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People | 19.07.2019

Endlich eine Frau!

Brigitte Bierlein: Österreichs beste Journalistinnen über die interimistische Bundeskanzlerin - was sie ausmacht, was sie von ihr erwarten. Plus: die erste Bilanz.

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STAATSTRAGEND. Dr. Brigitte Bierlein ist seit 3. Juni Bundeskanzlerin von Österreich – bis zu den Neuwahlen. Sie gilt als klug und besonnen. ©picturedesk.com

Im Mai folgte Paukenschlag auf Paukenschlag: Ibiza-Video, Regierungskrise, Abgang von Kanzler Sebastian Kurz und die Bestellung von Höchstrichterin Dr. Brigitte Bierlein, 70, zur interimistischen Kanzlerin bis zu den Neuwahlen. Damit wurde die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs zur ersten Bundeskanzlerin in der Geschichte Österreichs. Prompt brach vor allem in den sozialen Medien bei Vertreterinnen aller Couleurs ein Jubel der Sonderklasse los. Tenor: „Wir sind Kanzlerin! Endlich eine Frau!“ 

Bierlein, die als klug und besonnen gilt, äußerte kürzlich, dass sie nie einen Job in der Politik angestrebt habe: „Kanzlerin zu werden lag nicht in meiner Lebensplanung.“ Sie unterhalte zu allen Parteichefs ein „korrektes und konstruktives Verhältnis im gleichen Maße“. Nie wollte sie „den Eindruck erwecken, dass wir die türkis-blaue Regierung quasi fortsetzen“.

look! wollte von den besten Journalistinnen des Landes wissen, wie sie Kanzlerin Bierlein einschätzen.

 

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CONNY BISCHOFBERGER, KOLUMNISTIN KRONEN ZEITUNG ©Tom Linecker

"FRAUENPOLITISCH EIN WICHTIGES SIGNAL" 

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde?

Endlich eine Frau! 

In den sozialen Medien brach – auch unter den eher Linken – eine regelrechte Euphorie aus, weil Österreich eine erste Bundeskanzlerin hat. Konnten Sie den Jubel nachvollziehen? 

Ich glaube, der Jubel dieser Seite bezog sich eher darauf, dass man
Sebastian Kurz los war – wenn auch nur kurz ... Euphorie ist unange
bracht, aber frauenpolitisch ist das ein wichtiges Signal.

Ihre erste Bilanz über Brigitte Bierlein als Bundeskanzlerin?

Sie hat alles richtig gemacht. Verlässlichkeit, Vertrauen und Verantwortung beschworen, an Menschlichkeit und ein Miteinander appelliert, das Parlament als „Herz der Demokratie“ wertgeschätzt. Einziger Fauxpas: ihr Erlass, nur „Fachjournalisten“ Interviews zu geben. Aber das hat sie bald zurückgenommen.

Was erwarten Sie sich bis zu den NR-Wahlen von ihr?

Sachlichkeit und Professionalität. Das werden wir in diesem Wahlkampf als Ausgleich bitter nötig haben.

Was kann sie politisch bewegen – welchen Einfluss kann sie durch ihre Arbeit auf die NR-Wahl haben?

Sie hat selbst betont, auf tagespolitisches Kalkül zu verzichten. Sie wird Akzente setzen, mehr nicht. Auf die Wahl wird das keinen Einfluss haben.

Wie stehen Sie dazu, dass Brigitte Bierleins Look, ihr Aussehen auch von sogenannten seriösen Medien sofort thematisiert wurde?    

Der Look zählt genauso zum Persönlichkeitsbild wie Sprache, Auftreten und Inhalte. Ist ja auch bei Männern Thema, denken wir an Kerns Slim-fit-Anzüge oder die Frisur von Sebastian Kurz. Problematisch wird’s nur, wenn eine Politikerin darauf reduziert würde, was aber ohnehin nicht der Fall ist.

 

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MAG. CORINNA MILBORN, INFO-CHEFIN PULS 4 ©Bernhard Eder

"BIERLEINS STIL IST LEADERSHIP PUR"

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde?

Ganz ehrlich – ich hab mir gedacht: „Wie schön, eine Frau!“ Das mag oberflächlich klingen, aber ich freue mich einfach, dass meine Töchter sehen, dass die Staatsspitze auch für Frauen offen ist. Auch wenn das eine Ausnahmesituation ist – die Tür ist geöffnet.

Konnten Sie den Jubel in den sozialen Medien nachvollziehen? 

 Es hat mich schon erstaunt, dass prononcierte Linke die Ernennung von Bierlein so gefeiert haben. Sie ist schließlich konservativ (wie es auch dem letzten Wahlergebnis entspricht). Der Jubel zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei Frauen in Spitzenpositionen ist. Von Normalität sind wir hier noch weit entfernt. 

 Ihre erste Bilanz über Brigitte Bierlein als Bundeskanzlerin?

Die ersten Auftritte waren überzeugend. Die Anweisung an die Minister, Kontakt zu Journalisten zu meiden, war unglücklich formuliert, wurde aber schnell korrigiert. Die Rede im Parlament war sehr angemessen. Ich würde für die Startphase acht von zehn Punkten geben. 

Was kann sie politisch bewegen?

Es sind ein paar richtig große Entscheidungen zu treffen – etwa die Besetzung der EU-Kommission und die Frage, ob die Mitgliedstaaten nach dem Brexit mehr ins EU-Budget zahlen. Das sind große, budgetrelevante Entscheidungen, bei denen sich die Regierung selbst entscheiden muss: Die Mehrheiten im Nationalrat und im EU-Parlament entsprechen nicht unbedingt dem, was die letzte Regierung vereinbart hat, weil die FPÖ und ihre Fraktion im EU-Parlament Weber nicht unterstützen. 

Wie stehen Sie dazu, dass Brigitte Bierleins Look, ihr Aussehen auch von sogenannten seriösen Medien sofort thematisiert wurde?

Ich sehe das entspannt: Wer an die Öffentlichkeit tritt, über dessen Kleidung wird auch gesprochen, sobald irgendetwas auffällig ist. Auch bei Männern – man denke an slim fit. Wenn man Rüschen trägt, wird also über Rüschen geredet werden. Und Bierleins Stil ist ja Leadership pur, das Lob kann ich nachvollziehen.

 

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DR. BARBARA TÓTH, RESSORTLEITERIN FALTER. ©Chris Singer

"DIE MÄNNER HABEN´S DAVOR VERBOCKT"

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde?

Endlich eine Kanzlerin! Wieso braucht es dazu eine Ausnahmesituation und eine Bestellung von oben, warum ging das nicht auf normalem Weg?

War der Jubel in den sozialen Medien gerechtfertigt?  

Ja, weil wir schreiben das Jahr 2019. Und nachdem Männer es
davor verbockt haben, ist die Symbolik natürlich doppelt so stark.

Ihre erste Bilanz?

Sie agiert nicht parteipolitisch, sondern staatspolitisch, wie zu erwarten. Gleichzeitig hat sie einen klaren Schnitt mit der ausgrenzenden Austria-first-Politik von Türkis-Blau gemacht. Indem sie sich etwa in ihrer ersten Ansprache an alle Menschen, die in Österreich leben, wandte. Oder sehr oft von Demut, Vertrauen und Dienen spricht – im Gegensatz zur Machtpolitik von Türkis-Blau.

Hat die Arbeit von Kanzlerin Bierlein Einfluss auf die NR-Wahl?

Ich denke, sie ist vor allem eine Respektsperson, die dafür sorgt, dass das Parlament sachlicher wird – und dabei ein paar sehr wichtige Gesetze verabschiedet (Rauchen, Papamonat, Glyphosat etc).

Ist es legitim, dass die Medien den Look der Kanzlerin beurteilen?

Das ist in einer Mediengesellschaft normal und trifft Männer wie Frauen. Frauen noch mehr, weil sie modisch mehr Ausdrucksmöglichkeiten haben. Mode bzw. ein Look kann sehr politisch sein und Politik wiederum auch „modisch“. Bierlein ist eine modebewusste Frau und setzt die Stilmittel der Mode politisch bewusst und richtig ein.

 

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ISABELLE DANIEL, STV. CR UND POLITIK-KOLUMNISTIN ÖSTERREICH ©picturedesk.com

"WENN ES SCHIEFLÄUFT, HOLT MAN FRAUEN" 

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde? 

Einerseits überrascht, andererseits konnte man damit rechnen, dass Van der Bellen eine Frau als Regierungschefin will. Mein Gedanke war aber gleich: Wenn es schiefläuft, holt man gerne Frauen.

War der Jubel in den sozialen Medien gerechtfertigt? 

Ich denke, der „Jubel“ in Teilen der sozialen Medien hatte damit zu tun, dass gerade unter „Linken“ die Freude über die Abwahl von Sebastian Kurz überwog. Bei manchen, weil erstmals eine Frau Kanzlerin werden sollte. Bissi überrascht war ich aber, dass es gerade links der Mitte egal schien, dass Brigitte Bierlein von VP/FP zur Verfassungsrichterin nominiert worden war.

Ihre erste Bilanz?

Sie tritt sehr besonnen auf. Sie ist äußerst zurückhaltend und will sichtlich beruhigen und einen.

Hat die Arbeit von Kanzlerin Bierlein Einfluss auf die NR-Wahl?

Sie kann stimmungsmäßig beruhigen. Und sie kann im Notfall eingreifen. Eine wahlentscheidende Rolle wird sie nicht spielen.

Ist es legitim, dass die Medien den Look der Kanzlerin beurteilen?

Mittlerweile wird auch der Style von Männern (etwa: Kern – slim fit) bewertet. Grundsätzlich geht man bei Frauen aber immer noch stärker nach Auftreten und Aussehen. Leider. Frau Bierlein hat kraft eigener Leistungen Karriere gemacht und ihr Geld verdient. Ihre Outfits sind daher ihre Privatsache. Sie darf sich so chic oder teuer anziehen, wie sie mag. Und, hey, es ist 2019. 

 

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MAG. MARIA JELENKO-BENEDIKT, DESIGNIERTE CR REGIONALMEDIEN AUSTRIA (RMA) ©picturedesk.com

"BIERLEIN KANN ZEIGEN, WAS FRAUEN KÖNNEN"

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde?

Große Freude, dass eine Frau für dieses Amt ausgewählt wurde.

War der Jubel in den sozialen Medien gerechtfertigt? 

Ja, da Spitzenjobs in Österreich nach wie vor vorwiegend von Männern besetzt sind. 

Ihre erste Bilanz?

Bierlein macht ihre Sache bisher unaufgeregt, sie wirkt kompetent, stark, erfahren, besonnen.

Was erwarten Sie sich bis zu den NR-Wahlen von ihr?

Ich erwarte mir, dass Bierlein notwendige Beschlüsse vorantreibt und nicht „nur“ das Land verwaltet.

Hat die Arbeit von Kanzlerin Bierlein Einfluss auf die NR-Wahl?

Bierlein könnte zeigen, dass Frauen in der Lage sind, ein solch verantwortungsvolles Amt auszuüben. Außerdem könnte sie zeigen, dass nicht nur Sebastian Kurz als Kanzler ersetzbar ist, sondern dass auch die aufgrund ihrer angeblichen Schlagkraft so oft sich selbst lobende Regierung unter Kurz ebenfalls ersetzbar ist.

Ist es legitim, dass die Medien den Look der Kanzlerin beurteilen?   

Bei einer Frau gibt es prinzipiell mehr in puncto Kleidung und im Stil, das auf die Persönlichkeit der Trägerin schließen lässt als bei Männern (Sakko, Hemd, Krawatte, Stecktuch). Daher ist es verführerisch für die Medien, den Stil der Trägerin zu analysieren. Im Kleinen passiert das ja auch bei Männern (Brillen und Mascherln von Schüssel, Slim-Anzüge von Kurz). Prinzipiell sollte man gerade PolitikerInnen nach ihren Taten und nicht nach ihrem Kleidungsstil beurteilen.

 

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DR. MARTINA SALOMON, CHEFREDAKTEURIN KURIER ©picturedesk.com

"SIE WIRD DEN JOB UNPEINLICH ERLEDIGEN"

Ihr erster Gedanke, als Brigitte Bierlein Kanzlerin wurde?

Eine coole Frau, die ich schätze.

In den sozialen Medien brach – auch unter den eher Linken – eine regelrechte Euphorie aus, weil Österreich eine erste Bundeskanzlerin hat. Konnten Sie den großen Jubel nachvollziehen? 

Jubel war dennoch nicht am Platz, weil das letztlich eine Proporz-Beamtenregierung ist und damit bis Jahresende weitgehend Reformstillstand herrscht. Auch gute Projekte wie die Steuerreform werden jetzt nicht umgesetzt.

Ihre erste Bilanz über Brigitte Bierlein als Bundeskanzlerin?

Sie macht, wofür sie geholt wurde: verwalten.

Was erwarten Sie sich bis zu den NR-Wahlen von ihr?

Große Würfe kann man nicht von ihr erwarten. Aber sie wird den Job unpeinlich erledigen.

Was kann sie politisch bewegen – welchen Einfluss kann sie durch ihre Arbeit auf die NR-Wahl haben? 

Einfluss hat sie persönlich so gut wie keinen. Auch die Zusammensetzung des Kabinetts – eine Art Konzentrationsregierung aus allen Parteien – wurde von Bundespräsident und Parteien ausgewählt.

Wie stehen Sie dazu, dass Brigitte Bierleins Look, ihr Aussehen von vielen Medien – auch von den sogenannten seriösen – sofort analysiert und kommentiert wurde („Best of Bierlein – Der Stil der Kanzlerin“, „Mit Jabot und Statementschmuck ins Kanzleramt“ etc.)?   

Medien haben auch über Christian Kerns Slim-fit-Anzüge, die Frisur von Karl-Heinz Grasser, das Mascherl und die Sneakers von Wolfgang Schüssel, die Uhr von Thomas Drozda und die rote Aktentasche von Alfred Gusenbauer berichtet. Da Frau Bierlein auffällig und elegant gekleidet ist, wäre es lächerlich, das zu tabuisieren.