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People | 18.05.2020

Eine Krise ermöglicht Fortschritt

Unternehmerin und Jones-Designerin Doris Rose ganz persönlich: in look! schreibt sie über Lebenskrisen und den besonderen Zauber des Neubeginns.

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BLICK IN DIE ZUKUNFT. „Das Einkaufen wird sich stark verändern“, prognostiziert Doris Rose. „Es ist ein Unterschied, ob ich etwas anziehe, oder ob ich etwas trage.“ © beigestellt

Doris Rose über ihren persönlichen Umgang mit Krisen

Ich kann gut und gern behaupten: ich bin seit einem Jahr perfekt im Umgang mit Krisen. Im Frühjahr 2019 zeichnete sich ab, dass wir mit unserem Modelabel Jones das weitere Jahr nicht ohne ‚persönliche‘ Krise schaffen werden. Und diese Krise kam als Insolvenz Ende September. Das war eine sehr harte Zeit, aber wir hatten Glück, und konnten diese schwierigen Monate schaffen.

Im Jänner 2020 dann ein Aufatmen: Wir hatten die Sanierung im Griff und das Insolvenzverfahren war beendet und abgeschlossen. Wir haben unser Unternehmen einmal mehr auf neue Beine gestellt, haben neue Wege gefunden, mit weniger Mitarbeitern und veränderten Ressourcen den Turnaround zu schaffen. Ich konnte mein Team neu formen, habe vieles überdacht, geändert und auf eine ganz andere Linie gebracht. Ich war super zufrieden mit der Situation und auch mit mir.

Dann kam Corona und das Virus verlangte uns auf allen Linien alles ab. Wobei die Ausgangssituation jetzt eine ganz andere ist. Plötzlich sitzen wir alle im gleichen Boot, haben dieselben Ängste, Sorgen und dieselbe Ungewissheit was die Zukunft bringen wird.

Aber: ich bin sehr positiv, dass sich trotz des harten Gegenwindes Neues und Spannendes ergibt. Ich sehe die Zukunft auf jeden Fall gelassener (endlich weiß ich wie Gelassenheit sich anfühlt) und komischerweise genieße ich viele Momente und Augenblicke meines Lebens jetzt viel bewusster.

Natürlich tue ich alles, um Jones zu stärken und arbeite an einer möglichen Zukunft, ich mache weiterhin meine Kollektionen und tue das mit einem Gefühl der Sicherheit und Liebe zu meinem Design-Job.

Ich sehe Krisen immer als Herausforderung und als Möglichkeit, so viel mehr zu lernen, als wenn alles glatt läuft. In schweren Zeiten ist man aufnahmebereiter und wacher in all seinem Tun. Ich bin sowieso ein besserer „Under pressure‘-Arbeiter als ein ‚Laissez-faire‘-Typ. Eine Krise ermöglicht Fortschritt.

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© beigestellt

"DER MOMENTANE REISE-STILLSTAND IST MEINE PERSÖNLICHE CORONAKRISE. WER MICH KENNT WEISS, WIE ICH DARUNTER LEIDE."

- Doris Rose über die derzeitige Situation 

Doris über die Kraft des Neubeginns

Ich habe mir vorgenommen mein eigenes Unternehmen besser kennen zu lernen und ich möchte in jeder Abteilung, oder auch in den einzelnen Stores, in Zukunft viel präsenter sein.

Den Anfang habe ich vor sieben Wochen in unserem Online-Store gemacht. Ich arbeite von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr täglich dort. Ich kommissioniere, schlichte, packe, stelle Rechnungen und verschicke Pakete. Das freut mich und ich lerne dabei extrem viel. Ich lerne für meinen eigentlichen Job – das Design – und auch welche Verbesserungen im Online-Store nötig sind. Ich bin mit anderen Mitarbeitern in Kontakt (mit angemessenem Abstand) und das Schönste daran ist: Ich arbeite mit meinen Händen, ich greife mit meinen Fingern, ich trage und laufe herum und bin abends körperlich ausgepowert. Ich liebe es, für meinen Kundinnen zu packen und bemühe mich, jedes Päckchen so schön wie möglich zu gestalten. Ich denke mir bei jedem Paket, das ich begleite „Ich hoffe, meine Mode gefällt dieser Kundin ...“.

Eine spannende Erfahrung für mich ist Folgendes: In einem Online-Store sind die Abläufe täglich gleich, sie beginnen mit dem Absortieren und Vorbereiten der Ware und enden damit, dass der Postbote um 16.30 Uhr kommt und alles abholt. Ich schließe also jeden Tag meine Arbeit ab, was man im kreativen Design niemals tun kann. Da zieht sich ein Prozess vom Aussuchen des Stoffes über den Entwurf bis zum fertigen Stück über gut sechs Monate.

Doris über Dinge und Situationen, die ihr Kraft geben

Ich schöpfe meine Kraft normalerweise auf Reisen. Und auch die Kreativität. Das ist jetzt gerade sehr, sehr schwer für mich. Ich bin vor Corona jede Woche in ein anderes Land gereist: Produktionskontrollen, Besuche bei Betrieben, Stoffmessen, Modechecks in Städten oder einfach privat.

Der momentane Reise-Stillstand ist meine persönliche Coronakrise. Jeder, der mich nur ein bisschen kennt, weiß wie sehr ich darunter leide. Ich binSchütze-Aszendent (nicht, dass ich wirklich daran glaube), aber der Schütze will Freiheit und hinaus. Ich glaube ich werde mich jetzt mit Astrologie beschäftigen.

Ich schöpfe zur Zeit viel Kraft in ausgedehnten Wanderungen. Mein Mann und ich entdecken ganz neue Wanderwege im Wienerwald, das ist wie ein kleines Rauskommen und wie ein bisschen (leider nur ein kleines bisschen) reisen.

Im normalen Leben, also im Leben, das wir alle im Moment nicht führen können, schöpfe ich meine Kraft auch aus der Oper, dem Theater oder einem schönen Museumsbesuch. Darauf freue ich mich auch schon so sehr!

 

Doris über die aktuelle Situation der Modebranche und im speziellen bei Jones

Von geschäftiger Normalität sind wir noch entfernt. Es ist zu viel Ware in den (insgesamt 50) Jones-Stores, weil wir doch mit fünf vollen Schließungswochen im stationären Handel einen gewaltigen Warenrückstau haben.
Doch die wirklichen Schwierigkeiten kommen natürlich mit den zukünftigen Produktionen und Lieferungen. Heute ist noch in keinster Weise abschätzbar, welche und wie viele unsere Produktionsbetriebe in Italien, Litauen, Bulgarien, Spanien oder in der Türkei die Krise überstehen werden und geordnete Liefertermine und Pläne einhalten werden.

Hoffnung und Vergleichsmöglichkeit haben wir vom chinesischen Markt, wo wir zwar nur einen kleinen Teil, aber immerhin unsere Strickware beziehen. Die hatten ihren Lockdown schon im Februar und da sind alle Herbst-Winter-2020-Produktionen voll im Laufen. Leider kann ich jetzt nicht hinfliegen, um Neuigkeiten und Neuentwicklungen der Lieferanten zu sehen.

Generell hat sich die Arbeit auch im textilen Bereich, wo es doch so sehr um Griffe, das Spüren und die Haptik der Stoffe geht, sehr geändert: Wir arbeiten jetzt alle mit Zoom-Video-Konferenzen. Vieles ist möglich, wenn es nur begrenzte Möglichkeiten gibt. Das meine ich, wenn ich sage, dass es Spaß macht mit neuen Herausforderungen umzugehen.

Meiner Meinung nach wird sich das Einkaufen als solches in Zukunft auch stark verändern. Wir brauchen in einem etwas reduzierten Lebensumfeld natürlich etwas andere Kleidung als bisher. Jedoch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass 24/7 im T-Shirt und in der Jogginghose nicht unbedingt glücklich machen.

Und das ist meine große Hoffnung, dass sich viele unserer Kundinnen schon freuen, endlich wieder etwas „zu tragen“. Es ist nämlich ein krasser Unterschied ob ich einfach nur etwas „anziehe“ oder bewusst etwas „trage“.

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DIE COOLE MRS. JONES. Ehemann Gabor Rose avancierte in der Coronakrise zum Profi-Fotografen und lichtete Doris täglich in ihren neuen Kollektionsteilen ab. © privat

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DIE COOLE MRS. JONES. Ehemann Gabor Rose avancierte in der Coronakrise zum Profi-Fotografen und lichtete Doris täglich in ihren neuen Kollektionsteilen ab. © privat

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DIE COOLE MRS. JONES. Ehemann Gabor Rose avancierte in der Coronakrise zum Profi-Fotografen und lichtete Doris täglich in ihren neuen Kollektionsteilen ab. © privat

"IST ES EINBILDUNG, ODER IST ES GERADE WIRKLICH ETWAS FRIEDLICHER GEWORDEN IN DER WELT?"

-Doris Rose über Wünsche an die Zukunft

Doris über ihren Style 

Ich glaube, da hat sich nichts geändert – ich bin einfach stilmäßig nicht einschätzbar. Mal so, mal so, aber immer bequem. Ich würde mich als sportlich und elegant beschreiben. Das Schlimmste ist, wenn man in Kleidung hineingequetscht ist. Das schaut nie gut aus. Ich mag eigentlich alle Farben, außer Orange. Das geht für mich gar nicht.

Doris über den Stellenwert von Familie

Familie ist alles – das habe ich auch durch meinen Mann gelernt, der ein enges Familienleben mit in die Ehe gebracht hat. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Meine Waldviertler Familie ist viel „einzelteiliger“, wir haben auch an so vielen weiter verstreuten Orten gelebt.

Meine Eltern haben mir immer das Unternehmertum vorgelebt, haben mich gelehrt, Werte zu erkennen und zu bewahren, haben mir Vertrauen gegeben und immer an mich geglaubt. Ich wurde sehr freigeistig erzogen, war schon früh auf mich selbst gestellt und das hat mich mein ganzes Leben geprägt. Ich kann mir keine bessere Erziehung vorstellen, ich habe es gut getroffen, kann mich nicht beklagen. Meine Eltern leben schon sehr lange getrennt, seit ich 16 Jahre alt bin, die Trennung war anfangs ein Schock für mich. Zum Glück verstehen sie sich sehr gut und ein Miteinander an einem Tisch ist seit vielen Jahren möglich und auch gut. Ich freue mich, wenn es allen gut geht, in welchen Konstellationen es auch sein mag.

Doris über persönliche Wünsche an die Zukunft 

Ich wünsche mir den Weltfrieden von der Zukunft. Mein Mann sagt immer, das geht nicht, stimmt! Aber dass die Welt ein bisschen friedlicher werden sollte, das wünsche ich mir schon. Ist es Einbildung, oder ist es derzeit gerade wirklich etwas friedlicher?

Persönlich wünsche ich mir, Gesundheit für alle meine Lieben und Zufriedenheit. Und dass wir ganz bald wieder große, wilde, ausgelassene Feste feiern können, ohne gesundheitliche Bedenken. Familie, Enkelkinder, Freunde wieder sehen, das fehlt mir sehr.