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People | 22.04.2021

Frau mit Haltung

Naomi Campbell und Claudia Schiffer standen vor ihrer Kamera, ihre Plakate für Palmers haben Kultstatus, ihre Modeaufnahmen für Helmut Lang machten Elfie Semotan (79) zur international bekanntesten Fotografin Österreichs. Das KUNST HAUS WIEN würdigt die Fotokünstlerin mit einer Ausstellung.

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Selfportrait, Wien 2020 © Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan.

Elfie Semotan heißt mich in ihrer hellen und großzügigen Altbauwohnung in der Wiener Innen­stadt willkommen. Unmengen an Büchern in Regalen, Bilder und Gemälde von Freunden und Weggefährten sowie ihre eigenen Fotografien und viele Sammlerstücke zeugen von einem auf­ regenden Leben zwischen Wien, Paris, New York und dem Burgenland. Öster­reichs bekannteste Fotografin ist eine mutige und sympathische Frau, der Freiheit von Kindesbeinen an ein hohes Gut war, die Konventionen gescheut hat und trotz einiger Schicksalsschläge das Leben so angenommen hat, wie es gekommen ist.

look!: Sie sind während des Zweiten Weltkriegs in Oberösterreich aufgewachsen. Wie war Ihre Kindheit?

Elfie Semotan: Mein Familienleben war chaotisch, aber das Leben am Land hat es mir erlaubt, raus in die Natur zu gehen und viel Frei­heit zu genießen.

Ihre Mutter verließ die Familie, als Sie zwei Jahre alt waren. Wie haben Sie das empfunden?

Für meinen Vater war es sicher nicht einfach, in einer schwierigen Zeit mit wenig Geld Alleinerzieher zu sein. Es war ein Glück, dass er bei der Eisenbahn gearbeitet hat und deshalb nicht in den Krieg ziehen musste. Mit acht Jahren holte mich meine Mutter auf meinen Wunsch zu sich nach Wien. Sie arbeitete als Röntgenassistentin und hat zur Untermiete bei einer Familie gewohnt. Als ich die gepflasterten Straßen sah, dachte ich mir: „Wo soll ich da spielen?“ Ich ging in eine Klosterschule und war dort richtig schlimm. Nach einem Jahr in Wien zog ich wieder zu meinem Vater und meiner Stiefmutter, die ich nicht sehr gemocht habe, aufs Land zurück.

Wie sehr hat Sie diese Familien­konstellation geprägt?

Meine Mutter war energiegeladen und ehrgeizig, was ich als Kind so natürlich nicht wahrgenommen habe. Ich war 15 Jahre alt, als die Apothekerin in Haag zu mir sagte: „Du bist wie deine Mutter eine tolle und mutige Frau.“ Das machte mich glücklich, Gutes über meine Mutter zu hören und wie sie zu sein.

Sie sind dann in Wien in die Mode­schule Hetzendorf gegangen. Hat Sie Mode schon immer interessiert?

Ich denke schon. Ich erinnere mich, als ich im Volksschulalter war, hat mir meine Mutter einmal einen Badeanzug mit grünen Fröschen geschickt. Der war mir zwar ein bisschen zu klein, aber ich habe ihn mit Begeisterung getragen.

Was haben Sie nach der Modeschule gemacht?

Zuerst habe ich versucht, bei einer der damals sehr wenigen Prêt-­à-porter-Firmen zu arbeiten. Ich sollte genau nach deren Anweisungen entwerfen. Langweilige Teile, die ich selbst nie anziehen würde. Ich habe gekündigt und Gertrud Höchsmann engagierte mich für ein Jahr. Bei ihr habe ich sehr viel gelernt. Danach habe ich mein Glück als Fotomodell und Mannequin versucht. Anfang der 1960er Jahre hat das in Wien nicht funk­ tioniert. Also bin ich nach Paris gegangen. Ich hatte 700 Schilling in der Tasche und konnte zwei Wochen lang bei einer Freundin in einem Hotel wohnen. Ich habe alle Couture-Häuser angerufen. „Lanvin“ hat mich für zwei Monate als Model engagiert. Insgesamt habe ich zehn Jahre in Paris gelebt und gearbeitet.

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Das österreichische Model: Cordula Reyer, Ungarn, 1990. © Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan.

Wie sind Sie zum Fotografieren gekommen?

Durch meinen Beruf und den kanadischen Fotografen John Cook, den ich in Paris kennengelernt habe und mit dem ich auch liiert war. Er hat mir das Fotografieren beigebracht und sobald ich es konnte, hat er sich alles von mir entwickeln lassen. Wenn man selbst entwickelt und Prints macht, sieht man sofort, was man falsch gemacht hat.

Gab es zu dieser Zeit in Paris viele Fotografinnen?

Neben mir hat es noch eine deutsche Fotografin gegeben, sonst eigentlich nur männliche Fotografen. Natürlich gab es Sarah Moon, wir waren befreundet und haben gleichzeitig angefangen. Aber ob Mann oder Frau, darauf habe ich eigentlich nie geachtet, es schien mir normal und ich hatte kein Problem, mich durchzusetzen. Mein Anliegen waren immer mein Können und meine persönliche Freiheit.

Gemeinsam mit John Cook sind Sie dann zurück nach Wien gegangen. Haben Sie als Fotografin sofort Fuß gefasst?

Mein Einstieg in Wien als Fotografin war nicht schwierig. Die Modebranche war am Anfang und durch die zehn Jahre in Paris hatte ich einen riesigen Erfahrungsvorsprung. Ich fotografierte alles, Porträts und Modekataloge. Magazine hat es damals noch nicht gegeben.

Haben Sie zu dieser Zeit noch als Model gearbeitet?

Nein. John Cook hat in Wien als Filmemacher gearbeitet, wir haben uns dann bald getrennt und John ist wieder nach Kanada zurückgegangen.

Sie sind in Wien geblieben?

Ja. Mit 32 Jahren lernte ich Kurt Kocherscheidt kennen, wir heirateten und bekamen zwei Kinder. Nachdem Kurt im November 1992 verstarb, bin ich noch eineinhalb Jahre in Wien geblieben und dann nach New York gegangen. Ob Werbekampagnen für Palmers, Römerquelle oder Sujets für Zigarettenwerbung – ich hatte beruflich alles gemacht, was gut war. Die Sujets hatten Kultstatus. Damals konzipierte man Kampagnen auf längere Sicht.

Wie war Ihr Neustart in New York?

Wunderbar. Ich war 52 Jahre alt und es war ein kompletter Neuanfang. Meine Freundschaft mit Helmut Lang, der schon in New York gelebt hat, hat einiges einfacher gemacht. Obwohl ich als Fotografin in Amerika nicht gänzlich unbekannt war, musste ich die Agenturen abklappern und meine Arbeiten vorstellen.

Wie alt waren damals Ihre Söhne?

August war 13 Jahre alt, Ivo 21 und hat damals schon in London studiert. Es war mir wichtig, das Leben in Wien so gut wie möglich zu organisieren, weil ich mich an meine chaotische Kindheit erinnert habe und das für meine Söhne nicht wollte. Ich bin zwischen New York und Wien gependelt.

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o. T. (Inspiriert von Diane Arbus) Americana, Wien, 2018. © Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan.

Sie haben für Fashion-Magazine wie Vogue, Elle, Esquire, Harper’s Bazaar... fotografiert und viele Supermodels abgelichtet, wie war das Arbeiten mit Ihnen?

Sehr gut, diese Mädchen sind sehr professionell. Die Mär, dass Models dumm sind, stimmt natürlich nicht. Naomi Campbell wurde ihrem Ruf gerecht und kam meistens drei, vier Stunden zu spät ans Set. Mit Gisele Bündchen konn­te ich exzellent arbeiten. Schlechte Fotos mit Supermodels zu machen, ist fast nicht möglich. Sie haben Präsenz und Aus­strahlung und wissen genau, was sie tun.

Vier Jahre nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie den exzentrischen Künstler Martin Kippenberger gehei­ratet. Hätten Sie sich auch ein Leben mit einem 08/15 ­Mann vorstellen können?

Konventionen, gesellschaftliche Ver­pflichtungen, Regeln – ob religiös oder weltlich – waren für mich immer schwie­rig. Wenn es notwendig war, habe ich Regeln gebrochen. Ich war als Kind oft allein, habe viel beobachtet und bald erkannt, dass ich gesellschaftlich nicht sehr angepasst bin. Mir war schnell klar, dass ich in einer künstlerischen Umge­bung sehr gut leben könnte.

Wie sehr haben Sie Ihre Männer in Ihrer Arbeit geprägt?

In der Fotografie hat mich John Cook am meisten geprägt. Er war eine Ausnahmeerscheinung in der Mode­fotografie. Soziale Aspekte hatten immer Bedeutung für mich, Mode und Mode­fotografie waren davon nicht ausge­nommen. Das Leben, das ich später im Künstlermilieu geführt habe, hat nur bestätigt, was ich ohnehin wollte. Mein Ziel war immer, nicht die glamouröse Seite der Mode abzubilden, sondern die Menschen, die die Mode am Leib trugen.

Sie haben in den 1980er Jahren für Palmers fotografiert, gab es da auch Anfeindungen?

Ja, sicher, die Feministinnen haben diese Plakate gar nicht geschätzt. Beson­ders bei diesen Fotos war mir immer bewusst, wie wichtig es ist, jedem Men­schen seine Würde zu lassen, egal, ob er Unterwäsche oder was auch immer an­ hat. Während des Fotografierens war es mir wichtig, die Frauen nicht einfach nur zum Display männlichen Begehrens zu machen. Ich habe auch Männer in Unterhosen fotografiert, das hat aller­dings niemanden interessiert, weil Män­ner unabhängiger von der öffentlichen Meinung sind und dadurch anders respek­tiert wurden. Das ist heute noch so.

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Elfie Semotans zweiter Mann: Martin Kippenberger in Issey Miyake, Wien, 1996/2014. © Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan.

Da hat sich also nicht viel verändert?

Denken Sie an die Werbung mit Frauen, die mit einer Damenbinde über Wiesen hüpfen. Gibt es nicht eine andere Möglichkeit, diese Werbebotschaft zu zeigen? Immerhin sind wir alle erwach­sen und können auch über solche Dinge reden.

Wie definieren Sie Schönheit?

Selbst beim Fotografieren ist die oberflächliche Schönheit nicht das Wich­tigste. Es gibt vieles, was von mir unver­ständlicher Weise als schön akzeptiert wird. Ich habe einmal einen Bauern­kalender fotografiert, weil mich die einseitige Darstellung der ländlichen Sexualität, die damals fast ausschließlich vom Playboy abgeleitet war, geärgert hat und ich das anders machen wollte. Zum Casting kamen Söhne und Töchter von Bauern. Darunter waren auch die „Ball­ königinnen“ – also Mädchen, die am Dorfball zur Schönsten gekürt werden. Ich habe aber Frauen ausgewählt, die letztendlich nicht als klassische Schön­heit bezeichnet werden konnten. Es war der Gesamteindruck, der diese Schönheit ausgemacht hat.

Facebook, Instagram... Wir leben in der Welt der schönen Bilder. Können Sie Social Media etwas abgewinnen?

Daran sieht man, wie unglaublich wichtig und mächtig Werbung noch immer ist. Man sieht es besonders an den kleinen Mädchen, die mit der Farbe Rosa und später mit Kosmetikartikeln überhäuft werden. Die jungen Mädchen sind einheitlich geschminkt und frisiert und das mit einer Perfektion, die ich schrecklich finde. Es ist das gleich­ geschaltete Bild, das mich stört, es gibt so viele Variationen der Schönheit.

Arbeiten Sie noch viel?

Ich arbeite in erster Linie für mich und befasse mich mit Politik und Frauen­themen, wie der Gleichstellung von Mann und Frau. Mir war sehr früh bewusst, dass es ganz wichtig ist, sein eigenes Leben zu leben und sein eigenes Geld zu verdienen. In einer Beziehung muss jeder sein Leben mitbringen, über das man sich dann gegenseitig austauschen kann. Das ist sehr wichtig und wunderbar.

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o. T., (Stillleben), New York, 1998. © Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan.

Also eine gewisse Freiheit auch in der Liebe und in Beziehungen?

Nicht nur Freiheit, auch Selbstständigkeit. Ich war beruflich immer viel unterwegs und glaube, dass kurze „Trennungen“ wichtig sind, um den Menschen, den man liebt, immer wieder neu zu sehen. Man muss Abstand haben, um Nähe immer neu erleben zu können. Ich war oft unglücklich, wieder wegfahren zu müssen. Aber im Endeffekt hat es die Beziehungen lebendig erhalten.

Sie werden im Sommer 80 Jahre, was können Sie dem Älterwerden ab­ gewinnen?

Das Alter kann großartig sein, wenn man sich selbst nicht unter Druck setzt und mit 25-Jährigen mithalten will. Ob Frau oder Mann, ob Alt oder Jung, das hat für mich nie eine Rolle gespielt. Wichtig ist für mich, wie man sich mit jemandem unterhalten kann. Ich fühle mich ganz wohl, so wie es jetzt ist.

Was hat Sie das Leben gelehrt?

Ich würde mein Leben wahrscheinlich wieder genauso leben, weil ich mein Denken nicht vollkommen verändern könnte. Man muss Dinge, die sehr einschneidend sind und unter denen man leidet, mit sich
selbst ausmachen. Am bes
ten einfach alles, was einem im Leben widerfährt, analysieren, hinterfragen und dazu Stellung beziehen. Einen Weg für sich finden. Das gibt Freiheit.

Die Ausstellung im KULTUR HAUS WIEN trägt den Titel „Haltung und Pose“ – das ist in zwei­erlei Hinsicht zu verstehen, oder?

Ja, genau. Es ist ganz wichtig, dass Frauen nicht wieder in bestimmte Klischees zurückfallen. Alleine durch meine Familienkonstellation musste ich mich schon sehr früh fragen, was ich möchte und wie ich gerne leben würde. Im Laufe seines Lebens ist man zahllosen Einflüssen ausgesetzt. Jeder bringt seine eigene Persönlichkeit mit, man wird erzogen und betrachtet seine Umwelt mit wachen Augen. All das führt zu einer Einstellung, die man Haltung nennen kann.

Wie sehr hat Sie das Corona­ Jahr getroffen?

Es hat mich nicht allzu sehr getroffen. Ich bin nicht im Aufbau meines Berufslebens und kann tun, was ich möchte, mit oder ohne Corona. Ich habe sehr viel gelesen, das war großartig, ich habe viel gelernt. Ansonsten hat mir alles gefehlt, was in unserer Zivilisation und Kultur normalerweise selbstverständlich ist, wie Freunde sehen, ins Kaffeehaus oder ins Museum zu gehen oder im Geschäft Bücher zu kaufen.

Welches Motiv haben Sie am meisten fotografiert?

Ich habe meine Kinder ganz viel fotografiert, Freunde und auch Helmut Lang, obwohl er ganz oft versucht hat, es zu verhindern (lacht). Am häufigsten und am ungehindertsten habe ich Landschaften und Still Lifes gemacht.

Wann ist ein Foto ein gutes Foto?

Wenn man Menschen in ihrer Substanz darstellen kann, ohne dass man sie preisgibt.


ELFIE SEMOTAN, 79

Geboren in Wels, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in Oberösterreich und Wien. Sie begann ihre Karriere als Fotomodell in Paris und wechselte Ende der 1960er Jahre hinter die Kamera. Als Fotografin wurde sie vor allem durch die langjährige Zusammenarbeit mit Helmut Lang und durch ihre provokanten Kampagnen für Palmers und Römerquelle bekannt. Semotan war mit den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Wien und im Burgenland


ELFIE SEMOTAN HALTUNG UND POSE 05. Mai - 29. August 2021 Ausstellung im Kunst Haus Wien

In der Ausstellung wird der fotografische Kosmos Semotans als großes, ineinandergreifendes Geflecht von spezifischen Fragestellungen und Herangehensweisen an das Medium Fotografie erfahrbar gemacht.

Die Ausstellung umspannt sechs Jahrzehnte ihres künstlerischen Werks.

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