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People | 05.07.2022

FRAUEN-POWER

Deesha Philyaw hat mit „Church Ladies“ ein eindrückliches Debüt abgeliefert. In ihren Geschichten geht es nicht um Hautfarbe und Rassismus, sondern um das universelle Streben nach Glück.

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© Vanessa German

Deesha Philyaw erzählt von vier Generationen schwarzer Frauen und Mädchen, die für ihren Platz in der Welt kämpfen, mit dem moralischen Korsett hadern, in das sie gesteckt wurden, und wenigstens für kurze Zeit ihren Leidenschaften folgen. Sie alle leben ein zweites Leben im Verborgenen.

look!: Wann hatten Sie die Idee zu diesem Buch?

Deesha Philyaw: Vor etwa sechs oder sieben Jahren ermutigte mich meine Agentin, „Church Ladies“ zu schreiben. Es war ihre Idee. Sie hatte ein paar Geschichten gelesen, die ich geschrieben hatte, und sie dachte, ich könnte eine Sammlung um die Themen in diesen Geschichten aufbauen – schwarze Frauen, Sex und die schwarze Kirche.

Sie schreiben sehr direkt. War es schwierig, die Dinge beim Namen zu nennen?

Überhaupt nicht. Ich habe das Gefühl, dass es Zeitverschwendung ist, wenn ich mir ein Blatt vor den Mund nehme und nicht direkt bin. Ich bin dankbar, die Gelegenheit zu haben, Ge- schichten über Menschen und Orte zu schreiben, die mir wichtig sind, und ich möchte sie nicht verschwenden, indem ich nett tue oder mir Sorgen darüber mache, wer vielleicht nicht mag, was oder wie ich es geschrieben habe.

Sie schreiben nur über Schwarze. Warum?

Schwarze Menschen sind der fruchtbare Boden, aus dem ich gewachsen bin. Wir sind die Menschen, auf die ich am meisten neugierig bin und die ich am meisten beschütze. Der Dramatiker August Wilson sagte, und ich stimme zu: „Es gibt keine Idee auf der Welt, die nicht in schwarzen Leben enthalten ist. Ich könnte ewig über die Erfahrung der Schwarzen in Amerika schreiben.“

Haben Sie eine Lieblingsfigur in Ihrem Buch?

Das ist hart! Es ist, als würde man sein Lieblingskind auswählen. Wenn ich mich entscheiden muss, wähle ich Jael. Mit 14 wäre ich gerne so wie sie gewesen. Ehrlich und mutig. Eine Kämpferin.

Warum haben Sie die Kirchen­ gemeinde als gemeinsamen Nenner gewählt?

Es gibt keine Geschichte ohne Konflikte, ohne dass etwas auf dem Spiel steht, und die Kirche ist ein fruchtbarer Boden für Konflikte und hohe Einsätze. In der traditionellen schwarzen evangelikalen Kirche gibt es das, was man die „unheilige Dreifaltigkeit“ nennt – Angst, Schuld und Scham. Sie haben Dogmen und schädliche Binaritäten (Himmel oder Hölle, Madonna oder Hure). Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Sie haben Heuchelei. Sie haben Skandale. Sie haben eine patriarchalische Führungsstruktur neben einer mehrheitlich weiblichen Gemeinde. Und Sie haben die Besessenheit der Kirche von sexueller Reinheit und der Kontrolle des sexuellen und reproduktiven Lebens von Frauen. Es gibt so viel Potenzial für Konflikte und Unordnung, so viele endlose Handlungsmöglichkeiten von Frauen, die versuchen, sich von diesen Zwängen zu befreien, um durch ein nuancierteres, erfüllteres Leben zu navigieren.

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ANGEKOMMEN. Deesha Philyaw schreibt seit 20 Jahren, jetzt erst wurde ihr erster Roman veröffentlicht. Der Stoff wird sogar für das Fernsehen adaptiert. © beigestellt / privat

Wie wichtig ist Religion in Ihrem Leben?

Sie ist nicht mehr wichtig, aber ich war ein Kirchenmädchen, bis ich 34 war. Ich identifizierte mich bis dahin als Christin, aber ich fühlte nie die warme, verschwommene Verbindung zu Gott, die Christen nach den Grundsätzen des evangelikalen Christentums erfahren sollten. Ich habe Religion als Verpflichtung erlebt.

Wie viel Deesha ist im Buch?

Da sind Kerne von mir drin. Zum Glück hatte ich keine Mühe, aus dem „Kirchenschaden“ auszubrechen, wie es meine Charaktere tun; Das Schlimmste blieb mir erspart. Aber das übergeordnete Thema des Strebens, vollständiger, ehrlicher und freier zu leben, stammt definitiv aus meinen Lebenserfahrungen. Es gibt nicht den einen Charakter, der komplett ich bin. „Dear Sister“ ist wahrscheinlich die autobiografischste Geschichte, aber sie ist immer noch Fiktion.

Ihr Stil ist manchmal sehr lustig. Begegnen Sie Herausforderungen oft mit Humor?

Humor zeigt sich organisch. Ich versuche niemals, ihn zu erzwingen. So viel vom Leben ist Lachen und Tränen Seite an Seite.

Was haben Sie von Ihrer Mutter oder Großmutter gelernt?

Sie lehrten mich, rücksichtsvoll, nachdenklich und großzügig zu sein.

Was bringen Sie Ihren Töchtern gerne bei?

Ich versuche ihnen beizubringen, mutig zu sein, Raum einzunehmen und sich selbst zu vertrauen und zu achten, immer.

Sollte jede Frau ein geheimes Leben haben?

Ja, aber die freche Art, die Art, die ein schlaues Lächeln auf dein Gesicht zaubert, wenn du darüber nachdenkst. Nicht die Art „Ich muss das verstecken, weil ich Angst vor dem Urteil habe“.

Haben Sie Vorbilder?

Ja! Kiese Laymon, Robert Jones Jr., Peachie Wimbush-Polk, Tessa Thompson, Eartha Kitt, Viola Davis, Toni Morrison, Jenny Lumet, Imani Perry und Florynce Kennedy. Und meinen Therapeuten!

An welchem Thema arbeiten Sie gerade?

An so vielen! Einer meiner Favoriten ist ein neuer Roman über die Frau eines Predigers.

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CHURCH LADIES. Erzählungen, übersetzt von Sabine Roth und Elke Link, ars vivendi, 200 S., € 22,–. © beigestellt