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People | 23.07.2018

Die Kämpferin

Kämpferisch. AK-­Präsidentin Renate Anderl nennt die ­Gehaltsschere einen „Rechtsbruch“. Wie sie das ändern und gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereiten will: der Talk.

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AK-Wahl. Am 27. April wurde Renate Anderl zur Präsidentin der Arbeiterkammer Wien gewählt. Sie hat große Pläne, die sie im look!-Talk verrät. © Bubu Dujmic

Die neue Präsidentin der Arbeiterkammer Wien, Renate Anderl, ist bereit zu kämpfen und fordert gleich zu Beginn ihrer neuen Funktion eine Lohntransparenz, um endlich die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen zu schließen. Ihr Credo: „Ich will mitreden und vor allem mitbestimmen können.“ Die Mutter eines Sohnes hat viel vor und sieht in der Digitalisierung auch Chancen für den Arbeitsmarkt. „Innovationen sind immer auch Jobmotor.“  

look: Wann war der Moment, da Sie wussten, wohin die berufliche Reise geht?

Renate Anderl: Schon sehr früh, also schon als Teenager war mir klar, dass ich mich für die Rechte und Interessen anderer Menschen einsetzen möchte. Inspiriert hat mich eine Freundin meiner Mutter, die bei der Gewerkschaft tätig war. Es hat mich fasziniert, wenn sie bei uns zu Hause über ihre Arbeit berichtet hat. Es hat spannend und aufregend geklungen. Und da dachte ich mir: Das will ich auch. Ich will etwas bewegen und ­bewirken können. Ich will mitreden und vor allem mitbestimmen können. Mir war nie egal, was um mich herum passiert und wie die Politik in diesem Land das Lebens­umfeld für die Menschen gestaltet. Da hat mich zusätzlich auch mein Elternhaus geprägt. Mein Vater ist mit mir schon am 1. Mai auf den Rathausplatz gegangen, als ich noch auf seinen Schultern sitzen konnte.

 

Ihr Einsatzgebiet, wenn ich das so nennen darf, ist vor allem der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern, der auch 2018 noch immer eklatant ist. Gab es einen Augenblick, eine spezielle Situation, da Sie wussten, genau dafür lohnt es sich zu kämpfen ­respektive ­dafür möchte ich kämpfen?

Einen speziellen Moment gab es nicht, denn diese Unterschiede – und ich verwende bewusst die Mehrzahl – haben mich schon immer gestört. Denn es gibt sie ja nicht nur beim Einkommen, sondern auch bei der Berufswahl, bei den Karrierechancen, bei der Kinderbetreuung, praktisch überall im Leben. Das Medianeinkommen der Frauen liegt um beinahe 900 Euro unter dem der Männer. Wenn man alles herausrechnet, also die höhere Teilzeitquote der Frauen, die unterschiedliche Berufswahl usw., dann verdienen Frauen noch immer 187 Euro weniger im Monat als Männer. Das ist nicht fair.

 

Wo können Sie in Ihrer neuen Funktion die Schrauben anziehen, um dieses Ungleichgewicht zu verändern?

Wir müssen sowohl auf der Unternehmensebene als auch auf der politischen Ebene ansetzen, um die ­Benachteiligung beim Einkommen zu beenden.

 

Welche konkreten Maßnahmen planen Sie?

Wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer, ist das ein klarer Rechtsbruch. Aber sehr oft bleibt das im Verborgenen. Dabei hat kein Unternehmen das Recht, das mit dem Hinweis auf Geschäftsgeheimnis oder Ähnliches zu vertuschen. Die AK setzt sich für eine gesetzliche Änderung ein. Wir wollen Sanktionen, wenn Unternehmen Einkommensberichte erstellen, aber nichts tun, um die Unterschiede zu beseitigen. Zum anderen bin ich für die volle innerbetriebliche Offenlegung aller Gehälter. Nur so ist für Transparenz gesorgt, nur so kann sich etwas ändern. Und dann sind wir sehr froh und stolz, dass es nach vielen Jahren gelungen ist, eine gesetzliche Quote von 30 Prozent bei der Besetzung von Aufsichtsratsmandaten einzuführen. Hier gilt es weiter dranzubleiben, damit – in einem weiteren Schritt – auch in den Vorstands­etagen mehr Frauen einziehen.

 

Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist vor allem durch die Digitalisierung großen Veränderungen ausgesetzt. Welche konkret werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf uns zukommen?

Der digitale Wandel wird sehr viele Bereiche im Leben der Menschen betreffen und verändern – ob ­beruflich, wenn immer mehr denkende Maschinen zum Einsatz kommen, oder auch privat, wenn Bank­geschäfte online getätigt werden oder das Bezahlen im Supermarkt nicht an der Kassa erfolgt, sondern selbst mittels eines Scanners durchgeführt wird. Am wichtigsten ­dabei ist, dass wir optimal vorbereitet sind.

 

Wie muss den veränderten Bedingungen entgegengewirkt werden, wie muss man, wie werden Sie diesen Heraus­forderungen begegnen?

Das Um und Auf ist Qualifizierung. Deshalb fordern wir zum einen das Recht auf eine bezahlte Woche Weiterbildung pro Jahr für alle Beschäftigten. Zum anderen wollen die Arbeiterkammern eine Digitalisierungsoffensive starten. Wir werden in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in die Hand nehmen. Denn bei den Digitalisierungsinitiativen der Regierung und der Wirtschaft werden vor allem die Unternehmen unterstützt, aber nicht die Mitarbeiter. Wir wollen mit unserer Offensive unseren Mitgliedern die Weiterbildung und Qualifizierung erleichtern, aber auch Initiativen und Projekte fördern, die die Arbeitsbedingungen verbessern.

 

Es gibt natürlich auch positive Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Welche genau sind das in Ihren Augen?

Innovationen sind immer auch ein Jobmotor. Es werden also neue Stellen entstehen. Und innovative Unternehmen sind auch wettbewerbsfähiger, was wiederum gut für die Beschäftigten ist. Wichtig ist am Ende des Tages aber, dass alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – profitieren und der Kuchen fair verteilt wird.