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People | 08.07.2021

Elīna la Divina

Sie hat unglaublich viel Herz und Humor: Die Mezzosopranistin Elīna Garanča ist auf allen Bühnen der Welt zu Hause, aber in Wien fühlt sie sich besonders wohl – ihre Töchter sollen eines Tages hier zur Schule gehen. Im großen look!-Interview zeigt sie sich von einer unbekannten Seite und verrät, was sie aus der Corona-Zeit gelernt hat und warum Schuhe wie ein Mann sein sollten.

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Elīna Garanča im Interview: "Wir suchen uns die Reihenfolge, in der unsere Träume wahr werden, nicht aus." © Sarah Katharina

DIE GÖTTLICHE...

So nannte man einst Maria Callas, und Elīna Garanča würde diesen Ehrentitel durchaus auch verdienen. Die bedeutendste Mezzosopranistin unserer Zeit begeistert Fans und Kritiker gleichermaßen. Kein Opernhaus von Weltformat möchte auf Elīna Garanča verzichten. Die große Blonde aus dem kühlen Norden ist ein absoluter Weltstar. Divenhaftes Gehabe liegt ihr gar nicht, im Gegenteil, sie strahlt eine angenehme Wärme und Herzlichkeit aus. Für ihren Beruf arbeitet sie hart, sie liebt ihre Fans, doch privat ist sie eher zurückgezogen. Social Media sind nicht ihre Welt. Nach der Öffnung der Kulturstätten ist sie nun auch endlich wieder live auf der Bühne zu erleben. In Wien und in Österreich ist sie immer wieder gerne zu Gast.

DAS GESAMTE INTERVIEW FINDET IHR IN DER look! SOMMER AUSGABE

 

look!: Corona hat vermutlich auch Ihr Leben durcheinandergewirbelt. Wie haben Sie Ihren ersten Live­ Auftritt nach der Zwangspause erlebt?

Elīna Garanča: Ich bin dankbar, dass ich zu den nicht so vielen Künstlern gehöre, die vom Corona-Jahr sozusagen halb verschont geblieben sind. Obwohl einige Monate und Tourneen komplett abgesagt oder auf „bessere Zeiten“ verschoben wurden, hatte ich das Privileg, im letzten Sommer bei den Salzburger Festspielen und im Herbst bei einigen Liederabenden in Lettland vor Live-Publikum zu singen. Äußerst emotional war für mich die Aufführung von Verdis Requiem in Bergamo mit dem Orchester der Mailänder Scala als Totenmesse für die Corona-Opfer. Die schrecklichen Bilder von Militärfahrzeugen, die unzählige Särge in Krematorien brachten, haben wir noch jetzt in den Köpfen. Im Allgemeinen, es war wie eine schlechte Diät für mich, so lange die leeren Gänge vor mir zu sehen. Die meisten Konzerte wurden entweder aufgezeichnet oder online gestreamt, aber es gibt nichts Besseres, als zu singen oder besser gesagt zu vibrieren, mit den Menschen im gleichen Raum wie man selbst. Jetzt, wo die Theater und Säle wieder für das Publikum geöffnet sind, kann ich wortwörtlich spüren, wie beide Seiten – die Künstler und das Publikum – nach Musik hungern.

Ich durfte Sie bei Ihrem Rollendebüt als Kundry an der Wiener Staatsoper erleben. Liegt Ihnen diese Zwischenfach-Partie besonders?

In diesem Fall war es nicht nur ein Rollendebüt für mich, sondern auch mein Wagner-Debüt. Natürlich bringt die Annahme einer solchen Herausforderung eine Menge Aufregung mit sich, aber auch Erwartungen, und beides lässt einen nicht ruhig schlafen (lacht herzlich). Kundry zu werden, war ein wichtiger Meilenstein in meiner Karriere, und jeder Moment wie dieser erfordert ein gesundes Maß an blindem Mut oder zumindest die Offenheit, etwas zu entdecken, was man nie erwartet hätte. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, meine Kundry zu studieren und mit ihr zu experimentieren, heraus- zufinden, was für eine Art von Frau Kundry wirklich ist, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich es heute schon weiß. Sich mental und physisch auf diese Rolle vorzubereiten, mitten in der dritten Welle des Coronavirus, aufzuwachen und nicht zu wissen, ob die Premiere stattfinden wird oder nicht, in den FFP2-Masken zu proben, das war nicht die einfachste Zeit. Aber am Ende war es eine magische und unvergleichliche Erfahrung. Kundry und die ganze wagnerianische Welt um sie herum sind unglaublich groß und komplex, aber heute kann ich sagen, dass wir eine besondere Verbindung haben, und ich kann es kaum erwarten, diese noch weiter zu erforschen.

Sie werden oft auf der Bühne bejubelt. Ist das Ihr schönster Bühnenmoment?

Meinen Sie den Applaus? Natürlich ist es toll, die Leute klatschen zu sehen. Aber Menschen, die ständig unter öffentlicher Beobachtung stehen, müssen achtgeben, dass einen das öffentliche Leben und die Aufmerksamkeit nicht völlig vereinnahmen. Sonst verliert man den Bezug zu sich selbst. Für mich als Sängerin ist es das Wichtigste, auf der Bühne etwas zu schaffen, das die Leute genießen und ihnen im besten Fall in Erinnerung bleibt. Und genau diese zauberhaften Momente, wenn Dirigent, Orchester und Solisten gemeinsam musizieren, wenn das Publikum an meinen Lippen hängt und mit mir atmet, sind für mich die wertvollsten und schönsten Bühnenmomente.

 

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Elīna Garanča privat: Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich, wie sehr mich die Lebensweise und Liebe meiner Eltern beeinflusst haben. © Sarah Katharina

Oft wird gesagt, dass die Atmosphäre an der Wiener Staatsoper ganz besonders ist. Empfinden Sie das auch?

Mir wurden in der Wiener Staatsoper unglaubliche Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt, und ich habe auch musikalisch sehr viel lernen können auf dieser Bühne. Seit 2003 stand ich mehr als 140 Mal auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Jedes Mal, wenn ich dort bin, kann ich nicht anders, als daran zu denken, wie viele legendäre Inszenierungen, Dirigenten und Sänger das Haus beherbergt hat, und es macht mich unglaublich glücklich und stolz. Es erinnert mich daran, wie weit ich gekommen bin, und gleichzeitig daran, wie klein ich noch bin und wie viel Arbeit noch vor mir liegt. Für mich persönlich ist es ein Ort der ewigen Inspiration und Motivation. Die Wiener Staatsoper ist tatsächlich der Ort, an dem man nach den Sternen greifen kann.

Sie werden in dieser Saison noch in Kitzbühel und Göttweig auftreten, eine besondere Freude?

Die Open-Air-Konzerte „Klassik unter Sternen“ in Gottweig und „Klassik in den Alpen“ in Kitzbühel zählen seit vielen Jahren zu meinen saisonalen Highlights. Für mich gehören sie meist zu den letzten „Ausatmungen“ vor der kurzen Sommerpause und bevor die neue Saison wieder beginnt. Nach einem so verrückten Jahr wird es für uns beide ein richtiges Fest der Freiheit sein. Mein Ehemann und ich, wir lieben die Atmosphäre der beiden Open-Air-Konzerte, und jedes Mal ist es für uns eine unglaublich entspannende und erfüllende Erfahrung.

Heute wird von Sängerinnen viel mehr verlangt als vor einigen Jahrzehnten: Sie müssen nicht nur gut singen und schauspielern können, sie sollen auch gut aussehen. Ist das nicht manchmal belastend?

Sehr belastend, aber das ist auch unsere neue Normalität. Ich denke, es ist einfach Teil der Evolution und dass wir als Gesellschaft danach streben, alles besser, schneller und schöner zu machen. Sicherlich kostet es enorm viel Zeit, Geld und Energie, da mitzuhalten, aber es gab auch kein Jahrhundert, in dem Frauen und Männer in ihren 50ern oder 60ern so gut aussahen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem, wenn ich in Paris auf der Bühne singe, nicht nur die Leute, die vor mir sitzen, mich sehen, sondern gleichzeitig könnte es auch eine zufällige Person in Japan oder Argentinien sein, die mich online beobachtet und vielleicht auch beurteilt. Ja, der soziale Druck ist größer geworden, aber ich glaube auch, dass nur ein hübsches Gesicht absolut nichts bedeutet. Oder zumindest
bedeutet es mehr als nur ein hübsches Gesicht. Das war vor 100 Jahren so, und das ist auch heute noch so. Ich glaube nicht, dass man sich an Marie Curie oder Coco Chanel wegen ihres Aussehens erinnert, und ich hoffe, dass man sich an mich nicht wegen meiner Nase erinnern wird.

Was nehmen Sie aus der Corona­ Zeit für sich persönlich mit? Tat es gut, einmal nicht termingesteuert zu sein?

Aber sicher! Ich bin unglaublich glücklich, so viel Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können, was sehr schwierig sein kann, wenn ich immer unterwegs bin. Ich glaube, dies war eine großartige Gelegenheit für uns alle, einen Moment innezuhalten und über unser autopilotähnliches Leben nachzudenken. Wenn wir jetzt gezwungen waren, einen Tag nachdem anderen zu nehmen, war es auch einfacher zu erkennen, wer und was für uns wichtig ist und was das Wesentliche in unseren Leben ist. Und ich hatte Extrazeit für meinen Garten, habe mir die Hände schmutzig gemacht, wann immer es möglich war. Ich würde darauf wetten, dass die diesjährigen „Quarantäne“-Tomaten, -Gurken und -Paprika mit der zusätzlichen Zeit und Pflege außergewöhnlich sein werden.


Was hat Ihnen während der Zeit des Lockdowns – privat und beruflich – am meisten gefehlt?

Menschlicher Kontakt im Allgemeinen. Ich vermisste die menschliche Berührung und Nähe, die Umarmungen und die Möglichkeit, mit meinen Freunden und meiner Familie am selben Tisch zu essen, eine Hand zu schütteln oder die Wangen der Person zu küssen, wenn mir danach ist. Ich vermisste es, für das Live-Publikum zu singen. Und selbstverständlich vermisste ich das Gefühl der Freiheit, sich frei zu bewegen. Hoffentlich wird es jetzt nur besser (sie drückt die Daumen).

Das Interview in voller Länge findet ihr in der look! Sommer Ausgabe!