass etwas nicht stimmt: Bleibt die Kapitänin eurer Gesundheit!

© Sabine Hauswirth

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Gertraud

Vor meiner Diagnose (Anm.: im Jahr 1989) hatte ich eigentlich nicht daran gedacht, dass mich Krebs treffen könnte – schon gar nicht Unterleibskrebs!Daher war die Diagnose wirklich ein großer Schock.
Und obwohl ich zumeist versuchte, das Beste daraus zu machen, hatte ich immer wieder Phasen der Angst, ich hätte ein Rezidiv. [...]
Rückblickend muss ich sagen, dass die Krebsdiagnose für mich weniger schlimm war als die Tatsache, keine Kinder kriegen zu können. Heute ist das alles viel einfacher; daher sollte sich jede Frau, die noch einen Kinderwunsch hat, vor der Krebstherapie über die Möglichkeit einer Kryokonservierung (Anm.: Die Kryokonservierung ist ein spezielles Verfahren, durch das man Eizellen, Spermien und Gewebe wie Hodengewebe, Eierstockgewebe über lange Zeiträume für eine spätere Verwendung aufbewahren kann) und andere Möglichkeiten zur Erfüllung des Kinderwunsches informieren. Vor 34 Jahren gab es dies noch nicht; heute würde ich es – egal, ob ich gerade einen Partner habe oder nicht – auf jeden Fall machen! [...]

Ein ganz besonderes Anliegen ist mir, auf die HPV-Impfung hinzu-weisen. Hätte es diese Impfung in meiner Jugend schon gegeben, wäre mir die Krebserkrankung erspart geblieben und ich hätte heute wahrscheinlich erwachsene Kinder und vielleicht auch Enkelkinder!

© Sabine Hauswirth

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Lisa

Diagnose Brustkrebs: Ich hatte eben erst einen langen Lebensabschnitt in München beendet und freute mich auf einen Neustart in Wien (Anm.: im Jahr 2012). Aber so hatte ich mir mein neues Leben nicht vorgestellt. [...] Nach Abschluss der 25 Bestrahlungen erhielt ich eine Antihormontherapie, die mir ziemliche Probleme machte. Vor allem litt ich an den als Nebenwirkung bekannten Stimmungsschwankungen, besonders an dem Gefühl, „zu Tode betrübt“ zu sein – so etwas kannte ich bis dato überhaupt nicht und es belastete mich. Aber es half alles nichts, ich hielt die fünf Jahre Therapie durch und dachte mir dann: „Juchu, das war’s!“ [...] 2018 fing ich mit dem Salsa-Tanzen an. Zuvor war ich gefühlte 100 Mal an dem Lokal vorbeigegangen, bis ich eines Tages fragte, ob ich auch ohne Partner kommen könnte. „Klar!“, hieß es. Es machte mir großen Spaß und ich spürte, wie die Lebensfreude wieder zurückkam. Abgesehen von der Freude am Tanzen war auch meine Kondition wieder top. Eines Tages bemerkte ich, dass mein Bauch aufgebläht war. Ich wunderte mich, weil ich doch viel Bewegung machte und wenig aß. Mein Arzt schickte mich zur Ultraschalluntersuchung. Das Ergebnis erhielt ich an einem Feiertag: sieben Liter Bauchwasser, Eierstockkrebs FIGO 3. Mir zog es die Füße weg. [...] Das Schwierigste war, meine Kinder über die Diagnose zu informieren. Als Mutter wollte ich sie natürlich schonen, ihnen keine Sorgen bereiten – ihnen aber auch nichts verheimlichen.

Durch die zweimalige Krebserkrankung habe ich gelernt, darauf zu hören, was mir guttut – und was nicht. Menschen, die mir nicht nahe und mit pseudobesorgten Stimmen nur an Details interessiert sind, lasse ich nicht mehr an mich ran. Aber die Nähe, Liebe und Dankbarkeit zu Menschen, die mir ganz nahe sind, spreche ich jeden Tag aus.

© Sabine Hauswirth

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Marianne

Bei mir hat alles 2009 angefangen, ich war damals 64 Jahre alt. Im Rahmen einer gynäkologischen Untersuchung wurde auf einem Eierstock ein Tumor im Stadium FIGO 1 erkannt, also sehr früh. Es folgte eine Totaloperation. Leider bekam ich nach der Operation keine Chemotherapie, ich verstehe bis heute nicht, warum sie mir nicht angeboten wurde. 19 Monate später, im Dezember 2010, ging ich zur Kontrolle und hatte unter anderem eine Ultraschalluntersuchung. Dann der Schock: eine 5 cm lange Metastase am Darm. Es folgte eine neunstündige Operation, und als ich aufwachte, teilte man mir mit, dass ich einen künstlichen Darmausgang habe. Das war der nächste Schock. [...] Ich ging mit meiner Erkrankung und dem Haarverlust sehr offen um. Mir war das immer egal. Arg fand ich, dass es echt Leute gab, die Angst vor Ansteckung mit Krebs hatten. Ich hasste auch so typische Phrasen wie: „Ich bin stolz auf dich“ oder „Du tust mir leid“. Meine Glatze ließ ich mir gleich rasieren, als mir die ersten Haare ausgingen. Ich schmückte sie mit Tattoos zum Aufkleben. Die Ärzte im Spital schmunzelten, die Krankenschwestern waren begeistert. [...] Ich habe – als die 5-cm-Metastase am Darm gefunden wurde – in Rücksprache mit meinem Anwalt und einer Ärztin sofort das Spital geklagt. Ich war wirklich wütend, weil man mir damals – bei der Erstdiagnose – keine Chemotherapie angeboten hatte. FIGO 1 wäre gut behandelbar gewesen. [...] 2011 gründete ich gemeinsam mit einem Arzt und seiner Frau die Facebook-Gruppe „ovarcome“, weil es damals in Österreich noch nichts Ähnliches gab und ich durch Gespräche mit anderen bemerkte, dass sie viele Fragen und Sorgen haben. Ich wollte helfen. Aber es war anstrengend, jeden Tag ganz allein Fragen zu beantworten und zu informieren. Daher schloss ich die Gruppe und eröffnete gemeinsam mit der Österreichischen Krebshilfe die neue Gruppe „Unterleibskrebs Österreich“.

© Sabine Hauswirth

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Marion

Am 24. Oktober 2017 – diesen Tag werde ich nie vergessen – läutete mein Telefon. Ich sah die Nummer des Krankenhauses am Display und mein Herz begann zu rasen. Der Abteilungsleiter der Gynäkologie meinte, dass ich kommen solle, um den Befund zu besprechen. „Habe ich Krebs?“, fragte ich ihn. Er durfte mir aber am Telefon nichts sagen. Aber ich war sicher: Ich HABE Krebs. Ich stand wie erstarrt da und wiederholte es immer wieder: „Ich habe Krebs. Ich habe Krebs ...“ Ich stand total unter Schock. [...] Mein Mann versuchte alles, um mich in der Zeit bis zur Operation abzulenken, und schlug eine Shopping-Tour vor. Ich stimmte zu, kaufte auch ein, aber ich war mit den Gedanken ganz woanders. Was, wenn der Krebs schon fortgeschritten ist? Was passiert mit den Kindern, wenn ich sterbe? Als wir heimkamen, stellte ich das Sackerl hin und packte es nicht einmal aus – so sicher war ich, dass ich meinen Einkauf nicht mehr „brauchen“ würde. In dieser Zeit machte ich auch mein Testament, damit meine Wünsche hinsichtlich der Zukunft der Kinder festgehalten werden. [...]

Nach der Operation bestätigte mir der Arzt, dass die Lymphknoten nicht befallen sind und es „nicht schlecht ausschauen“ würde. Als weiterführende Therapien wurden mir 26 Bestrahlungen und fünf Zyklen Chemotherapie empfohlen. [...] Während der ganzen Zeit der Therapien ging es mir psychisch nie anhaltend schlecht, nicht so schlecht wie 2016 mit dem Burn-out. Aber kaum war die Therapie zu Ende, tauchten wieder die Fragen „Was wäre, wenn?“, „Was wird aus den Kindern?“ auf. Aber ich kämpfte mich wieder zurück, mit den Techniken, die ich damals bei meiner psy-chiatrischen Rehabilitation gelernt hatte. [...] Seither ist einiges geschehen. Ich treibe wieder regelmäßig Sport und stehe kurz vor meiner Bachelorarbeit. Ich bin zuversichtlicher geworden, was meine Zukunft und meine Gesundheit betrifft.

© Sabine Hauswirth

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Meli

„Sie haben Eierstockkrebs“ waren die letzten Worte, die ich wahrnahm. In diesem Moment pochte mein Herz so laut, dass es gefühlt jeder hören konnte. Ich hatte Tränen in den Augen. In einer abgebildeten Zeichnung wurde mir erklärt, dass die Gebärmutter, Eierstock und Eileiter entfernt werden müssen. Weiters könnten Lymphknoten usw. folgen, sollte der Krebs gestreut haben. Es müsse auch noch ein MRT von der Brust gemacht werden, um eine Streuung in der Brust auszuschließen, und eine Darmspiegelung. Bla bla bla bla ... Mein Hirn schaltete kurz „auf Durchzug“. [...] Die mir zugeteilte Psychologin war mir auf Anhieb sympathisch. Sie fragte mich, was ich jetzt fühle, und es platzte förmlich aus mir heraus: „Ich will nicht sterben.“ Einfühlsam erklärte sie mir, dass Krebs nicht gleich Tod heiße, dass die Medizin schon sehr fortgeschritten sei. Aber mein Bild eines Krebspatienten war: Mann/Frau übergibt sich, ist total blass und abgemagert und liegt mehr oder weniger entkräftet im Bett. Die Psychologin zeigte mir Wege auf, wie ich mit der Angst umgehen kann. Sie fragte mich auch, welche Gefühle ich jetzt gerade empfinde. „Eindeutig Wut“, sagte ich. Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der leicht wütend werden kann. Und jetzt war ich wirklich wütend und wollte etwas kaputt machen. Dringend! Die Psychologin bestärkte mich auch in weiteren Gesprächen, dieser Wut eine kontrollierte Möglichkeit zur Entladung zu geben. Und ich fand etwas, an dem ich mir seit damals immer wieder „Luft“ mache: ein umgestürzter Baum – mein Wutbaum. Es war ein sehr seltsamer Zufall, dass Sabine Hauswirth beim Fotoshooting zu diesem Buch als Hintergrundmotiv einen Baum wählte. Sabine Hauswirth und Doris Kiefhaber fragten mich, ob wir lieber ein anderes Motiv wählen sollten oder ob ich vielleicht versuchen möchte, die Kraft dieses LEBENDEN Baumes zu spüren. Dann hätte ich für die Zukunft für alle Gefühle den jeweils passenden Baum – für die Wut den umgestürzten Baum und als Kraftspender den lebenden Baum.

© Sabine Hauswirth

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Natascha

Mein Krebs hat auch viel Gutes gebracht! In der Sekunde nach der Diagnose änderte sich meine Lebenseinstellung grundlegend.Durch die Erkrankung habe ich mich wiedergefunden. Ich durfte wunder-bare Menschen kennenlernen, Menschen wie Edith. Ich traf sie bei der ersten Chemo. Trotz Krebs ließ sie sich nicht kleinkriegen. Sie sah meine Angst, motivierte mich und gab mir Zuversicht. Leider ist sie viel zu früh gestorben. Bei meiner zweiten Chemo lernte ich Lena kennen. Jetzt war Lena diejenige, die Angst hatte, und ich konnte sie motivieren und versuchte, ihr die Angst zu nehmen. [...] Die Zeit meiner Reha war ein Traum. Es war sehr anstrengend, aber es brachte mir sehr viel – körperlich und seelisch. Ich erinnere mich an eine Gruppentherapie-Stunde. Die Psychologin sagte, wir sollen uns bei unserem Körper bedanken. Ich dachte, die spinnt doch:„Wofür bitte soll ich mich bei meinem Körper bedanken? Der hat mich im Stich gelassen!“
Eine Reha-Kollegin, die offensichtlich schon weiter war als ich, sagte zu ihrem Körper: „Danke, dass du mich so gut durch die Chemo gebracht hast, und danke, dass du das so gut überstanden hast.“ Das brachte mich zum Nachdenken und Umdenken. Heute danke ich meinem Körper, dass er das alles ausgehalten hat und ich nach drei Jahren 80 bis 90 % meiner Leistungsfähigkeit wiederhabe. Ich hielt das nicht für möglich!

© Sabine Hauswirth

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Nielse

Als ich nach der Operation wach wurde, merkte ich, dass großes Chaos im Aufwachraum herrschte – mein Mann stand weinend neben mir, dazu der Chef des Krankenhauses, der mir mitteilte, dass ich Krebs habe: Eierstockkrebs. Es war auch der vermeintlich gesunde Eierstock betroffen und das gesamte „Umfeld“. Man hätte im ersten Schritt nur den „gesunden“ Eierstock entfernt, zu groß war der Tumor am anderen. Es müsse eine ausgedehnte Operation in einer Spezialklinik erfolgen. Diesen Freitag, den 13., werde ich niemals vergessen. Am 19.3.2020 hatte ich dann die besagte große Operation, die zwölf Stunden dauerte. Der Mann einer meiner besten
Freundinnen ist ein hervorragender Chirurg und ich bat ihn damals, bei der Operation dabei zu sein. Ich habe damals noch nicht geahnt, wie oft ich ihn in der nächsten Zeit brauchen würde ... [...] Derzeit denke ich mir, was kommt noch, was als Nächstes? Aber ich muss und werde weiterkämpfen, denn mein Lebenswille 
ist ungebrochen. Ich habe einen Mann, den ich innig liebe, wunderbare Eltern und eine tolle Schwester – sie sind es, die mir Kraft geben. Und ich habe unsere geliebten Kinder, für die ich unbedingt so lange wie möglich da sein will.

© Sabine Hauswirth

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Stefanie

Meine Tochter Sabine, sie war damals 42 Jahre alt (Anm.: im Jahr 2006) hatte Probleme und Schmerzen im Bauch. Eine Gynäkologin hatte über längere Zeit Endometriose diagnostiziert. Aber leider sollte es sich als Eierstockkrebs herausstellen. Für meinen Mann und mich brach eine Welt zusammen. Wir hatten beide unsere Krebserkrankung überlebt und bangten jetzt um das Leben unserer Tochter. Der Eierstockkrebs hatte bereits gestreut und in einer neunstündigen Operation wurden Gebärmutter, Eierstöcke, Milz, Teile des Bauchfells etc. entfernt. Uns allen war schmerzlich bewusst, dass ihre Erkrankung nicht heilbar ist, aber wir hielten uns gegenseitig aufrecht, hofften auf ein Wunder und versuchten, so viel Zeit wie möglich mit Sabine und ihrem Mann zu verbringen. Sabine wäre die perfekte Mutmacherin gewesen. Sie ertrug mehrere Operationen, darunter auch zwei Darmverschlüsse, und sechs Jahre Dauertherapie unendlich tapfer und ließ sich ihren Lebenswillen nicht nehmen. Bis sie 2013, im 48. Lebensjahr, leider verstarb. Nur jemand, der ein Kind verloren hat, kann nachempfinden, welch unendlich großer Schmerz das ist.

© Sabine Hauswirth