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People | 18.04.2019

Frauen müssen sich alles zutrauen

Diese Story wird Vea Kaiser überblättern, sie liest lieber über andere Autoren. Spannendes erzählt sie trotzdem: über sexuelle Belästigung, die falsche Erziehung von Mädchen, ihr Eheglück – und über Begräbnispläne.

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Stark. Bestsellerautorin Vea Kaiser, 30, studiert Philologie mit Schwerpunkt Altgriechisch. Früher wollte sie „eine Friseurin sein, mit der man über Philosophie und Politik redet“. © Ingo Pertramer

In Wien setzte Bestsellerautorin Vea Kaiser, 30, große Hoffnungen. „Denn“, so sagt sie, „die Stadt war für mich ein Versprechen, dass es einen Ort gibt, an dem ich akzeptiert werde.“ Traurig klingt sie dabei nicht. Aus dem „introvertierten Außen­­­­­seiterkind“ aus dem Wienerwald, wie sie sich selbst beschreibt, wurde längst eine reflektierte, selbstbewusste Frau. Heute hat sie sogar Sehnsucht nach dem Land. – Im Interview spricht Vea Kaiser über Privates und über ihren neuen Roman „Rückwärtswalzer“, eine herzerwärmende Familiengeschichte aus dem Waldviertel.

Wegen Ihres neuen Romans  sind Sie wieder omnipräsent in den Medien. Lesen Sie alles, was über Sie geschrieben wird?

Vea Kaiser: (lacht) Nein, ich lese nichts, was über mich geschrieben wird. Ich habe damit bei meinem ersten Buch 2012 aufgehört. Wenn ich kritisiert werde, macht mich das sehr traurig, und wenn ich gelobt werde, macht mich das arrogant.

 

Sind Sie nicht neugierig?

Die Neugier ist eine der schönsten Eigenschaften des Menschen. Sie hat ihn dazu gebracht, die Höhle zu verlassen. Aber die Neugier hat auch Pandora dazu gebracht, die Büchse zu öffnen, die alles Übel in die Welt ließ. Ich will nicht so genau wissen, wie ich für andere Leute wirke. Es gibt doch auch nichts Peinlicheres als Autoren, die via Facebook auf Texte, die über sie geschrieben wurden, reagieren. Da sage ich: Wenn du nicht damit umgehen kannst, gib keine Interviews. Vielleicht bin ich auch einfach faul (schmunzelt).

 

Ihre Romanfamilie ist aus dem Waldviertel. Wie sehr pocht in Ihnen das niederösterreichische Herz?

Meine Familie lebt in Niederösterreich, ich bin viel draußen. Wir haben gerade eine interessante Phase: Mein Mann ist halb Wiener, halb Süditaliener, er arbeitet in Wien, das Landleben ist für ihn keine Option. Wir wünschen uns Kinder, aber sie in der Großstadt großzuziehen, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie das funktionieren soll.

 

Ein Thema Ihres neuen Buches ist der Tod.

Die Geschichte wurde meine erste große Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. 2016 habe ich binnen zwei Wochen drei sehr, sehr liebe Menschen verloren: meine Großmutter, meinen Griechisch-Lehrer, der Ende 40 war. Ganz schlimm war der Tod meines ehemaligen Mitbewohners mit 28. Da habe ich gelernt, dass der Tod jede Sekunde kommen kann. Ich habe während der Arbeit am Roman mein Begräbnis geplant: von der Musik bis hin zu den Blumenarrangements.

 

Ernsthaft?

Ja. Das Sterben gehört zum Leben wie das Geborenwerden. Es geht heute viel um jung und schön, aber wir dürfen nicht den Fehler machen, uns für unsterblich zu halten. Wir müssen an morgen denken. Toll finde ich die großen Schülerstreiks. Da sagt eine junge Generation: „Ihr denkt nur an euch!“ Dass wir Teil eines ewigen Ganzen sind, sollten wir uns öfter in Erinnerung rufen.

 

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glücklich. Geheiratet wurde im Sommer in Italien – ein „Big Fat Italian Wedding“, wie Autorin Vea Kaiser auf Instagram zu Protokoll gab. © Daniela Matejschek

Wie stehen Sie zum Feminismus?

Er ist eine Selbstverständlichkeit,  gerade für meine Generation. Selbstverständlich ist es für meinen Mann und mich, dass wir uns alles aufteilen: Rechte und Pflichten. Aber ich verzweifle auch oft, wenn man mich fragt, ob ich glaube, dass ich so erfolgreich wäre, wenn ich nicht so hübsch wäre. Ich hatte auch meine Erfahrungen mit grausigen Literaturkritikern, die dir die Hand auf den Oberschenkel legen und dir anbieten, dass sie was für dich tun können. Vor allem bei meinem ersten Roman. Das wagt jetzt keiner mehr.

 

Verhandeln, Ihre Arbeit gut verkaufen – wie haben Sie das gelernt?

Ich bin an den Herausforderungen gewachsen. Ich wurde anfangs hintergangen und habe mich damit – auch mit therapeutischer Hilfe – intensiv auseinandergesetzt und viel gelernt. Ich habe mir angewöhnt zu sagen: Ich kann was, ich brauche mich nicht zu rechtfertigen. Das Hauptproblem ist, dass Mädchen in unserer Gesellschaft falsch erzogen werden. Läuft ein Bub laut durchs Lokal, ist er lebhaft. Tut das ein Mädchen, ist das eine Katastrophe. Wenn Buben weinen, ist das mittlerweile super, sie stehen zu ihren Gefühlen; wenn Mädchen weinen, sind sie hysterische Zicken. Wenn Mädchen dazu erzogen werden, still und artig zu sein, dann ist klar, dass sie sich später als Frauen zunächst entschuldigen, wenn sie beim Chef eine gute Idee vorbringen. Wichtig ist, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. So viele Frauen haben Angst, dass etwas peinlich wird. Etwa wenn sie mehr Gehalt fordern. Dir hat aber nichts peinlich zu sein!

 

Sie haben Klassische Philologie mit Schwerpunkt Altgriechisch studiert. Wie kam’s dazu?

Ich brenne für die Klassische Philologie; ich habe gewusst, das wird mich glücklich machen, selbst wenn ich Immobilienmaklerin werde. Die Schriftstellerei habe ich nie ernsthaft als Berufswunsch angestrebt. Immobilien haben mich gereizt oder die Gastronomie. Ich habe auch überlegt, neben dem Studium eine Lehre zu machen und einen eigenen Salon zu eröffnen: Ich wollte eine Friseurin sein, mit der man über Philosophie und Politik redet.

 

Nun schreiben Sie erfolgreich, die Liebe zu Altgriechisch blieb  …

Ich habe gerade meinen Master gemacht und will mein Doktorat anfangen. Eigentlich wollte ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Aber ich habe einen Arzt geheiratet und es gibt immer noch Menschen, die jetzt „Frau Doktor“ zu mir sagen. Da bin ich Feministin! Ich bin gerne eine Frau Doktor, aber nur wenn ich das selbst erwirtschaftet habe (lacht).                              

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Neu. Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer“, Verlag Kiepen­heuer & Witsch, € 22,70