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People | 24.01.2022

Ein schwarzes Mädchen in einer weißen Welt

Ana Milva Gomes wollte seit frühester Kindheit nichts anderes als auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Doch der Weg dorthin war für den Musicalstar ein harter. Wie hart, erzählt sie nun in ihrem Buch „Look at me“.

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Musicalstar Ana Milva Gomes macht auch als Model beste Figur. Hier in einem Outfit von Designer Niko Niko, dessen Muse sie ist. © Isabella Abel Photography

Seit zehn Jahren lebt Ana Milva Gomes in Wien und sie fühlt sich hier auch sehr wohl, vor allem seit Ende März 2020 ihre Tochter Isabella Rose, „Izzy“ genannt, das Licht der Welt erblickte. Ihr Sonnenschein, der ihr Leben bereicherte, aber auch völlig auf den Kopf stellte. Doch die 41-Jährige blickt in ihrem Buch ebenso auf ihre Anfänge und ihre Kindheit zurück. Und erzählt zudem über viele schmerzhafte Erfahrungen, die sie machen musste. Die gebürtige Niederländerin ließ sich aber nicht unterkriegen, absolvierte die renommierte Dansacademie Lucia Marthas in Amsterdam und bekam gleich in ihrem Abschlussjahr 2003 die Zweitbesetzung in Elton Johns Musical „Aida“ in Essen angeboten.

Drei Jahre später übernahm Gomes für die landesweite „Aida“-Tour die Erstbesetzung – ihre erste große Hauptrolle. Ein enormer Glückstreffer, an dem sieallerdings innerlich fast zerbrochen wäre. Denn zweieinhalb Jahre ein Nomadenleben, noch dazu mit bis zu acht Shows wöchentlich, verlangte ihr enorm viel ab. Trotzdem: Es ging weiter steil bergauf. Zuerst Nala in „König der Löwen“, dann Kala in „Tarzan“, wo das Malheur passierte: eine Meniskus-OP samt einer langen Pause. Erst die Einladung zum Vorsingen für „Sister Act“ läutete die Wende ein. „Deloris hat mich gerettet. Nicht nur sie – alles, was mit ,Sister Act‘ und meinem Mut, die Anfrage aus Wien in Erwägung zu ziehen, verbunden war, hat mir aus meiner tiefen Krise, in die ich nach meiner Knieverletzung hinein- geschlittert war, wieder herausgeholfen“, schreibt die Künstlerin. 

Schlüsselerlebnis. Der Auslöser, der für sie alles verändert habe, seien die Ereignisse rund um den Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 gewesen.„Meine Tochter, die kurz vor Floyds Tod zur Welt gekommen ist, war dabei für mich richtungsweisend. Ich kann sehr wohl Dinge benennen, die verletzend sind und hinterfragt werden müssen. Ich kann nicht nur, ich muss sogar.“

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WAHRE LIEBE. Isabella Rose bereitet ihrer Mama täglich immense Freude – und inspiriert sie darüber hinaus. © Barbara Nidetzky

look!: Sie erzählen im Buch, dass Sie sich bereits als Kleinkind Ihre Hautfarbe mit Seife quasi wegwaschen wollten. Was empfinden Sie heute bei dieser Erinnerung?

Ana Milva Gomes: Es ist mir heute als erwachsene Frau sehr klar, wie groß der Einfluss von Medien selbst auf kleine Kinder ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht dem „Schönheitsideal“ entsprach.

Sie wollten immer auf die Bühne. Wie konnten Sie Ihre Eltern überzeugen?

Ich habe sie nicht überzeugt. Ich habe es gemacht und auf ihr Verständnis gehofft. Im Laufe der Jahre haben sich die Sichtweisen verändert. Heute verstehe ich die Sorgen meiner Eltern von damals und meine Eltern verstehen heute meinen Weg und sind über die einzige Künstlerin in der Familie glücklich.

Haben Sie mehr erreicht, als Sie sich erträumt haben? Sie waren etwa die erste schwarze Frau weltweit, die im Musical „Mamma Mia!“ eine Hauptrolle bekam ...

Niemals hätte ich gedacht, dass ich so viel erreichen werde. Es gab die Chance und ich habe sie, mit viel harter Arbeit, genutzt. Der Regisseur von „Mamma Mia!“ hat in mir und meiner Darstellung der Figur etwas gesehen, woran ich zunächst selbst nicht glaubte, aber manchmal braucht man einfach den Sprung ins kalte Wasser. Diese Möglichkeiten erlebte ich in meiner Karriere zum Glück öfter.

Sie schreiben auch offen über Depressionen und dass Sie sich in Therapie begaben. Inwieweit hat diese geholfen?

Die Therapie gibt dir die Werkzeuge, um mit dem täglichen Leben umgehen zu können. Es gibt Hochs und Tiefs, es ist ein permanenter Prozess. Die Menschen im Umfeld, die einen unterstützen, reflektieren und ehrlich sind, sind die beste Therapie.

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BERÜHREND. Gomes erzählt entwaffnend ehrlich, wie steinig ihr Weg zur Spitze war. © Jan Frankl

Die Geburt Ihrer Tochter Isabella Rose war Ihr größtes Glück. Zumal Sie ja überhaupt nicht damit gerechnet haben ...

Nachdem ich zehn Jahre versucht habe, schwanger zu werden, hatte ich die Hoffnung aufgrund einer Erkrankung namens Endometriose schon aufgegeben. Allerdings sind – wie so oft – Überraschungen das Schönste im Leben.

Sie haben beschlossen, Ihre Tochter alleine großzuziehen. Dazu gehören großer Mut sowie Organisationstalent.

Ich besitze keinerlei Organisationstalent, werde jetzt aber gezwungen, es zu lernen. An guten Tagen funktioniert es auch erstaunlich gut.

Welche Werte möchten Sie Isabella Rose für ihr Leben mitgeben?

Um diese Frage zu beantworten, würde die Zeit jetzt nicht ausreichen, deshalb kürze ich es ab: „Wertschätze alles und liebe das, was dir wichtig ist.“

Ihre Eltern stammen von den Kapverdischen Inseln, die Sie selbst schon besuchten. Spüren Sie dort Heimatgefühle?

Ich liebe es, meine Familie zu besuchen, aber für die Menschen dort bin ich eine Ausländerin. Es ist nicht meine Heimat. Meine Heimat ist, wo ich mit meiner Tochter glücklich bin.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für mich und meine Familie Gesundheit. Alles andere wird sich ergeben.