Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 24.07.2019

Francesca rettet die Meere

Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt zählen zu den brennendsten Problemen unserer Zeit. Kunstsammlerin und Mäzenin Francesca Thyssen-Bornemisza widmet sich der Rettung der Ozeane. Das Interview.

Bild Francesca low res Thyssen-Bornemisza-2.jpg
©Irina Gavrich

Dass sie immer und überall im Fokus des Interesses steht, verdankt Francesca Thyssen-Bornemisza, 61, nicht nur der Tatsache, dass sie 1993 Kaiserenkel Karl Habsburg heiratete, sondern vor allem dem Umstand, dass sie sich einen Namen als Kunstsammlerin, -vermittlerin und Mäzenin gemacht hat. Mittlerweile gilt sie als führende Persönlichkeit im internationalen Kunstbetrieb. Nicht zuletzt wegen ihrer 2002 gegründeten Kunststiftung TBA21 (Thyssen Bornemisza Art Contemporary).

Seit 2011 investiert die Philanthropin nicht ausschließlich in Kunst, sondern mit der TBA21-Academy auch in den Schutz der Ozeane. Allerdings auf die ihr eigene Art: Francesca schafft eine Synthese von Wissenschaft und Kunst. 

Für die TBA21-Academy arbeiten WissenschaftlerInnen, EntscheidungsträgerInnen und KünstlerInnen zusammen. Letztere transportieren die Umweltproblematik mittels ihrer Werke.

Francesca Thyssen-Bornemisza hält mit ihrer TBA21-Acadamey u. a. ein Küstenstück vor Jamaika vom Fischfang frei, betreibt Schildkrötenschutz und Korallen-Wiederaufbau. 

 

Bild 1907_W_Francesca_Zusat-1.jpg
ORT DER BEGEGNUNG. Am Expeditionsschiff „Dardanella“ tauschen sich Wissenschaftler und Künstler, Denker und Praktiker über den Schutz der Ozeane aus. ©Newell Harry

Mit Leidenschaft.

Ganz Persönliches war ausschlaggebend für Francesca Thyssen-Bornemiszas Umwelt-Engagement. In einem Interview gab sie zu Protokoll, dass ihre Tochter beim Schnorcheln vor Jamaika keine Fische gesehen habe. Ein Schock für die dreifache Mutter (Eleonore, 25, Ferdinand Zvonimir, 22, Gloria, 19). Francesca fragte sich, ob wir tatsächlich die „letzte Generation sind, die noch im Meer schwimmt und dabei Fische sehen kann“. Wenig später gründete sie ihre Umweltschutz-Stiftung TBA21-Academy. Neben dem Erhalt der Naturschutzprojekte organisiert die Academy Konferenzen, betreibt Lobbying, etwa für die Einhaltung des Pariser Klima-Abkommens, und lädt die klügsten DenkerInnen aus Wissenschaft, Forschung und Kunst zu Diskussionen und Zusammenarbeit ein.

Francesca Thyssen-Bornemisza versteht sich als Anwältin des Wechsels in einer schwierigen Zeit: „Ich möchte auf Auftragsarbeiten fokussieren, die die wichtigsten Themen unserer Zeit thematisieren: Frieden, Migration, eine offene Gesellschaft, das Klima und die Ozeane.“ 

Das Interview.

 

Bild Markus Reyman, lowres Photo Enrico Fiorese.jpg
ENGAGIERT. Der Österreicher Markus Reymann ist Direktor der TBA21-Academy. ©Enrico Fiorese

look: Umweltschutz, Verschmutzung der Meere, Klimawandel – Sie haben sich schon früh mit Problemen beschäftigt, die erst jetzt ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit dringen. Inwieweit kann Kunst dabei helfen?

Francesca Thyssen-Bornemisza: Die größten Bedrohungen für die Gesellschaft sind mangelndes Wissen, Fehlinformationen und Verleugnung. Kunst kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Probleme einer breiten Gesellschaftsgruppe bewusst zu machen.  

Ich glaube, wir brauchen radikal neue Ansätze, um mit den Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. Seit Jahrhunderten erforschen Künstler die Dynamik zwischen Kunst und Publikum – ein Kunstobjekt erzeugt beim Betrachter Gefühle. Genau diese emotionalen Erfahrungen, die man in der Gegenwart von Kunst macht, haben großes Potenzial Denkanstöße zu geben und unser Handeln zu verändern. Viel mehr noch als kalte Zahlen, Daten und Fakten. Denn die Dinge, die uns auf persönlicher Ebene bewegen, machen Veränderungen möglich. Kunst hilft dabei, alte Denkmuster zu durchbrechen.

Mit welcher Intention haben Sie die TBA21-Academy gegründet?

Ich glaube schon lange an die Kraft der Kunst, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Deshalb schafft TBA21 Kunst mit einer sozialen Aufgabe. 

In den vergangenen zehn Jahren habe ich mich zunehmend mit Umweltfragen und insbesondere mit den Ozeanen befasst. Der Ozean ist ein riesiges zusammenhängendes System, das den größten Lebensraum auf unserem Planeten darstellt, in dem mehr als 80 Prozent aller Arten leben. Intakte Ozeane sind für unser Überleben von entscheidender Bedeutung. Trotzdem gehen wir so sorglos mit den Ozeanen um, dass sie  für die Menschheit möglicherweise bald keine Ressource mehr sind.  

Markus Reymann und ich gründeten die TBA21-Academy, um Künstler, Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger und lokale Führungskräfte zu nachhaltigen interdisziplinären Forschungen zusammenzubringen. Ihr Wissen über die Ozeane soll in Kunstprojekten zum Ausdruck gebracht werden und ein tieferes Verständnis für die Ozeane erwecken. Denn die TBA21-Academy fördert neues Wissen, kommunikative Strategien und dynamische Lösungen für Umweltprobleme in der Welt, in der wir leben.

 

Bild 1907_W_Francesca_Zusat-2.jpg
UNDER THE SEA. Francesca taucht ab – ins von der TBA21- Academy initiierte East Portland Fischreservat vor Jamaika. ©Dr. Octavio Aburto

"Intakte Ozeane sind für unser Überleben von entscheidender Bedeutung."

- Francesca Thyssen-Bornemisza 

Im Fokus der TBA21-Academy steht das Anliegen, das Verständnis für den Ozean und seine Probleme zu fördern. Warum haben Sie das Augenmerk auf die Meere gelegt?  

Als Ausgangspunkt fungierte der Ozean an sich als eine sehr mächtige Metapher für ein sich ständig veränderndes System, in dem alles eng miteinander verbunden ist und jede Ursache eine sichtbare Wirkung hat. In Zeiten massiver Veränderungen in Umwelt, Gesellschaft und Kultur wollten wir herausfinden, ob es eine Möglichkeit gibt, eine „ozeanische Position“ einzunehmen, um auf Veränderungen zu reagieren. Wir haben rasch erkannt, dass wir sehr, sehr wenig über den Ozean wissen, ich persönlich, wir als Organisation – die ganze Menschheit. Und als wir 2011 mit der Academy begannen, wussten wir nichts über die Dringlichkeiten rund um die Probleme der Meere. Die Medien berichteten nicht darüber. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit Künstlern intensiv mit Wissenschaft, Naturschutz und Bildung auseinandergesetzt. Gestützt wurde das stets durch die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung. Dies war der eigentliche Beginn unserer gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Ozean auf ganz unterschiedliche Weise. Wir haben die Künstler mit ihrer Gefühlswelt mit den Forschern und ihrem Fachwissen zusammengebracht.  

Wir haben ein Naturschutzprojekt mit einem Artist-in-Residency-Programm verknüpft – im Rahmen dieses Programms begleiten Künstler das Naturschutzprojekt vor Ort. Wir wurden Beobachter bei der International Seabed Authority, der Internationalen Meeresbodenbehörde mit Sitz in Jamaika. Wir präsentierten speziell in Auftrag gegebene Kunstwerke von führenden Künstlern wie Joan Jonas, John Akomfrah und Armin Linke, die sich mit ozeanischen Themen befassten. Und schließlich eröffneten wir „Ocean Space“ in Venedig.  

Dort ist bis zum 29. September die Ausstellung „Moving Off the Land II“ von Joan Jonas zu sehen. – Was ist der „Ocean Space“ genau?

Anfang dieses Jahres initiierte die TBA21-Academy den Ocean Space in Venedig. Dieser neue Kulturraum befindet sich in der ehemaligen Kirche von San Lorenzo, er ist ein Begegnungszentrum für Künstler, Vordenker und Forscher. Es gibt eben Ausstellungen zum Thema -Ozean, die einen disziplinübergreifenden Zugang zur Problematik haben.

Warum hat die Forschungsabteilung der TBA21-Academy ihren Sitz auf -Jamaika? 

Ich war das erste Mal mit sechs Monaten auf Jamaika und bin im Laufe der Jahre oft dorthin zurückgekehrt. Ich habe Tauchen gelernt, die Korallenriffe erkundet und meine eigenen Kinder mit den Wundern des Ozeans bekannt gemacht. Ich war selbst Zeuge der Vernichtung von Arten und der massiven Veränderungen im Laufe der Jahre. Für mich wurde es unmöglich, das zu ignorieren. Gemeinsam mit Markus Reymann habe ich vor Ort die Alligator Head Foundation gegründet, die sich u. a. den Schutz von Fischarten, den Erhalt von Riffen zum Ziel setzt. Und damit auch die Wiederherstellung der lokalen Wirtschaft in Jamaika. Durch die Verschmelzung von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft identifiziert und liefert unsere Schwesterstiftung TBA21-Academy innovative Lösungen.

 Mit der University of the West Indies haben wir ein Naturschutzgebiet eingerichtet, das East Portland Fischreservat, das sich sechs Kilometer entlang der schönsten Küste Jamaikas befindet. In nur drei Jahren ist die Biomasse massiv um 200 Prozent angestiegen. Es ist absolut erstaunlich, wie schnell sich die Ozeane erholen, wenn wir ihnen nur eine Chance geben! Es gilt nun als nationales Kulturerbe und die Meeresbiologin Sylvia Earle hat es zum „Hope Spot“, zum Ort der Hoffnung, ernannt. Die Alligator Head Foundation hat auch ein eigenes Meereslabor und ein Künstlerresidenzprogramm. Markus ist Vorstandsvorsitzender der Alligator Head Foundation und ich bin weiterhin als Beraterin tätig.

 

Bild iStock-931160498lowres.jpg
ISLAND IN THE SUN... Ein Paradies? Der Schein trügt. Der türkisblaue Ozean vor Jamaika laboriert an chemischer Verschmutzung und an Lärmbelastung. Francesca Thyssen-Bornemisza hat ein Fischreservat eingerichtet. ©iStock by Getty Images

Wie läuft Ihre Zusammenarbeit mit Markus Reymann?

Ich kenne Markus seit vielen Jahren. Wir haben die TBA21-Academy gemeinsam gegründet, mit dem Ziel, dieselben Prinzipien anzuwenden, die TBA21 geprägt haben, um die dringendsten Probleme der heutigen Ozeane in den Vordergrund zu rücken. Markus hat die Academy als Direktor zu neuen Höhen geführt und ein ehrgeiziges internationales Programm entwickelt, das Führungspersönlichkeiten, Forscher und Aktivisten der verschiedensten Disziplinen zusammenbringt. Ich sehe mich als Anwältin und Botschafterin der Ozeane, aber meine Arbeit konzentriert sich auf die TBA21-Stiftung und ihre Sammlung. 

Um auf den Schutz der Ozeane aufmerksam zu machen, gibt es auch eine neue Performance von Ihnen. Nach der Premiere in Norwegen ist „Sounds Too Many“ 2019 in Städten wie Paris, Venedig und Los Angeles zu erleben. Wie kamen Sie auf die Idee, die Schallverschmutzung der Ozeane in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich habe mich schon immer sehr für Sound interessiert und habe viele Jahre auf sehr kreative Weise damit gearbeitet. Es ist eine echte Leidenschaft!  

Unter der Schirmherrschaft meiner Kunststiftung TBA21 haben wir viele Arbeiten in Auftrag gegeben, die sich mit sozialen und ökologischen Themen befassten. Mehr als 30 dieser Aufträge waren Kompositionen. Am meisten inspiriert haben mich diejenigen, die sich auf Klänge der Natur konzentrierten. Wie jene der norwegischen Klangkünstlerin Jana Winderen, die ihr Berufsleben als Meeresbiologin begann. Sie verwendet nur ihre eigenen Feldaufnahmen aus dem Ozean, die sie zu Kompositionen verarbeitet. Jana behandelt die Riffpopulationen wie einen Chor. Durch die Zusammenarbeit mit ihr begann ich zu verstehen, dass der Klang ein emotionaler Informationsträger sein kann. 

Als ich mit Jana auf einem kleinen Boot herumschipperte und Buckelwale singen hörte, war ich überwältigt. Wasser ist ein hervorragender Schallleiter, sodass Töne klarer und intensiver sind – und weiter hörbar als in der Luft. Deshalb sind viele Meilen entfernte Wale fast so gut zu hören wie jene, die direkt unter dem Boot singen.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Es schockierte mich, wie viel von Menschen erzeugter Lärm das Leben im Meer stört. Seitdem setze ich mich für leise Ozeane ein und mache neben der Arbeit von Wissenschaftlern und Aktivisten mittels Kunst auf das Problem aufmerksam. Die kollektive Sorge um unsere Ozeane wächst – und ich bin stolz, zu dieser Entwicklung beitragen zu können.

 

Bild 1907_W_Francesca_Portr-1.jpg
FRANCESCA! Ihr Herz schlägt nicht nur für die Kunst, sondern auch für den Umweltschutz. ©Irina Gavrich

Was erwartet die ZuseherInnen bzw. ZuhörerInnen beim Projekt „Sounds Too Many“?

„Sounds Too Many“ ist ein Performance-Vortrag, der den Ozean und die wachsende Schallverschmutzung mittels audiovisueller Methoden in den Mittelpunkt stellt. Dieses Projekt fordert einen ruhigeren Ozean. Die Präsentation vermittelt eindringlich, welche Auswirkungen die unregulierte Lärmverschmutzung auf die Natur hat.

Der Ozean ist eine völlig andere Klanglandschaft. Unter Wasser bewegt sich der Schall achtmal schneller als in der Luft. Der Klang ist entscheidend für das Leben unter Wasser und die Hauptmethode, mit der viele Meerestiere navigieren, jagen, sich paaren und Kontakte knüpfen.

Die Lärmbelastung durch Schifffahrt, militärische Operationen, Bergbau und Energieexploration hat sich in den vergangenen 50 Jahren verzehnfacht, insbesondere auf der Nordhalbkugel. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass sich der Schiffslärm bis 2030 verdoppeln könnte, neue Umweltrichtlinien für die Schifffahrt jedoch gleichzeitig die Kohlenstoff- und Schallemissionen senken könnten. Es ist für viele Arten im Ozean überlebenswichtig, dass wir die chemische Belastung und Lärmbelastung reduzieren und bestimmte Praktiken verbieten, die über alle Maßen zerstörerisch sind. Diese können und müssen durch neue Systeme und Verfahren ersetzt werden, die die Regeneration der Ozeane unterstützen.

 Was kann Kunst in Zusammenhang mit dem Schutz der Umwelt bzw. der Rettung der Meere?

Die TBA21-Academy arbeitet auf dem neuesten Stand der Meeresforschung und bedient sich der Kunst als Kommunikationsmittel. Sie fördert echte Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg und das Bewusstsein für die Bedeutung des Ozeans als für uns alle lebenswichtiger Raum. Sie ist sich aber auch bewusst, dass die Suche nach Lösungen ein langer Prozess ist, der Hingabe und Engagement und intensive Forschung verlangt.

Bild Joan Jonas,  low res Moving Off the Land II, (3).jpg
KUNST FÜR DIE UMWELT. In einer alten Kirche am Campo San Lorenzo in Venedig richtete die TBA21-Academy einen Kulturraum, den „Ocean Space“, ein. Die Ausstellung „Moving Off the Land II“ von Joan Jonas ist bis 29. September zu sehen. ©Enrico Fiorese

"Kunst berührt uns und hilft dabei, alte Denkmuster zu durchbrechen. "

- Francesca Thyssen-Bornemisza

Kann Kunst die Welt retten?

Natürlich! Kunst ist eine sehr mächtige Sprache. Sie stellt ehrliche Fragen, konfrontiert uns mit Problemen und ist gleichzeitig eine Quelle der Hoffnung für eine bessere Welt, für eine bessere Zukunft für unsere Kinder.

Am wichtigsten ist, dass Kunst zu einer Plattform für Lösungen und Innovationen geworden ist, die unsere künftigen politischen Entscheidungsträger dazu bringen können, innovative Menschen zu unterstützen, die es schwer haben, sich Gehör zu verschaffen. 

Kunst befasst sich mit den drängendsten Problemen unserer Zeit. Künstler, Kuratoren und Kulturorganisationen nehmen die Zukunft unseres Planeten extrem ernst. So wie Greta Thunberg Schüler mobilisiert, mobilisieren KünstlerInnen zunehmend engagiertes Publikum mit ihrer Kunst und ihrem Wissen – und das wird zu einer Bewegung. Die kommerzielle Kunst dagegen wiederholt sich stets und ist daher vorhersehbar. Die wahre Kunstwelt ist engagiert und lösungsorientiert. Künstler sind seit der Renaissance die Antennen unserer Gesellschaft. Und wir brauchen jetzt eine Renaissance und kein Weltuntergangsszenario!